“Wiegenlied für kleine Ganoven” von Heather O’Neill
btb
ISBN: 978-3-442-73990-5
“Wenn Leute darüber sprachen, dass einem das Herz gebrochen wurde, dann klang das irgendwie immer nach einer einmaligen Sache. Meines schien ständig zu brechen.”
Die zwölfjährige Baby ist ein kluges Kind, das sehr schnell lernen muss, auf sich selbst aufzupassen. Denn durch ihren heroinabhängigen Vater lernt sie ein Leben kennen, in dem Drogen und Armut eine große Rolle spielen.
“Für ein Kind wusste ich eine Menge darüber, wie es sich anfühlte, Heroin zu nehmen, allein vom Beobachten und Zuhören. Angeblich war es, wie Gott die Hand zu schütteln. Es war lässig wie ein Schwarzer Panther. Es war, wie sein Gesicht auf den Pelzkragen einer tollen Lederjacke zu legen. Wenn man am Poster einer Gruppe von Sängern vorbeilief, die in die Stadt kämen, dann konnte man sie singen hören.”
Trotzdem versucht Baby so lange wie möglich, ein Kind zu bleiben, auch wenn ihr alleinerziehender Vater sich nicht entsprechend um sie kümmern kann. Jules ist mit seinen 27 Jahren alles andere als vernünftig und sehr unbeholfen, was die Erziehung eines Kindes betrifft.
“Mit zwölf machten die Leute es einem schwer, Kind zu sein. Sie wollten einem keine Halloween-Süßigkeiten mehr schenken. Sie sagten Dinge wie: >>Würden wir im Mittelalter leben, wärst du schon verheiratet und hättest einen Bauernhof mit ungefähr einer Million Hühnern.<< Sie versuchen, einen aus der Kindheit rauszuwerfen. Wenn man erst ein mal weg war, dann gab es keinen Zurück, deshalb musste man sich festhalten, so lange man konnte.”
Baby merkt jedoch schnell, dass Kinder ihr das nicht geben können, was sie am meisten braucht – Geborgenheit und Sicherheit. So fängt sie an, mehr Zeit mit Erwachsenen zu verbringen und hofft, auf diese Weise ihr Glück zu finden. Was sie aber eigentlich am meisten braucht, ist eine Familie.
“Es mochte albern gewirkt haben, dass eine Zwölfjährige sich mit einer alten Frau abgab, aber so war ich eben. Ich hatte angefangen, mir Erwachsenen als Gesellschaft zu suchen. Sie hatten mehr Qualitätszeit für mich und sagten liebe, aufmunternde Dinge und machten mir Geschenke.”
Nachdem Jules krank geworden ist, wird Baby in einem Heim untergebracht. Auch wenn sie später von ihrem Vater abgeholt wird, wird ihr gemeinsames Leben nicht mehr so sein wie früher. Denn Baby lernt ein Leben kennen, von dem sie so lange wie möglich hätte verschont bleiben sollen.
Drogen, Kriminalität, Gewalt und Kinderprostitution sind Themen, mit denen sich Heather O’Neill in ihrem Buch gekonnt auseinandersetzt. Ich habe bereits einige Bücher mit ähnlichem Inhalt gelesen. Was aber “Wiegenlied für kleine Ganoven” in meinen Augen aus der Masse hervorhebt ist die zärtliche Sprache, deren sich die Autorin bedient, ihre Fabulierkunst, und vor allem Baby selbst, ein Mädchen, dessen Stärke mich beeindruckt hat und ihre Beobachtungsgabe mich oft zum Schmunzeln oder Nachdenken gebracht hat.
“Wenn man jung genug ist, weiß man nicht, dass man in einer billigen, miesen Wohnung wohnt. Ein kaputter Stuhl ist nur ein Stuhl. Ein Löwenzahn, der aus einem Spalt im Bürgersteig vor der Haustür wächst, ist ein Garten. Man kann ein Lied, das die Eltern am Abend singen, für die tragischste Oper der Welt halten. Wenn man sehr jung ist, kommt man gar nicht auf den Gedanken, etwas anderes zu brauchen als das, was die eigenen Eltern zu bieten haben.”
Es sind bereits ein paar Tage vergangen, seitdem ich “Wiegenlied für kleine Ganoven” gelesen habe und ich muss gestehen, dass ich oft an Baby denke. Ich genieße es, das schöne Buch in den Händen zu halten und immer wieder darin zu blättern, ganze Absätze noch mal zu lesen, zu entdecken, was mir beim ersten Lesen möglicherweise verborgen geblieben ist. Es ist interessant, (auch wenn oft sehr hart), mit Baby die Welt noch mal neu zu erkunden, vor allem, weil ich nun weiß, welches Ende die Autorin ihrer kleinen Protagonistin beschert hat.
“Ich habe schon immer gern gelesen, aber in letzter Zeit las ich auf eine andere Art und Weise. Wenn ich jetzt ein Buch aufschlug, wurde ich von Verzweiflung ergriffen. Es fühlte sich an, wie wahnsinnig verliebt zu sein. Es war, als säße ich in einem Beichtstuhl und die Figuren in dem Buch wären auf der anderen Seite und erzählten mir ihre intimsten Geheimnisse. Wenn ich las, war ich eine Philosophin, und es lag an mir, die Bedeutung der Dinge herauszufinden. Lesen gab mir das Gefühl, das Zentrum des Universums zu sein.”
“Samuels Reise” von Gernot Wolfram
“Die kleine Spinne Widerlich” von Diana Amft


“Alles voller Hoffnung” von Renate Dorrestein
chdem ich nun zum zweiten Mal versucht hatte, 
“Die Legende unserer Väter” von Sorj Chalandon

“Geboren, dich zu berühren, lebe ich für deine Haut unter meiner Haut. Sie verschlang Vers um Vers. Sie kroch hinein. Sie wollte mehr als nur lesen: Sie wollte zusammenschrumpfen und in die Worte hineinschlüpfen, zwischen den Buchstaben herumkrabbeln, auf dem Dachboden eines A nach Geheimnissen wühlen, bei einem Y ins Geäst klettern und seine Träume belauschen, ein S entlangrutschen bis zu seiner heißen, verborgenen Quelle, in ein O eindringen und das wilde Strahlen oder die strahlende Wildheit in seinem Kern erkunden (…)”


