Jean-Philippe Toussaint “Nackt”

Jean-Philippe Toussaint

„Aber die Perfektion ist eine illusorische Täuschung, die sich wie der Horizont entfernt, den man vergeblich zu erreichen sucht, der immer unerreichbar ist, weil die Entfernung, die uns von ihm trennt, immer hoffnungslos gleich bliebt, auch wenn die festen Bezugspunkte auf der Erde uns beweisen, dass wir bereits eine gute Strecke Wegs zurückgelegt haben seit dem ersten Entwurf, als unser Vorhaben noch eine ferne Spiegelung der vernebelten Limben unseres Geistes gewesen war.“ (22)

Als ich vor ein paar Jahren den Namen Jean-Philippe Toussaint zum ersten Mal hörte, drückte mir gerade eine liebe Person seinen Roman „Sich lieben“ in die Hand und sagte, dass ich ihn unbedingt lesen muss. Damals las ich ihn und mein Mann ebenfalls. Beide waren wir von dem schmalen Buch begeistert und konnten uns stundenlang über diese Geschichte unterhalten. Als ich davon erfuhr, dass die Geschichte von Marie und dem namenlosen Erzähler in „Fliehen“ weiter geht, war für mich klar, dass ich das Buch lesen möchte. „Die Wahrheit über Marie“, den dritten Band, las ich ebenfalls. Zwar mit weniger Begeisterung wie “Sich lieben”, dennoch verfolgte ich das Zusammenspiel aus Liebe und Verlassen mit angehaltenem Atem.

Nackt_ToussaintWenn man zwei Protagonisten schon so lange begleitet, wachsen sie einem ans Herz. Und wenn man erfährt, dass der Autor sich doch entschieden hat, ihre Geschichte weiter zu spinnen, ist man damit konfrontiert, das Buch zu lesen. Ich tat es. Und ich mochte es. Ich mochte „Nackt“ sehr.

Jean-Philippe Toussaint hat in seinem jüngsten Roman vieles erklärt, was in den anderen Romanen unbeantwortet blieb und geheimnisvoll war. Er hat Marie und ihren Geliebten zu einem Abschluss geführt, der mich zufrieden stellt.
Wenn ich an seinen Roman denke, spuken mir im Kopf ganz spontan die Worte herum: aufgeregt, aber auch aufregend, düster, leidenschaftlich (wie immer), elegant und teuer. Ein bisschen unheimlich sind die Geschichten auch. Sie ähneln kleinen Miniaturen, die sprachlich virtuos erzählt sind und den Leser auf eine Gradwanderung zwischen Traum und Wirklichkeit mitnehmen. „Nackt“ stellt einen wirklich guten Abschluss der Reihe dar. Diesmal hoffe ich, ehrlich gesagt, dass der Autor es damit belässt und nicht irgendwann beschliesst, Maries Geschichte weiter zu erzählen. Er sollte ihr ein bisschen Ruhe gönnen nach vielen Strapazen.

Nackt_Toussaint_CiceroIch kann “Nackt” wärmstens empfehlen, möchte aber dennoch sagen, dass ich das Buch vor allem denjenigen empfehle, die Maries Geschichte schon länger verfolgen. Zwar kann man den vierten Band der Reihe natürlich eigenständig lesen, ohne die beiden Protagonisten bereits zu kennen. Einen vollkommen Sinn ergibt die Geschichte jedoch, wenn sie in der Reihenfolge gelesen wird.

Die Frankfurter Verlagsanstalt setzt diesen Herbst bewusst auf ihre drei großen Autoren und auf nur drei Romane. „Nackt“ von Jean-Philippe Toussaint gehört dazu, neben Nino Haratischwilis “Das achte Leben (Für Brilka)”, und Bodo Kirchhoffs “Verlangen und Melancholie”, den ich unbedingt auch mal lesen möchte. Ich finde das mutig, aber auch konsequent und sinnvoll. Der Verleger Joachim Unseld setzt auf Qualität und damit macht er nichts falsch. Zu Nino Haratischwili, die nur positive Stimmen erhält, werde ich mich bald auch äußern. „Nackt“ wünsche ich viele Leser. Über Bodo Kirchhoff kann ich noch nichts sagen, weil ich seinen neusten (eigentlich auch keinen anderen) Roman nicht kenne. In „Das achte Leben (für Brilka)“ spielt Schokolade eine wichtige Rolle. In „Nackt“ brennt auf Elba eine Schokoladenfabrik ab und der Schokoladengeruch ist überall präsent. Ob in “Verlangen und Melancholie“ auch Schokolade vorkommt? Das würde die Verbindung der drei Romane perfekt machen.

„Der exquisite Schokoladengeruch begleitete uns während unserer Fahrt durch die Stadt, er schien überall in der Atmosphäre zu hängen, über dem alten Hafen bis zu den Festungsmauern der Zitadelle, er schwebte in dem gräulichen Himmel über Portoferraio, immateriell, sämig, milchig, mit betörender Duft nach Vanille und Schokolade.“ (124)

Ich wünsche dem Verlag, dass er auf diese sparsame Weise weiter macht. Meiner Meinung nach werden viel zu viele Bücher produziert, veröffentlicht, die dann in den Regalen ungelesen verstauben, als Mängelexemplare in riesigen Tonnen in den Kaufhäusern landen, die letztendlich als Altpapier eingestampft werden. Da tut mein bibliophiles und buchhändlerisches Herz weh.

Manchmal ist weniger mehr. Danke, liebe Frankfurter Verlagsanstalt, dass Ihr das mit Eurem Herbstprogramm zeigt.

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[Appetizer] Lesen auf Bali

Bali_1Mit Sehnsucht denke ich an meinen Urlaub, den ich vor Kurzem verbracht hatte. Noch vor zwei Wochen war ich auf Bali, wie bereits vor drei Jahren. Ich hatte wunderschönes Wetter, es war heiß, die Sonne schien, es gab leckeres Essen und tolle Säfte. Vor dem Flug im August hatte ich mir natürlich vorgestellt, dass ich dort viel Zeit haben werde, um zu lesen. Schließlich sollte es Urlaub sein, ohne Verpflichtungen und Arbeit, dafür mit viel Freizeit. Es kam jedoch – literarisch – alles anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte unter anderem, meine Tochter wird während des Fluges schlafen, der insgesamt hin und zurück 32 Stunden dauern sollte. Während sie schläft, werde ich Filme schauen und Bücher lesen – dachte ich. Ich hatte ja schließlich einige Bücher dabei. Ich dachte, ich werde auf Bali gemütlich am Pool liegen und Bücher lesen. Oder ich komme abends zum Lesen, wenn mein Kind schläft. Ich hatte wirklich vorgehabt, zu lesen…

Buecher fuer den Urlaub
Ich hatte letztendlich während des Fluges keine einzige Seite gelesen, weil meine Tochter nicht geschlafen hatte, was dem Wahnsinn glich. Jeden Tag war ich abends so müde, dass ich gleichzeitig mit meinem Kind schlafen ging – gegen 23 Uhr. Am Pool gab es tatsächlich immer wieder die Gelegenheit, ein paar Minuten zu lesen und dann hatte ich die Sätze inhaliert. Manchmal schaffte ich es, während des Mittagsschlafes meiner Tochter ein paar Seiten zu lesen, für mehr reichte meine Ausdauer nicht, so müde war ich. Ich verbrachte viel Zeit mit meiner Familie – das war wunderschön! Und auch wenn ich kein einziges Buch vollständig gelesen habe, habe ich einige eBooks und meine mitgenommenen Bücher wenigstens angelesen.

Mistry_Gleichgewicht der WeltIch fing mit “Das Gleichgewicht der Welt” an. Viele hatten mir das Buch empfohlen, mich ermuntert es mitzunehmen und hatten damit recht gehabt. Ein wahres Prachtstück Literatur. Bunt, schillernd, aber gleichzeitig auch grau und trist. Als bekennende Paralleleserin wollte ich jedoch nicht nur bei einem Buch bleiben, da ich mehrere mitgenommen hatte. Sie wollten ebenfalls angelesen werden. Ich gestehe, ich habe immer wieder die Hoffnung gehabt, dass ich öfters, mehr lesen kann. Ich dachte, ich komme bestimmt während des Urlaubs noch zu Rohinton Mistry zurück.

Zwei Herren am StrandDann traf ich “Zwei Herren am Strand”. Das Buch hat ein enormes Potenzial und ich denke, ich werde mit dem Roman noch viele literarisch wertvolle Stunden verbringen, aber es ist kein Urlaubsbuch, das ich gerne am Pool lesen wollte. Ich wollte ja entspannen und schöne Zeit genießen. Da waren mir die Selbstmordgedanken der beiden Herren zu viel. Schnell stellte ich fest, dass ich mir damit nicht die Laune verderben will. Ich wollte etwas leichter Verdauliches lesen.

Super Tex_Leon de Winter
Ich griff zu “SuperTex” von Leon de Winter und war von der ersten Seite an begeistert. Herr de Winter schreibt genau so, wie ich es mag – flüssig, interessant und mit viel (auch schwarzem) Humor. Seine Bücher sind immer eine gute Wahl, wenn es um die Urlaubslektüre geht.

Der SchwimmerEines Abends, als meine Tochter schon schlief, nahm ich meinen eReader, weil ich eine große Lust auf einen Thriller verspürte. “Der Schwimmer” von Joakim Zander ist ein echt cooler Thriller, spannend, interessant, gut geschrieben. Ich habe schon lange keinen Krimi oder Thriller gelesen, dieser aber überzeugt mich und ich bin sehr auf die Auflösung gespannt.

Ich hatte einen wundervollen, aber keinen lesereichen Urlaub. Ich hatte jedoch auch eine Perle entdeckt. Ein Buch, das mich seitdem berauscht und glücklich macht. Darüber werde ich Euch in ein paar Tagen berichten. Seid gespannt!

Lesen auf BaliWie ist das bei Euch? Nehmt Ihr viele Bücher mit in den Urlaub? Lest Ihr auch viel unterwegs oder genießt Ihr dann eher buchfreie Zeit?

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HAPPY BIRTHDAY, Bibliophilin.

10 SeptemberBibliophilin ist heute 5 Jahre alt geworden! Happy Birthday!

Wer hätte gedacht, dass ich fünf Jahre bloggen werde? Ich nicht ;-) Es gab schöne Zeiten und ganz wunderbare Bücher, die ich in den letzten Jahren lesen durfte. Es gab weniger schöne Momente, darüber möchte ich aber lieber schweigen.

Es waren schöne, intensive, an Begegnungen in der On- und Offlinewelt reiche Jahre, die ich nicht missen möchte. Und ich möchte Euch allen danken, dass Ihr mich in den letzten fünf Jahren begleitet habt – auf die eine oder andere Weise.

Vielen Dank auch an die wunderbaren Verlagen für die freundliche Unterstützung.

Ich möchte jedoch nicht alleine feiern. Ich will meine Freude mit Euch teilen. Deswegen gibt es hier etwas zu gewinnen. Lest es aufmerksam durch! Ich freue mich auf eine rege Beteiligung bis zum 17. September. Die Gewinner werden am 18. September in einem Kommentar unter diesem Beitrag bekannt gegeben. Selbstverständlich dürft Ihr an allen Verlosungen teilnehmen.

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Wir haben Raketen geangeltIch hoffe, Ihr erinnert Euch an die schöne Blogtour zu “Wir haben Raketen geangelt” von Karen Köhler. Weil das Buch so wahnsinnig gut ist, möchte ich gerne mein Exemplar verlosen. Wenn Ihr Euch für das Buch interessiert, schreibt bitte in Eurem Kommentar, warum Ihr gerne die Erzählungen lesen möchtet. (Achtung – hier handelt es sich um ein Exemplar ohne die erste Erzählung “Il Comandante”. Diese könnt Ihr in den einzelnen Stationen der Blogtour lesen.)

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Pia ZiefleVor einigen Tagen erschien der zweite Roman der wunderbaren Pia Ziefle“Länger als sonst ist nicht für immer“. Für dieses besondere Buch suche ich einen fließigen Gastrezensenten oder eine Gastrezensentin, der oder die einen Blogbeitrag für www.bibliophilin.de verfassen würde. Habt Ihr Interesse? Dann schreibt bitte in Eurem Kommentar, wie Ihr es findet, in einem Blog Gastbeiträge zu lesen? Gut? Weniger interessant? Ist es Euch egal? Wenn Ihr einen Blog lest, wollt Ihr dort nur Beiträge des einen Bloggers lesen?

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UeberraschungUnd hier ist eine kleine Buchüberraschung. Wie Ihr sie bekommen könnt? Überrascht mich! Mit einer netten Nachricht, Email, Postkarte, Bild… Die ausgefallenste Überraschung gewinnt :-) Bitte schreibt irgendwo in Eurer Nachricht (o.ä.) “Überrschung” dazu. Meine Adressen findet Ihr hier. Bitte seht allerdings von teuren Geschenken ab, die ich nicht annehmen werde, denn um Geschenke geht es mir hier gar nicht.

Lasst uns feiern!

Buecher

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Bitte beachtet:

  1. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen; ich mache das, weil ich Spaß daran habe, nicht um jemanden zu verärgern oder um mich mit ihm zu streiten. Vor allem nicht vor Gericht.
  2. Gewinnen kann nur, wen ich nach der Aktion auch erreichen kann. Die Gewinnerin / der Gewinner wird unter diesem Gewinnspiel-Post im Kommentar bekannt gegeben. Ich schreibe nicht extra an. Bitte prüft selbstständig, wenn Ihr am Gewinnspiel teilgenommen habt, ob Ihr auch gewonnen habt.
    Sendet mir im Falle des Gewinns Eure Adresse an meine eMail innerhalb von 3 Tagen zu. Sollte nach 3 Tagen keine Adresse eingegangen sein, behalte ich mir das Recht vor, erneut auszulosen.
  3. Keine Barauszahlung oder Kompensation möglich.
  4. Durch die Teilnahme an der Aktion akzeptiert der Teilnehmer diese Teilnahmebedingungen.
  5. Viel Spaß!
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“Hier spuken die Geister der großen Literatur.” (8)

Das Haus der vergessenen Buecher“Wir haben, was Sie wollen.
Auch wenn Sie nicht wissen, was Sie wollen.
Geistige Unterernährung ist ein ernstes Leiden.
Wir haben die richtige Medizin für Sie.” (9)

Vor einiger Zeit habe ich Alexandra vom Bücherkaffee und Nanni von Fantasie und Träumerei gefragt, ob sie Lust auf eine gemeinsame Blogaktion hätten. Es hat mich sehr gefreut, dass sie zugesagt hatten. Nach einem Brainstorming ist die Idee einer gemeinsamen Leserunde entstanden. Sehr schnell einigten wir uns auch auf das Buch, das wir gerne lesen, besprechen und über das wir mit Euch diskutieren wollten – “Das Haus der vergessenen Bücher” von Christopher Morley, das soeben im Atlantik Verlag erschienen ist. Bereits im Juli haben wir Euch auf unseren Blogs auf die Aktion aufmerksam gemacht und auch viele von Euch werden an der Leserunde teilnehmen, was uns sehr freut.

Leserunde

Ich möchte Euch heute “Das Haus der vergessenen Bücher” von Christopher Morley kurz vorstellen, damit Ihr ein bisschen den Eindruck bekommt, um was für einen Roman es sich handelt, damit Ihr ihn besorgen und in die gemeisame Leserunde ab dem kommenden Sonntag einsteigen könnt.

“Bücher enthalten die Gedanken und Träume der Menschen, ihre Hoffnungen, ihr Streben, alles, was an ihnen unsterblich ist. Aus Büchern lernen die meisten von uns, wie lebenswert das Leben doch ist.” 116

Wie Ihr auf dem folgenden Bild sehen könnt, schenkt uns Christopher Morley mit seinem Roman “Das Haus der vergessenen Bücher” eine wahre Fundgrube an schönen Zitaten, was die Literaturbranche, vor allem aber den Buchhandel betrifft. Dem Buch kann man entnehmen, dass auch Morley ein Buchliebhaber war. Ich, als leidenschaftliche Buchhändlerin, fand ich herrlich zu lesen, was der Autor bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts über meinen Beruf geschrieben hatte. Das Buch erschien im Jahr 1919, verliert aber nicht an Aktualität. Im Gegenteil. Der Betreiber der Buchhandlung Parnassus wird damit konfrontiert, Werbung für seine Buchhandlung zu schalten. Auch heutzutage ist es in allen Buchhandlungen ein wichtiges Thema, wie und mit welchen Mittel sie überleben, bekannt werden, Kunden locken können.

Morley hat eine Ode an den Buchhandel geschrieben, aber auch eine feine Liebesgeschichte gesponnen und die Protagonisten in einen Kriminalfall verwickelt. In meinen Augen hat er einen soliden Unterhaltungsroman geschrieben, der mir schöne Lesestunden beschert hat und einige Fragen für die gemeisame Leserunde aufgeworfen. Auch wenn ich gestehen muss, dass mich die erste Hälfte des Buches mehr überzeugte wie die Zweite, so bin ich froh, den Roman kennen gelernt zu haben, denn es handelt sich hier um ein bibliophilies Schätzchen. Ich denke, viele Leser werden ihn lieben, manche nur mögen, andere werden damit nichts anfangen können.

Das Haus der vergessenen Buecher Christopher MorleyLasst uns gemeinsam herausfinden, ob und warum “Das Haus der vergessenen Bücher” ein lesenswertes Buch ist! Die Leserunde selbst wird 3 Wochen dauern (14.09. – 05.10.) Wer aktiv an dieser Leserunde teilnimmt und nach drei Wochen ein kleines Leserfazit schreibt, hat die Chance auf einen tollen Gewinn!

*** Hauptpreis ***
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Ein Bücherpaket mit drei Büchern nach Wunsch aus dem Atlantik-Verlag!

*** 2 – 4. Preis ***
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Je ein Büchertagebuch samt toller Buchtasche und Postkarten aus dem Atlantik-Verlag!

Buecher sind treu

Die Leserunde endet am 5. Oktober und Ihr habt bis zum einschließlich 15. Oktober Zeit, Euer Fazit per eMail an dorota(at)bibliophilin.de zu senden. Wir haben uns natürlich auch einige Fragen und Aufgaben für Euch ausgedacht – welche das sind, erfahrt Ihr, wenn Ihr an unserer Veranstaltung teilnimmt. Alle weiteren Infos könnt Ihr der Facebook-Veranstaltung entnehmen. Weitere Informationen und die Blogbeiträge von Alexandra, Aygen und Nanni werden folgen.

Ich hoffe, dass ich Euch auf das Buch neugierig machen konnte.
Wir freuen uns auf einen tollen gemeinsamen Austausch!
Eure Dorota, Nanni, Alexandra & Aygen

“Denn das Paradies im Jenseits ist zwar ungewiss, fest steht aber, dass es einen Himmel auf Erden gibt, einen Himmel, den wir bewohnen, wenn wir ein gutes Buch lesen.” (22)

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[Gastrezension: Marc] Sun-Mi Hwang “Das Huhn, das vom Fliegen träumte”

Das Huhn, das vom Fliegen traumteEine Fabel auf eine getriebene, normierte Welt von heute. Leider ohne zufriedenstellende Antwort

„Sprosse war der beste Name der Welt. Sprossen bildeten Blätter heraus, die von Wind und Sonne berührt wurden, bevor sie abfielen, vermoderten und zu Erde wurden, auf der wohlriechende Blumen wachsen konnten. Sie wollte aus ihrem Leben etwas machen, wie die Sprossen, die sich zu Akazien entwickelten.“

Sprosse ist ein Huhn in einer Legebatterie eines vermutlich dörflichen Bauenhofbetriebes. Sie hat von ihrem beengten Legeplatz einen der besten Blicke auf den Hof des Bauernpaares und schaut Tag für Tag voller Neid auf die Tiere, die sich frei im Hof bewegen können. Doch ihr sehnlichster Wunsch ist es, eines Tages ein Ei auszubrüten und nicht immer nur der Bauersfrau zu überlassen. Aus diesem Grund ist sie in den Hungerstreik getreten und nimmt sich vor, keine Eier mehr legen zu wollen, die ihr am Ende weggenommen werden und sie nicht die Chance besitzt aus diesen Eiern Nachwuchs zu brüten (was bei einer Legehenne wie ihr nicht möglich wäre, aber das weiß sie selber nicht). Als dem Bauernehepaar auffällt, dass Sprosse sich die Federn ausreißt, kein Futter mehr zu sich nimmt und keine Eier mehr legt, ist sie für ihr Geschäft nur noch schädlich und sie soll gekeult werden. Sprosse bekommt dieses Gespräch mit und Angst vor dem Keulen, doch verhindern kann sie es nicht.

Als Sprosse wieder aufwacht, befindet sie sich zwischen lauter toten Hühnern und wird von einer Wildente namens Streuner vor dem Wiesel, welches Sprosse schon auflauert, gerettet. Doch für Sprosse gibt es keinen Zufluchtsort mehr, da die Tiere im Hof sie nur geringschätzig als Legehenne bezeichnen, die nichts anderes zu tun hat außer Eier zu legen und ihrer Funktion beraubt, nichts mehr auf dem Hof zu suchen hat. Sie darf gnädigerweise eine Nacht bleiben, muss dann aber von dem Hof verschwinden.

Als sie dann einen neuen Ort sucht, den sie ein zu Hause nennen kann, findet sie eines Nachts ein verwaistes Ei. Sie hatte vorher einen Schrei vernommen, der nach Tod klang und den sie mit dem Wiesel in Verbindung bringt. Sie denkt sich aber nichts weiter dabei und hat das Verlangen, das Ei, dass sie gefunden hat, auszubrüten. Wenig später kommt Streuner zu dem Nistplatz und behandelt Sprosse ganz seltsam, beschützt sie aber auch, damit sie das Ei in Ruhe ausbrüten kann. Dieses Vorhaben gelingt letztendlich auch unter großen Opfern und Sprosses größter Traum hat sich schlussendlich erfüllt.

Eine Fabel! Wann habe ich das letzte Mal eine Fabel in den Händen gehalten? Es ist lange her und ich meine mich zu erinnern, dass es noch zu Grundschulzeiten war, als den Kindern menschliches Tun anhand von Tieren beigebracht wird (Stopp Gedankeneinschub, Englisch 6. oder 7.Klasse mit Farm der Tiere im Original – ist aber auch schon lange her). Irgendwie hatte es seine Gründe, warum ich so lange keine Fabel mehr angerührt habe. Jetzt kann ich, was Lesen einer Fabel im Erwachsenenalter angeht, auf meiner Zutun- Liste einen Haken setzen. Ich habe gemerkt, dass mir persönlich diese Art von Buch oder Geschichte nicht mehr liegt beziehungsweise das der Ansatz, den Sun-Mi Hwang mit “Das Huhn, das vom Fliegen träumte” wählt in meinen Augen kein Guter ist. Für Kinder zu brutal und angsteinflößend, für Erwachsenen zu banal und einschläfernd.
Da wäre Sprosse, die im Zentrum der Fabel steht und die davon träumt, eines Tages ein Ei ausbrüten zu können und ihrer Legebatterie entfliehen zu können, was sie mittels glücklicher Umstände und Verweigerung auch schafft. Damit ist im Ansatz der Titel des Buches falsch gewählt, denn den Traum zu fliegen erwähnt Sprosse am Ende des Buches und das eher beiläufig – es passt also nicht wirklich und ein Bezug kann nicht hergestellt werden. Auf die menschliche Welt übertragen bedeutet Sprosses Handeln, dass sie ihrem monotonem Alltag in der Legebox (Arbeitsboxen in den Büros dieser Welt) entfliehen will und dafür von allen anderen, die ihre Arbeit weiterhin so erledigen, wie es von ihnen (der gesamten Gesellschaft im Kleinen wie im Großen) erwartet wird, missachtet und ausgestoßen wird. Einzig ein ebenfalls ausgestoßener Einzelgänger ist ihre einzige Stütze und Hilfe. Das sie sich trotzdem durch das Leben beißt hat sie ihrem Retter und ihrem starken Willen zu verdanken hat. Das kann man auch als Moral dieser Geschichte ansehen. Du kannst alles mit deinem eigenen Willen und ein wenig Hilfe von außen erreichen. Das ist mir im Endeffekt zu wenig, um zu begeistern und mich mitzureißen. Die Geschichte ist zwar anrührend geschrieben und hat auch die eine oder andere Stelle, die mir gefallen hat, aber insgesamt war mir das zu einseitig und, wie schon weiter oben erwähnt, zu banal. Im Endeffekt bleibt mir nur zu sagen, dass sich die Moral der Geschichte nicht bei mir festsetzen konnte und die Autorin mich nicht mitnehmen konnte mit dieser Fabel.

Sun-Mi Hwang “Das Huhn, das vom Fliegen träumte”, Kein & Aber Verlag, ISBN: 978-3-0369-5699-2

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[Gastrezension: Marissa] Gunnar Cynybulk “Das halbe Haus”

Das halbe HausVom Kalten Krieg bis ins Heute

In einem halben Haus kann man nicht wohnen. Eine halbe Familie ist schließlich auch keine ganze Familie, die Schutz und Liebe bietet. Den Titel hätte Gunnar Cynybulk für seinen Roman „Das halbe Haus“ daher gar nicht treffender wählen können, ebenso wenig die Sprache, in der er erzählt.

Schonungslos und schnörkellos überspringt er Zeit und Raum und wechselt Erzählperspektiven ab. Das ist aber auch nötig, bei über 570 Seiten Erzählung, vor denen ich bei Lesebeginn größten Respekt hatte. Ebenso wie vor dem Thema. Krieg durchzieht den Roman wie ein roter Faden, das bedeutet deutsche Geschichte auf jeder Seite. Das könnte erschlagen. Tut es aber nicht, denn Cynybulk gestaltet die Erzählung abwechslungsreich und spannend.

Drei Geschichten werden dabei erzählt, die miteinander nicht verknüpfter sein könnten: Die der Großmutter, die vom Schwarzen Meer in Zeiten des Kalten Krieges in den Westen übersiedelt; die ihres Sohnes, Frank Friedrich, der zunächst seine Ehefrau Polina dazu nötigt, aus der DDR in die Bundesrepublik überzusiedeln und sich dann in Eva verliebt. Eva, die zu eng mit dem System verbunden ist… Seine Verhaftung lässt nicht lange auf sich warten. Und dann ist da noch der eigentliche Protagonist Jakob, Sohn und Enkel, der von der Kinder- und Jugendsportschule träumt.

Beim Lesen lernt man nicht nur von den Sehnsüchten und Träumen der Personen, sondern auch viel über die Deutsche Geschichte – vom Kalten Krieg bis ins Heute. Das ist einerseits spannend (erzählt), aber auch auf seine Art nüchtern und zugleich liebevoll. Für den Sommer eine recht schwere und anstrengende Lektüre, die ich eher für die langen Stunden in Herbst und Winter ans Herz lege!

Gunnar Cynybulk: Das halbe Haus, DuMont Verlag, ISBN 978-3-8321-9723-0

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[Gastrezension: Kerstin]“Bellboy oder: Ich schulde Paul einen Sommer” von Jess Jochimsen

bellboy_oder_ich_schulde_paul_einen_sommer-9783423214025 Herzergreifend und dennoch voller Zynismus. Lustig und traurig zugleich. Ein ernstes Thema, aber voller Wortwitz.
Demenz ist sicherlich nichts, worüber man laut loslachen sollte – hier kann man es aber dennoch, denn man lacht mit den Protagonisten, nicht über sie.
Jess Jochimsen bringt in “Bellboy oder: Ich schulde Paul einen Sommer” trotz aller schräger Charaktere, witziger Dialoge und absolut lustig beschriebener Begebenheiten den Leser trotzdem auch zum Nachdenken. Zum Nachdenken über das Thema Demenz. Wie würde man selber damit umgehen, wenn eine Person, die einem nahesteht, von dieser unheilbaren Krankheit langsam aber sicher verschluckt wird? Man lernt etwas sehr Wichtiges vom demenzkranken Paul: sich am Augenblick zu erfreuen. An Kleinigkeiten.

Paul ist Lukas’ jüngerer Cousin und war immer schon etwas komisch. Man könnte sagen, ein wenig “zurückgeblieben”. Trotzdem machte er seinen Realschulabschluss und anschließend eine Lehre im Bauhandwerk. Wirkliche Freunde hatte er nie, er wurde zwar von seinem Bruder Dietsche und Cousin Lukas mitgeschleppt, war aber nicht richtig “dabei”.
Lukas, der mit seiner Schwester Lena bei Dietsche und Paul aufwuchs, nachdem die Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen, kehrte der bayrischen Provinz bald den Rücken. Aus den Augen, aus dem Sinn verschwendete er nicht mehr viele Gedanken an sein früheres Zuhause und richtete sich im Hier und Jetzt ein.
Hier und jetzt lebt Lukas zur Untermiete bei einem schwulen Pfarrer, hat das Studium geschmissen, die Freundin ist weg, er verdient sich sein Geld als Nachhilfelehrer und legt dann und wann auch gerne mal die Mütter seiner Schüler flach. Außerdem hat er die ehrenvolle Aufgabe, jeden Sonntag die Glocken zu läuten und gibt daher als Berufsbezeichnung bisweilen”Glöckner” an. Noch dazu ist er ein Zyniker vor dem Herrn.
Eines Tages steht plötzlich Paul vor der Tür. Mit Paul zusammen tritt auch wieder Lukas’ stressbedingter Hautausschlag in Erscheinung, den er, als er noch mit Paul zusammenlebte, jeden Sommer hatte.
Paul, der es nie verwunden hatte, dass sein Cousin damals einfach gegangen ist, richtet sich nun häuslich bei Lukas ein und benimmt sich sehr komisch. Lukas, der nichts von der Demenzerkrankung seines Cousins weiß, ist genervt und will ihn schnellstmöglich wieder loswerden. Anrufe in der alten Heimat führen jedoch zu nichts, Lukas trifft auf eine Mauer des Schweigens.
Stevie (eigentlich Stefan), der schwule Pfarrer, hingegen nimmt Paul herzlich auf und behandelt ihn ganz normal. Und Paul blüht auf. Findet Freunde. Übernimmt kleine Aufgaben in der Kirche. Ist ganz einfach glücklich.
Irgendwann können Lukas und Stevie allerdings nicht mehr darüber hinwegsehen, dass Paul ständig Sachen vergisst und manchmal tagelang völlig abwesend ist. Sie forschen nach – und erfahren die bittere Wahrheit. Und bescheren Paul einen Sommer, in dem er wirklich “dabei” ist. Ein Sommer, in dem Stevie und Lukas viel von Paul lernen und in dem Paul einfach nur glücklich ist.

Man kann sich vorstellen, dass es lustig zugeht, wenn ein Pfarrer, der auch ganz gerne mal Haschkekse backt, ein Zyniker und ein Demenzkranker zusammen unterwegs sind. Da werden Ausflugsdampfer versenkt (aus Versehen), japanische Reisetruppen aufgehetzt und sogar dem Kanzler wird ein Besuch abgestattet. Der Kirchentag kommt ebenfalls nicht zu kurz (“Jawohl, Stevie, den Kirchentag hat der Teufel gemacht, und zwar, als er mit dem Karneval, der Love Parade und dem Ausdruckstanz fertig war.”) Paul nimmt das alles mit geradezu kindlicher Freude in sich auf und der Leser freut sich mit ihm. Als die Krankheit sich jedoch immer weiter ihren Weg bahnt, schlägt auch der Autor leisere Töne an.

Eine gelungene Gratwanderung zwischen totalem Klamauk und einem sehr ernstzunehmenden Thema wird einem hier präsentiert, für das ich eine absolute Leseempfehlung ausspreche.

“Bellboy oder: Ich schulde Paul einen Sommer” von Jess Jochimsen, dtv,
ISBN: 978-3-423-21402-5

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[Blogtour] Karen Köhler “Wir haben Raketen geangelt”

Karen Koehler_Wir haben Raketen geangelt_Cover

„Zeit fließt nur in eine Richtung. Nur nach vorn. Nur in die Zukunft. Zeit strebt danach, die Dinge von einer hohen energetischen Ordnung in einen möglichst niedrig ausgeladenen Zustand zu überführen. Zeit kann nicht in eine andere Richtung. Kann nicht zurück. Immer nur vorwärts. Ordnung zerstören. Bis irgendwann, eines Tages, auch der letzte Stern erst explodiert , dann erloschen sein wird und das Universum träge und tot zur Ruhe kommt. Das ist ein kosmisches Gesetz.” (152/153)

Eines Tages war es da. Ein unscheinbares braunes Päckchen aus dem Hanser Verlag lag in meinem Briefkasten. Ich wußte, was drin war und freute mich sehr. Denn Bücher aus den Hanser Literaturverlagen bedeuten für mich immer spannende und literarisch wertvolle Lesestunden. Ich lese selten Erzählungen. Wenn ich aber welche lese, sollen sie gut sein, weil ich mich ihnen ganz zögerlich nähere. Die sympathische Künstlerin Karen Köhler, die unter anderem das Logo für We Read Indie entworfen hatte, hat neun Erzählungen geschrieben, die unter dem Titel „Wir haben Raketen geangelt“ (ISBN: 978-3-446-24602-7) soeben erschienen sind. Schön gestaltet ist das Buch, was nicht verwunderlich ist, da Karen bei der Gestaltung mitgewirkt hat. Die Gestaltung des Covers, die kleinen Tierbilder, die sich im Buch befinden, begeistern das Auge.

Karen Koehler_Wir haben Raketen geangelt

Nachdem ich das Päckchen ausgepackt hatte, fing ich sofort an zu lesen und musste mich bremsen. Denn wenn alle Erzählungen solche Meisterwerke sind wie „il Comandante“, dann würde ich das ganze Buch in einem Rutsch durchlesen. Und das kommt für mich nicht infrage. Irgendwann wird das Buch ausgelesen und der Trennungsschmerz groß sein. Das spüre ich von der ersten Seite an. Und ich merke sofort, dass ich dieses Buch liebe. Am Ende weiß ich, dass “Wir haben Raketen geangelt” eines der besten Bücher ist, die ich in meinem Leben gelesen habe. Karen Köhler hat mich begeistert, erschüttert, mit ihren Worten gestreichelt, mich glücklich gemacht und ganz viele Bücher, die ich bisher gelesen hatte in den Schatten gestellt.  Ich weiß, es ist unfair vielen Autoren gegenüber, aber im Moment habe ich das Gefühl, dass ich keine anderen Erzählungen mehr lesen will. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich andere ebenfalls so begeistern könnten wie diese. Und auch wenn in ihnen großer Schmerz und Traurigkeit wohnen, so sind sie in meinen Augen unheimlich warm und lebensbejahend. Das Lesen der Geschichten ist für mich wie nach Hause kommen.

Karen Koehler_Baer

Gefragt nach meiner liebsten Erzählung, könnte ich Euch keine eindeutige Antwort geben. Ich liebe sie alle. Sie alle bringen mich zum Nachdenken, lassen mich lachen und treiben mir Tränen in die Augen. Ich habe inzwischen das Buch zwei Mal gelesen; ich besitze auch das eBook, so dass ich unterwegs gerne mal darin lese. Karen Köhler ist zu einer wichtigen Begleiterin meiner Tage geworden und ich hoffe wirklich sehr, dass sie mehr schreibt, dass sie mir neue Erzählungen schenkt, oder einen dicken Wälzer schreibt. Nur ein Bitte hätte ich, liebe Karen – schreib schnell, schreib bald, mach mich wieder literarisch glücklich.

„Seitdem ich in New York bin, bin ich allein. Komisch, so viele Menschen und zusammen sind sie eine Wüste.“ (76)

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Karen Köhlers Universum ist so mitreißend, dass caterina, Klappentexterin, Sophie, Mariki, Bücherliebhaberin und ich uns zusammengetan haben, um mit unseren Raketen von Blog zu Blog zu fliegen und euch den eindrucksvollen Erzählband aus unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen. Dazu haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht. Was waren wir traurig, dass Karen Köhler “il Comandante” nicht beim Bachmannpreis vortragen konnte, ist diese Erzählung doch eine, die sich ins Herz brennt und geradezu prädestiniert ist, um die Kritiker vor Erstaunen von den Plätzen zu fegen! Deshalb bekommt “il Comandante” bei uns einen Ehrenplatz: Nacheinander werden wir je einen Abschnitt daraus veröffentlichen – er ist der Sternenschweif, der uns verbindet. Am Ende habt ihr nicht nur die komplette Erzählung, wir landen auch auf unserem Gemeinschaftsblog We read Indie. Dort empfangen wir euch zusammen mit der Autorin, die uns ein schönes Interview geschenkt hat. Die Raketen-Blogtour startete gestern und führt jeden Tag zu einer anderen Bloggerin. Seid also gespannt und lasst uns fliegen!

Die Reihenfolge der Blogtour:

SchöneSeiten – Montag, 25. August
Bibliophilin – Dienstag, 26. August
Klappentexterin – Mittwoch, 27. August
Literaturen – Donnerstag, 28. August
Bücherwurmloch – Freitag, 29. August
glasperlenspiel13 – Samstag, 30. August
Interview mit Karen Köhler auf We Read Indie – Sonntag, 31. August

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comandante

Eine Erzählung aus “Wir haben Raketen geangelt” von Karen Köhler

DIENSTAG

Die Klinik heißt wie ein griechischer Gott. Ein hässliches, schmales, braunes Gebäude, dass gar nicht erst den Anspruch hat, gut auszusehen. Unverschämt und vollverglast steht es in der Stadtlandschaft herum. 21 Stockwerke hoch. Ich starre auf den braunen Klopper und versuche, mein Zimmerfenster auszumachen. Zum ersten Mal seit Wochen habe ich das Gebäude verlassen. Habe gestern eine neue Zimmernachbarin bekommen, die jede Menge Besuch am Start hat. Ehemann, Eltern, Schwester, Kinder, Freunde. Der Strom reißt da gar nicht ab. Deshalb bin ich jetzt hier unten am See. Obwohl, See … Teich. Besser: Tümpel. Sieben Enten und ein Fischreiher sonnen sich darin. Rhododendron blüht. Bäume rauschen. Einige davon entladen ihre weißen Flusen in die Luft. Denke: Baumwolle.
Ich setze mich auf eine Bank am Ufer. Dann wische ich übers Glas. Entriegeln. Gebe den Code ein. Klicke auf Telefon. Anrufliste. Tom. Es tutet. Wieder nur die Mailbox. Ich versuche, zuversichtlich zu klingen.
Der Hubschrauberlandeplatz liegt bedrohlich auf einer Erhöhung neben dem See. Jederzeit kann hier was landen, ein Unfallopfer mit schwachem Puls oder eine Kühltasche mit den Organen eines Toten.
Der Fischreiher hebt unvermittelt ab. Ich lege auf.

Langsam schleppe ich mich wieder zum Haupteingang. Eine Hochschwangere watschelt mir mit dem werdenden Vater entgegen. Die Geburtsstation, das Storchennest, ist gleich nebenan im kleineren, schöneren Gebäudekomplex. Ich lächle über ihren Bauch und muss Praline denken. Sie sieht mich mitleidsvoll an, er schaut weg, beide gehen grußlos vorbei. Ich weiß selber, wie ich aussehe. Blass. Froschig. Krank. Mein Kopftuch ist schweißnass, als ich endlich vorm Haupteingang stehe, mein T-Shirt unter Toms Pullover klebt an der Haut. Unter beiden Beuteln laufen kleine Bäche.
Im Raucherpavillon sehe ich einen Krebspatienten. Unsere Blicke treffen sich. In seinem liegt Übermut, in meinem Unverständnis. Ich drehe mich ins Gebäude, und biege, weil ich Durst habe, in das Krankenhauscafé ab, das den genialen Namen Café Bistro trägt. Ein Kundenfänger steht vorm Eingang. Schnitzel sind heute im Angebot.
Als die Bedienung an meinen Tisch kommt, bitte ich um ein Glas Leitungswasser.
»Mehr nicht?« Sie schaut mich an.
»Ich bezahle es meinetwegen auch«, sage ich.
»Schon gut«, sagt sie, »aber dass mir das nicht zur Gewohnheit wird.«
Ich schüttele den Kopf.
Das Krankenhaus-Café könnte sich auch in einem Hotel an der Ostsee befinden, das in den 90ern zuletzt renoviert wurde. Vor einer halbrunden Fensterfront stehen sechs Tische, Holzlaminat und Stahlbeine, mit jeweils vier dazu passenden Stühlen. Um eine Säule in der Mitte des Raumes wurden mehrere Zweierensembles gruppiert. Die bleiben immer am längsten frei. Zuerst füllen sich die Fensterplätze. Auf allen Tischen stehen Ständer mit der Speise- und Eiskarte und weiße Vasen, in denen kleine Kunststraußgebinde stecken, die vergeblich versuchen, Frühling zu verbreiten. Außer mir sitzen noch fünf weitere Gäste im Café.
Die Bedienung balanciert zwei Kuchenteller mit einer Hand, stellt mir im Vorbeigehen das Wasserglas auf den Tisch und flötet ein Bittesehr.

Dann sehe ich ihn: Ein älterer Mann kurvt im Rollstuhl herein. Eine Wollmütze thront auf seinem Kopf, unter der sich seine schwarzen Locken beulen, seine Augen verdeckt eine große Designer-Sonnenbrille. Er rollert ungeübt, aber zielstrebig auf einen Fenstertisch zu, ein Lächeln findet den Weg durch seinen grauen Rauschevollbart. Was lächelt der, er ist in einem Krankenhaus, warum hat der so gute Laune. Er überstrahlt alles, was ich in den letzten Wochen hier gesehen habe, ach Quatsch, er überstrahlt auch vieles außerhalb dieses Krankenhauses. Kann mich gar nicht sattsehen. Der kann doch gar nicht krank sein.
»Hello, my friend«, ruft ihm der Café Bistro-Chef zu.
»Buenos dias, amigo«, sagt er, schiebt umständlich einen Stuhl zur Seite und platziert sich aufwendig am Fensterplatz des Tisches. Rückwärts Einparken in siebenundzwanzig Zügen.
»What can you offer me today?« Seine Stimme ist wie ein Instrument, laut und tief.
»Fish and Pommes mit Salad?«, stümpert der Bistro-Chef.
»Pescado y patatas fritas, muy bien, Dankeschön«, sagt er und legt sein Smartphone auf den Tisch. An den Fingern der linken Hand stecken mehrere Goldringe, an seinen Ohrläppchen glitzern Steine.Er trägt etwas um den Hals, das wie ein Union Jack aussieht. Eine Wolldecke liegt über seinen Beinen, die in irgendeiner Jogginghose stecken, in seinem Schoß liegt ein Hipbag. Obenrum: Ein ausgewaschenes helles T-Shirt und darüber eine dunkelblaue Jacke. Er sieht in meine Richtung.
Nicht, dass hier vorher viel geredet wurde. Jetzt aber, jetzt schauen alle auf den Popstarparadiesvogelpatientenopa. Und er schaut mich mit seinen Popstarsonnenbrillenparadiesvogelaugen an. Ich versuche ein Lächeln.

Das war unsere erste Begegnung.

*

Morgen geht die Blogtour bei der Klappentexterin weiter.

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[Gastrezension: Susanne] Tomás González “Das spröde Licht”

aufbau_128x209mm.inddManchmal reichen 170 Seiten. Manchmal braucht es keine großen Worte. Manchmal sind es die ganz leisen Töne, die einen ganz tief drinnen treffen, die nachhallen, sich festsetzen und einen lange begleiten ohne dass man genau zu sagen vermag, was diese Bittersüße in einen gepflanzt hat. Die Tränen sind nahe, aber wenn sie denn kommen, dann sind sie beides: Glück und Trauer zugleich, Schmerz und Linderung, Mitleid und Neid.
Der in Kolumbien geborene und in New York lebende Schriftsteller Tomás González erzählt in “Das spröde Licht” auf wenigen Seiten von wenigen Stunden seines mittlerweile 78-jährigen Lebens. Die Geschichte liegt 19 Jahre zurück. Damals hat sein ältester Sohn Jacobo sich zusammen mit seinem jüngeren Bruder Pablo auf den Weg gemacht, um zu sterben. Jacobo ist seit einem Autounfall nicht nur vom Hals abwärts gelähmt, sondern leidet seitdem auch an unerträglichen, unmenschlichen Schmerzen, die ihn den Tod herbeisehnen lassen. Begleitet von seinem Bruder unternimmt er seine letzte Reise in einen amerikanischen Bundesstaat, in dem Sterbehilfe legal und ein sicheres Ende unter würdigen Bedingungen möglich ist. Während der Reise, die zwei Tage und Nächte dauert, wartet David, der Erzähler, seine Frau Sara, sein jüngster Sohn Arturo und einige Freunde der Familie auf die Nachricht vom Tod des geliebten Sohnes.

Leise erzählt Gonzales, unaufgeregt, stets ohne Pathos und doch oder gerade deshalb so eindringlich, dass es beinahe weh tut, wie die Menschen die letzten Stunden verbringen vor einem Ereignis, das sie einerseits herbeisehnen – niemand will, dass Jacobo weiter leiden muss – und vor dem sie sich so fürchten, dass sie nicht anders können, als immer wieder zu hoffen, der junge Mann möge es sich in letzter Minute doch noch anders überlegen. Ganz und gar meisterlich versteht es der Autor der Banalität der Handlungen, die während dieser Stunden vonstatten gehen, eine derart schmerzhafte Spannung einzuhauchen. Sparsam, beinahe karg werden Situationen, Gefühlslagen, Gedanken und Dialoge beschrieben und beim Leser stellt sich das Gefühl ein als säße er selbst mit am Küchentisch in einer Stille, die zwangsläufig entsteht, wenn das Ende der Sprache erreicht ist und niemand mehr versucht, das Unaussprechliche in Worte zu fassen. Beklemmend die Stunden der Nacht, wo der eine den anderen durchs Haus laufen hört, die Minuten zu Stunden werden und Flammen im Inneren toben, während man mit verschränkten Armen ruhig im Bett liegt. Berührend die Liebe, die in allen Blicken, Gesten und Erinnerungen wohnt und die dieses harte Schicksal zu einem Höhepunkt treibt, der eben auch schön ist in all seinem Schmerz.

Tomás González ist ein sensibler Schreiber, ein Stimmungskünstler, der einen mit sanften Berührungen vehement mitreißt in einen Raum, von dem man eigentlich denkt, dass nur diejenigen ihn betreten können, die selbst erlebt haben, was da beschrieben wird. “Das spröde Licht”  – das ist alles andere als das. Nicht spröde, sondern warm und warmherzig ist dieses Licht, das von den leisen Worten, einfachen Sätzen und kurzen Kapiteln in den Leser dringt und dort lange leuchten wird.

Tomás González “Das spröde Licht”, S. Fischer-Verlag, ISBN: 3100266056

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[Gastrezension: Rosa] „Das Geheimnis des Schmerzes“ von Phil Rickman

Traveler DC 120„Das Geheimnis des Schmerzes“ ist der neueste und 11. Band der Reihe um Merrily Watkins, die eine doch recht außergewöhnliche Hauptfigur für eine Mystery-Reihe darstellt. Sie ist nämlich Pfarrerin und außerdem „Beraterin für spirituelle Grenzfragen“ ihrer Diözese, was im Endeffekt ein auf modern getrimmter Name für den Exorzistenberuf ist. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich in dieser Reihe oft Wirklichkeit mit Geschehnissen, die man nicht ganz einordnen kann, vermischt. Oft wird der Leser mit dem unbehaglichen Gefühl von „Kann es wirklich sein, dass…?“ zurückgelassen.

Wer schon einige Bände kennt, wird sich schnell wieder in die enge – manchmal beengende – Dorfgemeinschaft von Ledwardine einleben, doch auch Neueinsteiger in Rickmans Reihe dürften sich nach einigen Kapiteln recht gut zurechtfinden. Ich finde es immer wieder schön, die bekannten Charaktere wieder zu treffen, wie Lol, den unsicheren und liebenswerten Folkmusiker, und Jane, Merrilys Tochter, mit ihrem ausgeprägten Interesse für Archäologie und Naturreligionen.

In diesem Band geht es gleich um mehrere brisante Themen: Es beginnt mit einem Mord an einem alteingesessenen Bauer, der zunächst Gastarbeitern in die Schuhe geschoben wird, was zu einem Aufschwung fremdenfeindlicher Bewegungen führt. Außerdem ist ein nicht unwichtiger Schauplatz ein SAS-Übungsplatz, und es werden Fragen aufgeworfen, in wie fern sich die harte militärische Ausbildung sowie die Einsätze auf die Psyche der Ex-Soldaten auswirken könnten.

Natürlich geht es auch, wie gewohnt, um zweifelhaften Umgang mit Religion und Spiritualität, und die Schwierigkeiten kleiner Dörfer in immer moderneren Zeiten – eben das, was man von einem Watkins-Thriller erwartet.

Auch wenn das Buch für mich nicht das beste der Serie war, habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Der auf der Rückseite angepriesene „Pageturner“-Effekt kam bei mir erst gegen Ende auf, doch auch davor war ich wie so häufig fasziniert davon, wie gut es Phil Rickman gelingt, diese beklemmende Atmosphäre eines Dorfes mit alten Hierarchien, in denen jeder irgendwie mit jedem zusammenhängt, darzustellen. Dieser Zwiespalt, zwischen denen, die alles am liebsten lassen würden, wie es ist, und denen, die alles tun würden, um das kleine Dorf wirtschaftlich tragbarer zu machen, ist wirklich spannend.

Was mir ein wenig zu kurz kam, war Merrily als Person – zwar gibt es inzwischen schon einige Charaktere, die man als Hauptfiguren sehen kann, doch sie ist es ja, aus der die Serie entstand, und sie ist auch eine wirklich interessante Persönlichkeit, weshalb ich mir noch mehr Kapitel, die sich ihr widmen, gewünscht hätte.

Alles in allem spreche ich für das Buch aber guten Gewissens eine Empfehlung aus – für Fans der Serie ein Muss, und mag es auch für Neueinsteiger nicht die allerbeste Wahl sein, so wird man auf keinen Fall abgeschreckt! Es enthält alles Wichtige eines typischen Merrily-Watkins-Mysterys und bietet einige spannende Lesestunden für Fans außergewöhnlicher Thriller. Wie sich in diesen Büchern Mythologie, Historie, Lokalpolitik und Religion vermischen ist immer wieder ein interessantes Leseerlebnis!

Traveler DC 120

„Das Geheimnis des Schmerzes“ Phil Rickman, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-499-25827-5

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Vielen Dank, liebe Rosa, für Deine Gastrezension.

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