[Gastrezension: Susanne] “Das Ende der Welt, wie wir sie kennen” von Robert Goolrick

Das Ende der Welt wie wir sie kennen von Robert GoolrickEs dauert lang, bis das zentrale Thema des Buches “Das Ende der Welt, wie wir sie kennen” offenbar wird. Robert Goolrick, der sein Leben rückwärts – beginnend mit dem Tod des Vaters – erzählt, ist ein missbrauchtes Kind. Im Suff hat der Vater den Vierjährigen vergewaltigt, während die Mutter daneben lag und schlief. Als sie es bemerkt, stoppt sie ihren Ehemann, dreht sich um und schläft weiter. Niemals wird darüber je ein Wort verloren. Auch Roberts Großmutter zeigt, als der Junge sich ihr anvertraut, die verheerendste Reaktion, die man sich denken kann: sie befiehlt dem Jungen, über das Erlebte zu schweigen, ansonsten würde der Familie Schreckliches widerfahren. Und so schweigt Robert, schweigt, leidet und wird sein Leben lang die Folgen spüren, die dramatisch sind und – so scheint es – niemals enden werden. Unfähig Beziehungen zu führen, sehnt sich der Mittsechziger bis heute nach Liebe, Geborgenheit und einer Körperlichkeit, die ihm gut tut. Das in den 50er Jahren Erlebte bestimmt sein ganzes Dasein, und weil er es leid ist, länger zu lügen, hat Goolrick sich seine Geschichte, wenn schon nicht von der Seele, so doch aus seinem Kopf geschrieben, vermutlich nicht zuletzt in der Hoffnung auf späte Heilung.

Das Familienleben der Goolricks ist eines, das gekennzeichnet ist von großen und kleinen Festen, von Alkohol in rauen Mengen, modischen Fassaden und einer großen Kälte, die zwischen den Eltern und ihren drei Kindern herrscht. Roberts Rolle innerhalb der Familie ist die des ungeliebten Nichtsnutzes. Und statt sich mit zunehmendem Alter mehr und mehr aus dieser demütigenden Situation zu befreien, schraubt er sich selbst immer weiter ins Unheil, indem er ständig damit beschäftigt ist, sich die Liebe und Zuwendung seiner Eltern zu erkaufen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, wie er spät erkennt. Statt Vater und Mutter anzuklagen, hechelt er ihnen wie ein unwürdiger Bittsteller hinterher, ohne je zu bekommen, was er ersehnt. Auch seine anderen Beziehungen können sich nicht so entfalten, wie Robert es sich wünscht. Ob Männer oder Frauen – wahre Liebe, Nähe und ein Zuhausesein, das sind Erfahrungen, die ihm verwehrt bleiben. Als Ventil für all diese Enttäuschungen wählt Goolrick den Weg der Selbstverletzungen; Auslöschung seiner selbst, das scheint der einzige Ausweg.

Robert Goolrick ist ein einsamer Mann, das spürt man auf jeder seite seines Buches. Und während ähnliche Geschichten doch häufig ein gutes Ende finden, weil ein Ausweg sich auftut, hat man hier beim Schließen des Buches die große Sorge, dass dieser Mann seinem Schicksal tatsächlich nicht entkommen kann. Eine einmalige Tat hat sein Leben grundlegend und irreversibel beschädigt. Auf das Happy End wartet der Leser vergeblich, aber was noch viel schlimmer ist: Robert Goolrick selbst scheint keine Hoffnung mehr zu haben. Insofern mag sich der Satz auf dem Buchumschlag zwar schön anhören, allerdings befürchte ich, dass er nicht stimmt: “…er findet die Kraft zu überleben – und die Macht der Sprache, um sich von den Dämonen zu befreien”. Goolrick hat ÜBERlebt, Leben indes sieht wahrlich anders aus.

Robert Goolrick, “Das Ende der Welt, wie wir sie kennen”, btb Verlag, 2013, 256 Seiten, ISBN: 978-3-442-75351-2

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[Gastrezension: Charlotte Wirth] Kultur light – Mario Vargas Llosas Kulturkritik “Alles Boulevard”

Alles Boulevard_Llosa„Die Lektüre dieses schwungvoll geschriebenen Essays lohnt sich auch dort, wo man Widerspruch einlegen will“ schreibt die Frankfurter Allgemeine über die vehemente Kulturkritik des Spaniers und trifft dabei den Nagel auf den Kopf. Auf sehr direkte und leidenschaftliche Art und Weise knöpft sich der Autor die heutige Gesellschaft und Kultur vor und macht eine unbeteiligte oder neutrale Lektüre des Werkes unmöglich.

Bei Llosas Alles Boulevard ist der Titel Programm und so zeichnet der Autor ein sehr pessimistisches Bild unserer gegenwärtigen westlichen Kultur und geht sogar so weit zu behaupten, dass wir keine Kultur im Sinne einer intellektuellen Beschäftigung mit der Gesellschaft, sprich, eines

gemeinsame[n] Erbe[s] von Ideen, Werten und Kunstwerken“, von „historischen, religiösen und wissenschaftlichen Erkenntnissen“ mehr haben, das „die Erkundung neuer künstlerischen Formen ebenso förderte wie die Forschung auf allen übrigen Gebieten des Wissens. (LLOSA VARGAS Mario, Alles Boulevard. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst. Berlin 2013. S.65)

Stattdessen beobachte man gegenwärtig viel mehr eine globale Zerstreuungskultur, ein Spektakel der überfachlichen Verdummung, geprägt von Sensation, Konsum und Unterhaltung, und bei der jegliche Auseinandersetzung mit sich selbst, jegliches Hinterfragen und jegliche geistige Autonomie fehlen.

Aus dem intellektuellen Kulturbegriff sei demnach ein Amalgam geworden bei der niemand mehr ‚kulturlos ist’ und sich einfach alles ‚Kultur’ nennen darf, ganz ohne Abstufungen und Unterschiede, bei dem also eine Oper den gleichen Stellenwert einnimmt wie eine Seifenoper im Fernsehen. Laut Llosa ist unsere Gesellschaft geprägt von einer Sensationsgeilheit, einer Gier nach frivolen und überfachlichen Skandalen, nach unbeschwerter Unterhaltung, Ablenkung und Spaß. (S.33) Charakteristik dieser Entwicklung ist dabei vor allem, dass jegliche tiefgründige Beschäftigung mit dem Subjekt fehlt:

Literatur light, Kino light, Kunst light, sie geben dem Leser oder Betrachter das behagliche Gefühl, er sei gebildet, revolutionär, modern und marschiere an der Spitze des Trends, das alles mit einem Minimum an intellektuellem Aufwand. Und so zementiert diese Kultur, die sich gerne fortschrittlich und tabubrecherisch gibt, in ihrem schlimmsten Ausprägungen, dem Wohlgefallen und der Selbstzufriedenheit, in Wahrheit bloßen Konformismus (S.35)

Hinzu kommt, dass wir heute in einer visuellen und medialen Welt leben. Durch Fernsehen, Internet und vor allem durch Plattformen wie Twitter oder Facebook werden wir überhäuft von einer schier unfassbaren Bilder- und Informationsflut, der wir uns passiv hingeben ohne uns länger damit zu befassen. Es zählen Neuigkeitspotential und Unterhaltung – jegliche Information zum Vergnügungselement. Daraus ergibt sich eine Sensationsgier, bei der Skandale mehr interessieren als jegliche gesellschaftliche Aussage. Alles ist zum Spektakel geworden, ob in der Kunst, Politik oder im Journalismus.Diese Flüchtigkeit der Nachrichten macht jede Reflexion, jeden kritischen Blick zunichte und Lllosa geht sogar so weit zu schreiben die „postmoderne Zivilisation [habe] unsere Kultur moralisch und politisch entwaffnet“. Besonders in der Politik sei dies gefährlich, denn hier gäbe es kaum noch eine kritische Begleitung und Infragestellung des politischen Geschehens durch die Gesellschaft.

In der Kultur des Spektakels trägt der Einfluss, den die Kultur auf die Politik ausübt, leider nicht dazu bei, gewisse Qualitätsstandards und Integrität einzufordern, er verdirbt sie vielmehr moralisch und lässt den Bürgersinn zuschanden gehen, setzt frei, was es an Schlechtesten in ihr geben kann, und macht sie zur reinen Farce. [...] Während in autoritären Gesellschaften die Kultur von der Politik korrumpiert und verdorben wird, ist es in den modernen Demokratien gerade die Kultur – oder das, was diesen Namen für sich beansprucht –,welche die Politiker korrumpiert und verdirbt. (S.87)

Eskapismus ist dabei die treibende Kraft der Gesellschaft in der wir leben: Laut Llosa haben vor allem die Säkularisierung, also die Abkehr von der Religion, sowie der allgemeine Autoritätsverlust nach ’68 eine gewisse Leere hinterlassen, die auch der Fortschritt und neue Erkenntnisse in der Wissenschaft nicht füllen kann. Antworten auf existentielle und tiefgründige Fragen fehlen, Leitlinien zum Leben gibt es nicht mehr. Stattdessen zeichnet sich ein Werteverlust, ein Verlust an Anhaltspunkten und Richtlinien ab. Doch anstatt sich mit dieser Leere zu befassen und existenzielle Fragen aus neuen Blickwinkeln zu untersuchen, hat unsere Gesellschaft sich jeglichem Umwertungsprozess verschlossen und flüchtet sich stattdessen in eine seichte Ablenkung um der Leere zu entfliehen. Die Menschen sind derweil auf der Suche nach:

einem Vergnügen, das sie immunisiert gegen Sorgen und Verantwortung; denn nicht die Begegnung mit sich selbst ist das Ziel, nicht das Nachdenken und die Innenschau, nochgeistige [sic!] Tätigkeiten, die der launischen und verspaßten Kultur langweilig erscheinen. Der Wunsch, der beängstigenden Leere zu entfliehen, die das Gefühl hervorruft, frei zu sein und entscheiden zu müssen, was man mit sich und der Welt ringsum tun soll – zumal wenn sich die Welt dramatischen Herausforderungen gegenübersieht –, dieser Wunsch ist es, der das Bedürfnis nach Zerstreuung schürt, ist die treibende Kraft der Zivilisation in der wir Leben.(S.39)

Llosas Sicht der Dinge und der heutigen Gesellschaft ist radikal. So kann man ihm schwerlich in allen Punkten zustimmen. Populärkultur (popular culture) erkennt er nicht an, er verschließt sich jeglichem Religionspluralismus, stellt die Demokratie über alles und spricht sich komplett gegen die Anthropologie und die daraus resultierende Gleichstellung verschiedener Kulturen aus. (Für ihn gibt es durchaus eine Hierarchie von primitiven und höher gestellten Kulturen – mit der westlichen Kultur (so, wie er sie sich wünscht) an der Spitze.) Seine Vorstellung von Kultur bleibt insgesamt westlich geprägt, einen Einfluss von östlichen Kulturen, Philosophien und Persönlichkeiten (man denke nur an Konfuzius oder Gandhi) und deren gewaltigen Gewinn für unsere Gesellschaft bleiben komplett unerwähnt. So versteckt sich zwischen den Zeilen von Llosas Kulturkritik eine erhebliche Nostalgie nach alten Werten, nach Einfluss und Autorität (vor allen) durch die christliche Religion sowie nach mehr Ordnung.

So sei abschließend festzustellen, dass sich ‚Kultur’ im ursprünglichen Sinne des Wortes im Verschwinden befindet. Doch lässt sich die Frage stellen, ob man diesem Prozess ausschließlich nostalgisch hinterhertrauern soll. Sind Kultur und Gesellschaft ohnehin nicht ständig im Wandel? Wäre die Kultur nicht ‚tot’, würde sie sich nicht mehr weiterentwickeln? Und ist diese Entwicklung ausschließlich negativ zu bewerten? Sollte man vielleicht den Kulturbegriff neu definieren, gerade um ihn einer kritischen Bewertung zu unterziehen? Letzterer bedarf es tatsächlich, denn bei einem ist Llosas vorbehaltlos zuzustimmen. Wir leben in einer Zerstreuungskultur in der die Suche nach dem ich und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Inneren verloren gehen und Werte wie Altruismus und Empathie in den Hintergrund rücken. Eine kritische Untersuchung könnte uns diesen Prozess vor Augen führen, obgleich nicht alle Aspekte unserer heutigen Kultur und Gesellschaft durch eine solch schwarze Brille wie die von Llosa zu sehen sind.

Mario Vargas Llosa “Alles Boulevard – Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst”, Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-46526-4

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Vielen Dank, liebe Charlotte, für Deine Gastrezension!

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Gastrezensenten

IMG_6863Ich kann – leider – nicht alle Bücher lesen, die erscheinen und auch nicht alle Bücher gut finden, die ich lese. Glücklicherweise sind Meinungen verschieden und jedes Buch findet seine Leser. Als berufstätige Mama, die auch beruflich viele Bücher lesen darf/muss/soll, kann ich es mir aus Zeitgründen nicht leisten, jedes Buch, das ich gelesen habe, zu erwähnen und zu rezensieren. Da ich als Buchhändlerin arbeite, lese ich auch viele Bücher, die noch nicht erschienen sind, deswegen kommt es oft vor, dass ich Euch wochenlang nichts persönlich empfehlen kann. Da mir jedoch mein Blog sehr am Herzen liegt und ich ihn nicht schließen möchte, gleichzeitig aber Empfehlungen für Euch brauche, suche ich stets Gastrezensenten, die ihre Meinung zu verschiedensten Büchern mit uns teilen.

Und wie das funktioniert? Die Verlage schicken mir manchmal Bücher als Rezensionsexemplare zu oder fragen, ob ich ein bestimmtes Buch rezensieren möchte. Manchmal nehme ich ein Buch dankend an; oft muss ich leider ablehnen, weil ich es zeitlich nicht schaffen würde, alles zu lesen und zu besprechen. Manchmal biete ich dem Verlag auch an, das Buch an einen Gastrezensenten oder eine Gastrezensentin zu verschicken, die anschließend eine Rezension für www.bibliophilin.de schreiben. Wenn ich die Bücher selbst verschicken muss, bitte ich jeweils den Gastrezensenten um die Portoübernahme für eine Büchersendung.

Viele von meinen Gastrezensenten steuern jeweils nur eine Gastrezension bei. Andere sind öfters bei mir zu Gast, worüber ich mich sehr freue.

Wenn Du auch Gastrezensent werden möchtest, melde Dich gerne bei mir. Ich habe immer Bücher zu vergeben, decke viele Genres ab, so dass für jeden etwas dabei sein dürfte. Vielleicht entsteht auf diese Weise eine schöne Zusammenarbeit?

Hier möchte ich nach und nach meine fleißigen Gastrezensenten, die mir mehrmals eine Rezension geschickt haben, kurz vorstellen und liste die Bücher auf, die ich momentan zur Gastrezension zur Verfügung habe.

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[Vorankündigung] Blogaktion mit gemeinsamer Leserunde

Derzeit kann man ausgiebig in den Herbstvorschauen der Verlage stöbern und ich merke, dass uns einige tolle Bücher erwarten, auf die ich mich sehr freue. Natürlich tauschen wir Blogger uns auch diesbezüglich untereinander aus und so haben sich drei Blogs zusammengefunden, die sehnlichst dem Erscheinungstermin eines ganz bestimmten Buches entgegenfiebern:

Das Haus der vergessenen Buecher

Es handelt sich hierbei um den Roman Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley. Dieses Buch wird im September im Atlantik Verlag / Hoffmann und Campe erscheinen.

Wir – das sind Nanni von Fantasie und Träumerei, Alexandra und Aygen vom Bücherkaffee und ich – haben uns eine ganze Weile über das Buch unterhalten und dabei ist eine, wie wir finden, sehr schöne Idee entstanden:

Wir möchten das Buch nicht einfach nur lesen und auf unseren Blogs rezensieren. Wir möchten ganz, ganz viel darüber sprechen und uns mit anderen – mit Euch – austauschen.

Daher werden wir im September nach dem Erscheinungstermin zu einer gemeinsamen Leserunde in Form einer Facebook-Veranstaltung aufrufen. Diese Veranstaltung wird etwa 1 Woche nach Erscheinen des Buches eröffnet und voraussichtlich 4 Wochen dauern.

So haben alle, die gerne teilnehmen möchten, genügend Zeit, sich das Buch zu besorgen und mit einzusteigen. Das wird sicher ein ganz toller Austausch werden!

Wer aktiv an dieser Leserunde teilnimmt und nach den vier Wochen ein kleines Leserfazit schreibt (auf dem Blog, in der Veranstaltung, per Mail … dem sind keine Grenzen gesetzt), hat die Chance auf einen tollen Gewinn. Was genau es zu gewinnen geben wird, wird aber jetzt noch nicht verraten.

Wir hoffen sehr, dass Euch diese Idee gefällt und Ihr diese im Hinterkopf behaltet. Anfang September werden wir Euch natürlich nochmals daran erinnern und freuen uns jetzt schon riesig auf die Gespräche rund um dieses Buch.

DAS HAUS DER VERGESSENEN BÜCHER

New York, 1919. Roger Mifflin hat seine größte Leidenschaft, das Lesen, zum Beruf gemacht. In seinem Antiquariat in Brooklyn findet man ihn dort, wo der Tabakrauch am dichtesten ist. Unterstützt wird er von seiner ebenso patenten wie resoluten Ehefrau und seinem Hund Bock – Bock wie Boccaccio. Bücher sind Mifflins Leben. Von Werbemaßnahmen für sein Geschäft will er allerdings nichts wissen, und so lässt er den jungen Aubrey Gilbert, angestellt bei der Grey Matter Agency, ziemlich abblitzen, als der ihm seine Dienste anbietet. Dennoch freunden sich die beiden an, und bald kommt Gilbert täglich ins Geschäft. Was auch an Mifflins neuer Hilfskraft liegen mag – der schönen Titania Chapman, deren Leben in Gefahr zu sein scheint. Und das gilt nicht nur für ihr Leben …

Und was meint Ihr?
Klingt das nicht verlockend? Habt Ihr Lust auf eine gemeinsame Leserunde mit uns bekommen?
Wir freuen uns jetzt schon riesig auf die Aktion und können es kaum erwarten.

Eure
Dorota, Alexandra, Aygen und Nanni

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[Gastrezension: Astrid] Anna Stothard “Pink Hotel”

Pink Hotel StothardPink Hotel oder der rote Koffer

Nach wenigen Tagen war “Pink Hotel” ausgelesen, ich ließ es gedanklich ein bisschen liegen und merkte doch schnell, wie sich Ideen für die Rezension in meinem Kopf sammelten und keinen Raum für den Beginn eines neuen Buches ließen. Nun sitze ich, will beginnen und stelle fest, dass mir der Name der Protagonistin vollkommen entfallen ist. Dass Buch ist nicht zur Hand und die Zweifel werden immer stärker, ob ihr Name überhaupt jemals genannt wird. Wie soll ich nun von ihr erzählen, wenn ich sie namentlich nicht ansprechen kann? Mir hat sie alles direkt erzählt, während sie im Buch alle anderen meistens belügt, kenne ich die Wahrheit und ihre Überlegungen dahinter. Sympathisch ist mir die kleine Lügnerin allemal. Sie ist klug, verletzlich, unsicher, draufgängerisch und manchmal absurd mutig. Vielleicht weil es mit 18 Jahren Lebenserfahrung ganz natürlich so ist oder die familiäre Situation dazu beigetragen hat. Gerade mal 14 Jahre ist sie jünger als ihre Mutter Lily, mit drei Jahren hat sie die Mutter das letzte Mal gesehen und nun ist Lily in Los Angeles verstorben, mit 32 Jahren auf dem Motorrad tödlich verunglückt.

L. A. präsentiert sich schräg und vor allem heruntergekommen. In einem in pinker Farbe angestrichenen Hotel am Strand findet Lilys Totenwache statt, die mehr einem Happening oder 24-Stunden-Rave gleicht, ihre Tochter schleicht sich ein und erbeutet im Affekt einen roten Koffer, hastig befüllt mit Kleidungsstücken aus Lilys Kleiderschrank und unerwarteten Schätzen aus ihrem Leben – maschinegeschriebene Liebesbriefe ohne Unterschrift, Hochzeitsurkunden, Arbeitszeugnisse, private Fotos und Bilder aus Lilys Zeit als Model. Dieser rote Koffer wird schließlich der rote Faden des Romans. Lily ist für ihre Tochter eine Unbekannte und so macht sich diese auf die Spur, hangelt sich anhand der Fundstücke aus dem Koffer an Lilys Lebensweg entlang, trägt die Kleidung der Mutter und sucht die Menschen aus ihrer Vergangenheit auf, um ihr im Nachhinein doch noch ein wenig nah zu kommen. An einen verliert sie schließlich selbst ihr Herz, immer im Hinterkopf den Gedanken, er könnte vielleicht auch der Verfasser der Liebesbriefe sein und ihre Mutter einst geliebt haben. Auch die Sache mit dem Koffer soll ein Nachspiel für sie haben, plötzlich wird sie selbst zur Gesuchten, verfolgt von zwielichtigen Gestalten, die das geklaute Eigentum zurückfordern. Und zu Hause in England erwartet sie ihr Vater samt seiner wütenden Freundin zurück, mit deren Kreditkarte sie die Flugtickets bezahlte.

Anna Stothards Erzählstil nimmt mich von der ersten Zeile an für sich ein, ebenso wie ihre namenlose Ich-Erzählerin*. Frisch, ungekünstelt und ein bisschen ungehobelt, ja schnodderig begegnet mir die Geschichte. Schwierige Lebensläufe, unglückliche Lebensumstände, enttäuschte Lebensträume, kleine Lichtblicke gepaart mit schmerzhaften Wahrheiten und inmitten all dessen meine namenlose Freundin auf der Suche nach sich selbst.

*Tatsächlich findet sich im gesamten Roman keine namentliche Nennung oder Anrede der Hauptfigur.

“Pink Hotel” von Anna Stothard, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-24272-0

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Liebe Astrid, vielen Dank für Deine schöne Gastrezension. Ich freue mich, dass Dir das Buch gefallen hat.

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[Gastrezension] “Damals in New York” von Ann Beattie

9783455600063_Damals in New York“Damals in New York” von Ann Beattie
Atlantik Verlag
ISBN: 978-3-455-17005-4

Dank der unglaublich engagierten Bibliophilin hatte ich über eine Aktion auf ihrem Blog die Möglichkeit, ein Ebook des zum Hoffmann und Campe gehörenden neuen Atlantik Verlages kennenzulernen. Ich entschied mich für “Damals in New York” von Ann Beattie, geht für mich doch von New York eine andauernde Faszination aus. Literarisch fühle ich mich direkt an die in Brooklyn ansässigen Autoren Siri Hustvedt und Paul Auster erinnert, deren Bücher zahlreich in meinen Regalen vertreten sind. Ein Buch, das im schillernden New York spielt, ist also wie für mich gemacht. Das schön gestaltete Cover sprach mich auch direkt an, obwohl ich das Ebook gelesen habe und man dort für gewöhnlich nicht so oft auf den Einband schaut.

In dem eher schmalen Band wird die Geschichte der klugen und schönen Harvard-Absolventin Jane erzählt, die im New York des Jahres 1980 dem wesentlich älteren Neil begegnet. Diese Begegnung sollte ihr Leben verändern, da er es sich zur Aufgabe gemacht hat, sie in die Geheimnisse des Lebens einzuweihen.

Mit großer Vorfreude hatte ich mich sofort in das Leseabenteuer gestürzt. Schnell blätterte ich von Seite zu Seite, da die Erzählung in einem einfach zu verdauenden Stil geschrieben ist. Die Handlung plätschert so vor sich hin. Während Neil sich in der Rolle des großen Weltverstehers gefällt, sonnt sich Jane im Ruhm ihres Harvardstudiums und liegt Neil zu Füßen. Leider können weder die Figuren überzeugen, denn auf eine gewitzte oder intelligente Pointe wartet man vergeblich, noch gelingt es Ann Beattie, faszinierende Einblicke in diese brodelnde Weltmetropole zu bieten.

“Damals in New York” empfand ich als nette Unterhaltungslektüre, aber meine Erwartungen konnten nicht erfüllt werden. Am Ende empfand ich Neil beinahe als Hochstapler, denn wenn das, was er Jane “gelehrt” hat, in seinen Augen alle Geheimnisse des Lebens sind, ist er nichts weiter als ein Schwätzer. Oder wir Frauen sind einfach weitaus weniger geschickt in unsere Männerwahl, als wir gemeinhin denken, und lassen uns doch recht schnell mit blumigen Versprechungen umgarnen, selbst wenn wir in Harvard studiert haben und meinen, viel von der Welt zu verstehen.

Ich danke dem Atlantik Verlag für die Möglichkeit in das neue Programm zu schnuppern und merke mir “Im ersten Augenblick” von Gregoire Delacourt schon mal heimlich vor. Ein Ausflug nach Frankreich… wenn das im Sommer nicht das Richtige ist…

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Vielen Dank, liebe Franziska, für Deine Gastrezension!

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[Gastrezension] Lissa Evans: “Stuart Horten – Acht alte Münzen und eine magische Werkstatt”

Stuart HortenLissa Evans: “Stuart Horten – Acht alte Münzen und eine magische Werkstatt”
mixtvision Verlag
ISBN: 978-3-939435-53-2

Ich muss weg, und es kann sein, dass ich nicht mehr zurückkehre. Wenn ich nicht wiederkomme, gehört meine Werkstatt und alles, was sich darin befindet, dir – wenn du sie finden kannst. Und wenn du sie findest, dann bist du auch der Richtige dafür.

Stuart ist für seine zehn Jahre etwas klein geraten. Aber dass die wahre Größe eines Menschen nicht von der Körpergröße abhängt, hat schon sein Onkel Kenny, der klitzekleine Kenny Horten unter Beweis gestellt. Als Magier und Erfinder von mirakulösen Mechanismen wurde er in Beeton, dem Ort, in den Stuart mit seinen Eltern zieht, berühmt. Als Stuart herausfindet, dass Onkel Kenny im zweiten Weltkrieg plötzlich wie vom Erdboden verschluckt schien, ist ist er Feuer und Flamme, der Sache auf den Grund zu gehen.

In der Schatulle seines Vaters, einem Geschenk von Onkel Kenny, entdeckt er eine Nachricht seines Onkels, die auf Onkel Kennys magische Werkstatt hinweist. Neben dem Zettel findet er acht alte Three-Penny-Münzen in der Dose. Stuart will unbedingt wissen, was es mit ihnen auf sich hat. Auf der Suche nach der Werkstatt, stößt er auf acht alte Automaten aus der mirakulösen Horten-Fabrik, die ihm auf mysteriöse Weise einen Weg zeigen. Und ehe sich Stuart versieht, befindet er sich auf einer abenteuerlichen Entdeckungsreise durch Beeton. Kann er die magische Werkstatt des Onkels finden?

Wenn etwas schließt, klickt oder dreht, dann steht Horten auf dem Gerät. Münze rein und mit einem Klick kommt ein Geschenk – aus der Horton-Fabrik!

Lissa Evans hat mit “Stuart Horten – Acht alte Münzen und eine magische Werkstatt” eine magische Abenteuergeschichte für Kinder geschaffen. Mit Stuart ist ihr ein liebevoll gezeichneter kleiner Jungen gelungen, an dessen Seite man sich neugierig auf die Entdeckungsreise durch Beeton machen darf. Von der Nachricht des Onkels angetrieben, streifen wir durch die Beetoner Stadtgeschichte: Wir schnüffeln auf privaten Geländen und in heruntergekommenen Gebäuden herum, beäugen alte Mechanismen und lernen schräge Persönlichkeiten kennen. Dubiose und fantastische Dinge begeistern während der Geschichte. So erwachen selbst kaputte Telefone wieder zum Leben und alte Apparaturen klimpern um die Wette.

In der ihm anfangs lästigen schlauen April der Nachbarsdrillinge April, May und June und der blinden alten Leonora findet Stuart schnell Verbündete. Voller Neugier machen sie sich gemeinsam auf die abenteuerliche Suche nach der versteckten Werkstatt. Dass ihm die acht alten Münzen aus der Schatulle des Onkels dabei hilfreich sein werden, ahnt Stuart und auch der Leser schnell. Aber das tut der magischen und knisternden Stimmung keinen Abbruch. Auf dem Cover und am Anfang jedes Kapitels findet man liebevolle Illustrationen von Temujin Doran, die dem jeweiligen Inhalt an Ausdruck verleihen, meines Erachtens aber ruhig etwas üppiger hätten ausfallen dürfen. Wobei die kleinen bescheidenen Zeichnungen sicherlich dafür sorgen, dass eigens die Fantasie des Lesers für die nötigen Bilder im Kopf sorgt.

Evans Geschichte liest sich leicht und flüssig. Ohne Probleme lassen sich die einzelnen Handlungsstränge miteinander verknüpfen. Durch den spannenden und abwechslungsreichen Verlauf ist die Geschichte sowohl für abenteuerlustige Kinder als auch für fantasievolle Erwachsene ein kurzweiliges Lesevergnügen. Mit dem Nachfolgeroman “Stuart Horten – Sieben Rätsel und ein magischer Stern” lässt Evans Stuart erneut auf Reisen gehen.

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Vielen Dank, liebe Stephanie, für diese schöne Rezension.

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“Die Dunkelheit ist der Daseinszweck der Nacht…”

“- Wie soll man das Echo hören, wenn das Leben ein endloser Schmerzensschrei ist? Wie soll man erkennen, was einen leiden lässt? Wie soll man seinem Schmerz ins Gesicht sehen?
– Wenn der Schrei endlos ist, sieht man nichts.
– Richtig! Auf jeden Schrei muss ein Augenblick der Stille folgen, damit man das Echo hören kann.”

anima-9783423260213„Anima“ von Wajdi Mouawad
dtv Premium
ISBN: 978-3-423-26021-3

„Anima“ ist eins der – bitte, verzeiht mir den Ausdruckt, aber ein besseres Wort fällt mir nicht ein – krassesten Bücher, die ich je gelesen habe. Manchmal frage ich, wie ich es durchgehalten habe, diese Grausamkeiten zu lesen. Ich lese keine Krimis mehr, bin dafür inzwischen zu zartbesaitet. Was bringt mich dazu, zu „Anima“ zu greifen; zu einem Buch, in dem Brutalität und Tod, Traurigkeit und menschliches und tierisches Leiden so realistisch dargestellt werden, dass ich nicht weiß, ob ich das Buch zuklappen, schreien, brechen, angewidert in die Ecke werfen oder mit schwerem Herzen weiter lesen soll?

Auf der Suche nach literarischen Texten, die durch gepflegte, zarte und poetische  Sprache glänzen, bin ich auf das Buch aufmerksam geworden und bereue es nicht, „Anima“ gelesen zu haben. Die sprachliche Sorgfalt und die ungewöhnliche Erzählperspektive verwandeln den Text in ein einzigartiges Leseerlebnis.
Das Geschehen wird aus der Sicht verschiedener Tiere erzählt und ich finde die Idee sehr originell. Jede Szene wird von einem anderen Tier erzählt, das sehr gut in die jeweilige Szenerie passt. Dass nicht jeder Erzähler überlebt, berührt sehr und verursacht, dass ich manche Situationen und Tiere nun mit anderen Augen sehe.

In herausragender Sprache beschriebt Wajdi Mouawad menschliche Abgründe. Man blättert schnell um, um entweder den Grausamkeiten so schnell wie möglich zu entkommen, oder um zu erfahren, wie es mit den Protagonisten weiter geht und letztendlich auch um an den Schluss zu gelangen, weil man es nicht ertragen kann, sich in dieser herzzerreißenden Traurigkeit zu lange aufzuhalten.

Einige von Euch lesen bestimmt Horrorromane, Krimis, Thriller und Psychothriller, die vielleicht viel brutaler sind als „Anima“. Manche lesen gerne Bücher, in denen gemordet und gefoltert wird. „Anima“ bietet ebenfalls ein umfassendes Spektrum an Grausamkeiten, allerdings macht die Sprache von Wajdi Mouawad das Buch zu einer Rarität und zu einem lesenswerten Roman, nicht nur für Thrillerleser.

„Anima“ ist ein Buch, das mich erschüttert hat, es ist brutal, blutig, eklig, dabei nie langweilig und wunderschön geschrieben. Und jetzt überlegt es Euch, ob Ihr es lesen möchtet. Ich würde mich freuen, wenn Ihr es tut. Aber sagt nicht, dass ich Euch nicht gewarnt hätte…

Anima Mouawad

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“Familiensafari” von Rike Drust

Familiensafari von Rike Drust“Familiensafari” von Rike Drust
carl’s books
ISBN: 978-3-570-58525-2

Die Autorin Rike Drust hatte ich für mich entdeckt als ich schwanger war und mich mit verschiedenen Erziehungsratgebern auseinander gesetzt hatte. Seit zwei Jahren folge ich Rike Drust auf Facebook und dort erfuhr ich, dass sie an einem Roman arbeitete. Da mir ihr Schreibstil sehr gut gefällt, erwartete ich den Roman mit Freude und fragte mich, ob sie es schafft, mich auch mit einem Roman zu überzeugen. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass jemand der interessante Sachbücher schreibt, auch gut Geschichten erzählen kann. Und umgekehrt. Dann war es so weit und ich durfte “Familiensafari” in den Händen halten. Als erstes dachte ich: „oh, ein Buch mit diesem Cover… ist das wirklich was für mich?“ Man sollte jedoch kein Buch nach seinem Cover beurteilen. Ich las rein; ehrlich gesagt, ohne etwas über den Inhalt zu wissen. Nachdem ich drei wunderbare Bücher gelesen hatte, war die Startposition für “Familiensafari” nicht einfach. Das gebe ich zu. Denn ich erwartete auch ein bisschen, dass Drust mich mit ihrer Geschichte mitreißt. Schnell stellte ich fest, dass ich „Familiensafari“ jedoch mit keinem der Bücher vergleichen will. Es gehört für mich zu einer anderen Kategorie, auch wenn ich diese nicht wirklich benennen kann. Manche würden jetzt sagen, dass es ein Unterhaltungsroman ist. Ich möchte diese Kategorie, zu der für mich auch die Bücher von Andreas Izquierdo und Peter Koebel gehören, „Wohlfühlroman“ nennen. Das sind Romane, die mich entspannen, bei denen ich lachen und weinen kann, die mich die Sorgen des Alltags vergessen lassen.

Rike Drust hat mir eine schöne, lustige Familiengeschichte erzählt. Sie hat mich zu Tränen gerührt. Ich musste zwischendurch öfters laut lachen. Und auch wenn es bereits Tage her ist, dass ich das Buch fertig gelesen habe, so denke ich immer wieder gerne an Wischers Familiensafari nach und ich würde mir sehr wünschen, an einem solchen Abenteuer teilzunehmen. Ja, es ist manchmal alles zu perfekt und löst sich zu schnell im Wohlgefallen auf. Aber solche Bücher sind dazu da, dass sie uns eine schöne (auch perfekte) Welt zeigen, uns träumen lassen, uns für ein paar Stunden glücklich machen.

Ich habe Rike Drust gefragt, an welches Publikum sie während des Schreibens gedacht hat. Wer sind die Leser von “Familiensafari”? Wie stellt sie sie sich vor?

„… zuerst wollte ich ein Frauenbuch schreiben, aber keines in dem der Chef erst gemein und dann Liebhaber ist. Dann dachte ich, es wäre cool, wenn auch Männer es lesen. Und als ich mir die Kinder ausgedacht habe, war es ein Familienbuch. Eines, das sich im Urlaub die ganze Familie teilen kann. Hoffe ich zumindest. Ich glaube, dass die Zielgruppe schwierig zu finden ist…“

Für mich ist „Familiensafari“ ein Sommerbuch, eine tolle Urlaubslektüre, ein schönes Geschenk für eine Freundin, die vielleicht Kummer hat und ihn vergessen will. Und ich stimme Rike zu – das Buch kann sich die ganze Familie teilen.

Auf jeden Fall möchte ich es Euch empfehlen, denn ich liebe es. Ich stellte wiederholt fest, dass ich mich von Zeit zur Zeit gerne unterhalten lasse und ich lasse mich auch von manchen Autoren gerne davon überzeugen, dass Unterhaltungsromane gute Literatur sind.

Danke, liebe Rike, für das flotte, unterhaltsame, lebhafte und frische Abenteuer!

Familiensafari

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[Gastrezension: Kerstin] Antoine Wilson “Ein Mann von Welt”

Ein Mann von Welt_Wilson“Aber mein Punkt ist, dass die Welt nicht entweder so oder so ist, Juan-George, sie ist beides.” (Oppen Porter an seinen ungeborenen Sohn)

“Ein Mann von Welt” von Antoine Wilson hat mich sehr zwiegespalten und ich tue mich wirklich schwer damit, mich hier für “gut” oder “schlecht” zu entscheiden.

Ich habe irgendwo in einer Besprechung über diesen Roman gelesen, dass dank des lässigen Stils des Autors, der gerne als cooler kalifornischer Surferboy dargestellt wird, die Geschichte so daherkäme, wie ein Song von Jack Johnson. Leicht. Luftig. Lässig halt.
Und eben dem kann ich überhaupt gar nicht zustimmen. Im Gegenteil! Der Stil des Autors ging mir zunehmend immer mehr auf die Nerven, dass er mir damit das Buch quasi vermiest hat. Es kommt ja immer mal vor, dass man mit einem Schreibstil überhaupt nicht warm wird. Dieser hier hat mich regelrecht wütend gemacht. Man bekommt den Eindruck, dass der Autor auf Menschen herabschaut, die nicht der Norm entsprechen. Ich hatte permanent das Gefühl, er macht sich über seinen Hauptprotagonisten Oppen Porter lustig.
Dabei ist mir Oppen durchaus sympathisch. Er ist, wie man so schön sagt, nicht die hellste Kerze auf der Torte. Klar. Gar keine Frage. Er lässt sich unterbuttern und veräppeln ohne sich dagegen zu wehren. Er nennt Leute seine Freunde, die ihm seine Sachen klauen und ihn fast mit dem Auto anfahren, so dass er ständig gezwungen ist, in den Straßengraben zu springen, wenn er ihnen begegnet. Aber er ist vor allem eins: ein unverbesserlicher Optimist! Was wäre die Welt schön, wenn alle Menschen diese Einstellung hätten?

Oppen sieht in jeder noch so schwierigen Lage immer auch etwas Positives. (“Wenn mich der ganze Spott trifft, dann trifft es wenigstens keinen anderen.”) Er ist ein herzensguter Mensch, der einem jeden Wunsch erfüllt. Okay, dass man seinen Vater nach dessen Tod nun mal nicht im Garten neben den Hunden vergraben darf, weiß eigentlich jeder. Oppen weiß nur, dass er seinem Vater den letzten Wunsch erfüllen muss und will. Die Polizei ist da allerdings anderer Meinung, was Oppen dann aber auch direkt anstandslos akzeptiert.
Mit 27 Jahren wird er also zur Vollwaise und Tante Liz aus Panorama City holt in zu sich. Mit 27 Jahren! Aber wie gesagt: der Allerhellste ist Oppen nun mal nicht. Und das weiß auch die Tante und nimmt ihn unter ihre Fittiche.

Das Buch beginnt damit, dass Oppen im Krankenhaus liegt und dem Tod ins Auge schaut. Denkt er. Natürlich muss er nicht sterben. Er hat halt die Ärzte nicht so richtig verstanden. Trotzdem gewinnt er der Situation wieder etwas Positives ab, akzeptiert die Lage und will die Zeit nutzen, indem er seinem noch ungeborenen Sohn Juan-George seine Lebensgeschichte erzählt. Dieser Sohn existiert tatsächlich, denn Oppen hat trotz aller Menschen um ihn herum, die immer meinten, besser zu wissen, was gut für ihn ist, sein Glück gemacht und Carmen getroffen. Carmen, die ihn so liebt wie er ist.
Eigentlich eine schöne Geschichte. Aber dieser Schreibstil! Wenn ein Autor krampfhaft witzig sein will und in jeden Satz mindestens einen Schenkelklopfer einbauen muss, wenn jeder Protagonist irgendwelche total skurillen Eigenarten haben muss, finde ich das völlig nervtötend und einfach ZUVIEL.
Es hätte ein wirklich tolles Buch sein können aber wie gesagt: der Schreibstil….

Antoine Wilson “Ein Mann von Welt”, ISBN: 978-3-458-17564-3, Insel Verlag

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Danke, liebe Kerstin, für Deine Rezension.

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