[Blogtour] Karen Köhler “Wir haben Raketen geangelt”

Karen Koehler_Wir haben Raketen geangelt_Cover

„Zeit fließt nur in eine Richtung. Nur nach vorn. Nur in die Zukunft. Zeit strebt danach, die Dinge von einer hohen energetischen Ordnung in einen möglichst niedrig ausgeladenen Zustand zu überführen. Zeit kann nicht in eine andere Richtung. Kann nicht zurück. Immer nur vorwärts. Ordnung zerstören. Bis irgendwann, eines Tages, auch der letzte Stern erst explodiert , dann erloschen sein wird und das Universum träge und tot zur Ruhe kommt. Das ist ein kosmisches Gesetz.” (152/153)

Eines Tages war es da. Ein unscheinbares braunes Päckchen aus dem Hanser Verlag lag in meinem Briefkasten. Ich wußte, was drin war und freute mich sehr. Denn Bücher aus den Hanser Literaturverlagen bedeuten für mich immer spannende und literarisch wertvolle Lesestunden. Ich lese selten Erzählungen. Wenn ich aber welche lese, sollen sie gut sein, weil ich mich ihnen ganz zögerlich nähere. Die sympathische Künstlerin Karen Köhler, die unter anderem das Logo für We Read Indie entworfen hatte, hat neun Erzählungen geschrieben, die unter dem Titel „Wir haben Raketen geangelt“ (ISBN: 978-3-446-24602-7) soeben erschienen sind. Schön gestaltet ist das Buch, was nicht verwunderlich ist, da Karen bei der Gestaltung mitgewirkt hat. Die Gestaltung des Covers, die kleinen Tierbilder, die sich im Buch befinden, begeistern das Auge.

Karen Koehler_Wir haben Raketen geangelt

Nachdem ich das Päckchen ausgepackt hatte, fing ich sofort an zu lesen und musste mich bremsen. Denn wenn alle Erzählungen solche Meisterwerke sind wie „il Comandante“, dann würde ich das ganze Buch in einem Rutsch durchlesen. Und das kommt für mich nicht infrage. Irgendwann wird das Buch ausgelesen und der Trennungsschmerz groß sein. Das spüre ich von der ersten Seite an. Und ich merke sofort, dass ich dieses Buch liebe. Am Ende weiß ich, dass “Wir haben Raketen geangelt” eines der besten Bücher ist, die ich in meinem Leben gelesen habe. Karen Köhler hat mich begeistert, erschüttert, mit ihren Worten gestreichelt, mich glücklich gemacht und ganz viele Bücher, die ich bisher gelesen hatte in den Schatten gestellt.  Ich weiß, es ist unfair vielen Autoren gegenüber, aber im Moment habe ich das Gefühl, dass ich keine anderen Erzählungen mehr lesen will. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich andere ebenfalls so begeistern könnten wie diese. Und auch wenn in ihnen großer Schmerz und Traurigkeit wohnen, so sind sie in meinen Augen unheimlich warm und lebensbejahend. Das Lesen der Geschichten ist für mich wie nach Hause kommen.

Karen Koehler_Baer

Gefragt nach meiner liebsten Erzählung, könnte ich Euch keine eindeutige Antwort geben. Ich liebe sie alle. Sie alle bringen mich zum Nachdenken, lassen mich lachen und treiben mir Tränen in die Augen. Ich habe inzwischen das Buch zwei Mal gelesen; ich besitze auch das eBook, so dass ich unterwegs gerne mal darin lese. Karen Köhler ist zu einer wichtigen Begleiterin meiner Tage geworden und ich hoffe wirklich sehr, dass sie mehr schreibt, dass sie mir neue Erzählungen schenkt, oder einen dicken Wälzer schreibt. Nur ein Bitte hätte ich, liebe Karen – schreib schnell, schreib bald, mach mich wieder literarisch glücklich.

„Seitdem ich in New York bin, bin ich allein. Komisch, so viele Menschen und zusammen sind sie eine Wüste.“ (76)

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Karen Köhlers Universum ist so mitreißend, dass caterina, Klappentexterin, Sophie, Mariki, Bücherliebhaberin und ich uns zusammengetan haben, um mit unseren Raketen von Blog zu Blog zu fliegen und euch den eindrucksvollen Erzählband aus unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen. Dazu haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht. Was waren wir traurig, dass Karen Köhler “il Comandante” nicht beim Bachmannpreis vortragen konnte, ist diese Erzählung doch eine, die sich ins Herz brennt und geradezu prädestiniert ist, um die Kritiker vor Erstaunen von den Plätzen zu fegen! Deshalb bekommt “il Comandante” bei uns einen Ehrenplatz: Nacheinander werden wir je einen Abschnitt daraus veröffentlichen – er ist der Sternenschweif, der uns verbindet. Am Ende habt ihr nicht nur die komplette Erzählung, wir landen auch auf unserem Gemeinschaftsblog We read Indie. Dort empfangen wir euch zusammen mit der Autorin, die uns ein schönes Interview geschenkt hat. Die Raketen-Blogtour startete gestern und führt jeden Tag zu einer anderen Bloggerin. Seid also gespannt und lasst uns fliegen!

Die Reihenfolge der Blogtour:

SchöneSeiten – Montag, 25. August
Bibliophilin – Dienstag, 26. August
Klappentexterin – Mittwoch, 27. August
Literaturen – Donnerstag, 28. August
Bücherwurmloch – Freitag, 29. August
glasperlenspiel13 – Samstag, 30. August
Interview mit Karen Köhler auf We Read Indie – Sonntag, 31. August

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comandante

Eine Erzählung aus “Wir haben Raketen geangelt” von Karen Köhler

DIENSTAG

Die Klinik heißt wie ein griechischer Gott. Ein hässliches, schmales, braunes Gebäude, dass gar nicht erst den Anspruch hat, gut auszusehen. Unverschämt und vollverglast steht es in der Stadtlandschaft herum. 21 Stockwerke hoch. Ich starre auf den braunen Klopper und versuche, mein Zimmerfenster auszumachen. Zum ersten Mal seit Wochen habe ich das Gebäude verlassen. Habe gestern eine neue Zimmernachbarin bekommen, die jede Menge Besuch am Start hat. Ehemann, Eltern, Schwester, Kinder, Freunde. Der Strom reißt da gar nicht ab. Deshalb bin ich jetzt hier unten am See. Obwohl, See … Teich. Besser: Tümpel. Sieben Enten und ein Fischreiher sonnen sich darin. Rhododendron blüht. Bäume rauschen. Einige davon entladen ihre weißen Flusen in die Luft. Denke: Baumwolle.
Ich setze mich auf eine Bank am Ufer. Dann wische ich übers Glas. Entriegeln. Gebe den Code ein. Klicke auf Telefon. Anrufliste. Tom. Es tutet. Wieder nur die Mailbox. Ich versuche, zuversichtlich zu klingen.
Der Hubschrauberlandeplatz liegt bedrohlich auf einer Erhöhung neben dem See. Jederzeit kann hier was landen, ein Unfallopfer mit schwachem Puls oder eine Kühltasche mit den Organen eines Toten.
Der Fischreiher hebt unvermittelt ab. Ich lege auf.

Langsam schleppe ich mich wieder zum Haupteingang. Eine Hochschwangere watschelt mir mit dem werdenden Vater entgegen. Die Geburtsstation, das Storchennest, ist gleich nebenan im kleineren, schöneren Gebäudekomplex. Ich lächle über ihren Bauch und muss Praline denken. Sie sieht mich mitleidsvoll an, er schaut weg, beide gehen grußlos vorbei. Ich weiß selber, wie ich aussehe. Blass. Froschig. Krank. Mein Kopftuch ist schweißnass, als ich endlich vorm Haupteingang stehe, mein T-Shirt unter Toms Pullover klebt an der Haut. Unter beiden Beuteln laufen kleine Bäche.
Im Raucherpavillon sehe ich einen Krebspatienten. Unsere Blicke treffen sich. In seinem liegt Übermut, in meinem Unverständnis. Ich drehe mich ins Gebäude, und biege, weil ich Durst habe, in das Krankenhauscafé ab, das den genialen Namen Café Bistro trägt. Ein Kundenfänger steht vorm Eingang. Schnitzel sind heute im Angebot.
Als die Bedienung an meinen Tisch kommt, bitte ich um ein Glas Leitungswasser.
»Mehr nicht?« Sie schaut mich an.
»Ich bezahle es meinetwegen auch«, sage ich.
»Schon gut«, sagt sie, »aber dass mir das nicht zur Gewohnheit wird.«
Ich schüttele den Kopf.
Das Krankenhaus-Café könnte sich auch in einem Hotel an der Ostsee befinden, das in den 90ern zuletzt renoviert wurde. Vor einer halbrunden Fensterfront stehen sechs Tische, Holzlaminat und Stahlbeine, mit jeweils vier dazu passenden Stühlen. Um eine Säule in der Mitte des Raumes wurden mehrere Zweierensembles gruppiert. Die bleiben immer am längsten frei. Zuerst füllen sich die Fensterplätze. Auf allen Tischen stehen Ständer mit der Speise- und Eiskarte und weiße Vasen, in denen kleine Kunststraußgebinde stecken, die vergeblich versuchen, Frühling zu verbreiten. Außer mir sitzen noch fünf weitere Gäste im Café.
Die Bedienung balanciert zwei Kuchenteller mit einer Hand, stellt mir im Vorbeigehen das Wasserglas auf den Tisch und flötet ein Bittesehr.

Dann sehe ich ihn: Ein älterer Mann kurvt im Rollstuhl herein. Eine Wollmütze thront auf seinem Kopf, unter der sich seine schwarzen Locken beulen, seine Augen verdeckt eine große Designer-Sonnenbrille. Er rollert ungeübt, aber zielstrebig auf einen Fenstertisch zu, ein Lächeln findet den Weg durch seinen grauen Rauschevollbart. Was lächelt der, er ist in einem Krankenhaus, warum hat der so gute Laune. Er überstrahlt alles, was ich in den letzten Wochen hier gesehen habe, ach Quatsch, er überstrahlt auch vieles außerhalb dieses Krankenhauses. Kann mich gar nicht sattsehen. Der kann doch gar nicht krank sein.
»Hello, my friend«, ruft ihm der Café Bistro-Chef zu.
»Buenos dias, amigo«, sagt er, schiebt umständlich einen Stuhl zur Seite und platziert sich aufwendig am Fensterplatz des Tisches. Rückwärts Einparken in siebenundzwanzig Zügen.
»What can you offer me today?« Seine Stimme ist wie ein Instrument, laut und tief.
»Fish and Pommes mit Salad?«, stümpert der Bistro-Chef.
»Pescado y patatas fritas, muy bien, Dankeschön«, sagt er und legt sein Smartphone auf den Tisch. An den Fingern der linken Hand stecken mehrere Goldringe, an seinen Ohrläppchen glitzern Steine.Er trägt etwas um den Hals, das wie ein Union Jack aussieht. Eine Wolldecke liegt über seinen Beinen, die in irgendeiner Jogginghose stecken, in seinem Schoß liegt ein Hipbag. Obenrum: Ein ausgewaschenes helles T-Shirt und darüber eine dunkelblaue Jacke. Er sieht in meine Richtung.
Nicht, dass hier vorher viel geredet wurde. Jetzt aber, jetzt schauen alle auf den Popstarparadiesvogelpatientenopa. Und er schaut mich mit seinen Popstarsonnenbrillenparadiesvogelaugen an. Ich versuche ein Lächeln.

Das war unsere erste Begegnung.

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Morgen geht die Blogtour bei der Klappentexterin weiter.

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[Gastrezension: Susanne] Tomás González “Das spröde Licht”

aufbau_128x209mm.inddManchmal reichen 170 Seiten. Manchmal braucht es keine großen Worte. Manchmal sind es die ganz leisen Töne, die einen ganz tief drinnen treffen, die nachhallen, sich festsetzen und einen lange begleiten ohne dass man genau zu sagen vermag, was diese Bittersüße in einen gepflanzt hat. Die Tränen sind nahe, aber wenn sie denn kommen, dann sind sie beides: Glück und Trauer zugleich, Schmerz und Linderung, Mitleid und Neid.
Der in Kolumbien geborene und in New York lebende Schriftsteller Tomás González erzählt in “Das spröde Licht” auf wenigen Seiten von wenigen Stunden seines mittlerweile 78-jährigen Lebens. Die Geschichte liegt 19 Jahre zurück. Damals hat sein ältester Sohn Jacobo sich zusammen mit seinem jüngeren Bruder Pablo auf den Weg gemacht, um zu sterben. Jacobo ist seit einem Autounfall nicht nur vom Hals abwärts gelähmt, sondern leidet seitdem auch an unerträglichen, unmenschlichen Schmerzen, die ihn den Tod herbeisehnen lassen. Begleitet von seinem Bruder unternimmt er seine letzte Reise in einen amerikanischen Bundesstaat, in dem Sterbehilfe legal und ein sicheres Ende unter würdigen Bedingungen möglich ist. Während der Reise, die zwei Tage und Nächte dauert, wartet David, der Erzähler, seine Frau Sara, sein jüngster Sohn Arturo und einige Freunde der Familie auf die Nachricht vom Tod des geliebten Sohnes.

Leise erzählt Gonzales, unaufgeregt, stets ohne Pathos und doch oder gerade deshalb so eindringlich, dass es beinahe weh tut, wie die Menschen die letzten Stunden verbringen vor einem Ereignis, das sie einerseits herbeisehnen – niemand will, dass Jacobo weiter leiden muss – und vor dem sie sich so fürchten, dass sie nicht anders können, als immer wieder zu hoffen, der junge Mann möge es sich in letzter Minute doch noch anders überlegen. Ganz und gar meisterlich versteht es der Autor der Banalität der Handlungen, die während dieser Stunden vonstatten gehen, eine derart schmerzhafte Spannung einzuhauchen. Sparsam, beinahe karg werden Situationen, Gefühlslagen, Gedanken und Dialoge beschrieben und beim Leser stellt sich das Gefühl ein als säße er selbst mit am Küchentisch in einer Stille, die zwangsläufig entsteht, wenn das Ende der Sprache erreicht ist und niemand mehr versucht, das Unaussprechliche in Worte zu fassen. Beklemmend die Stunden der Nacht, wo der eine den anderen durchs Haus laufen hört, die Minuten zu Stunden werden und Flammen im Inneren toben, während man mit verschränkten Armen ruhig im Bett liegt. Berührend die Liebe, die in allen Blicken, Gesten und Erinnerungen wohnt und die dieses harte Schicksal zu einem Höhepunkt treibt, der eben auch schön ist in all seinem Schmerz.

Tomás González ist ein sensibler Schreiber, ein Stimmungskünstler, der einen mit sanften Berührungen vehement mitreißt in einen Raum, von dem man eigentlich denkt, dass nur diejenigen ihn betreten können, die selbst erlebt haben, was da beschrieben wird. “Das spröde Licht”  – das ist alles andere als das. Nicht spröde, sondern warm und warmherzig ist dieses Licht, das von den leisen Worten, einfachen Sätzen und kurzen Kapiteln in den Leser dringt und dort lange leuchten wird.

Tomás González “Das spröde Licht”, S. Fischer-Verlag, ISBN: 3100266056

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[Gastrezension: Rosa] „Das Geheimnis des Schmerzes“ von Phil Rickman

Traveler DC 120„Das Geheimnis des Schmerzes“ ist der neueste und 11. Band der Reihe um Merrily Watkins, die eine doch recht außergewöhnliche Hauptfigur für eine Mystery-Reihe darstellt. Sie ist nämlich Pfarrerin und außerdem „Beraterin für spirituelle Grenzfragen“ ihrer Diözese, was im Endeffekt ein auf modern getrimmter Name für den Exorzistenberuf ist. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich in dieser Reihe oft Wirklichkeit mit Geschehnissen, die man nicht ganz einordnen kann, vermischt. Oft wird der Leser mit dem unbehaglichen Gefühl von „Kann es wirklich sein, dass…?“ zurückgelassen.

Wer schon einige Bände kennt, wird sich schnell wieder in die enge – manchmal beengende – Dorfgemeinschaft von Ledwardine einleben, doch auch Neueinsteiger in Rickmans Reihe dürften sich nach einigen Kapiteln recht gut zurechtfinden. Ich finde es immer wieder schön, die bekannten Charaktere wieder zu treffen, wie Lol, den unsicheren und liebenswerten Folkmusiker, und Jane, Merrilys Tochter, mit ihrem ausgeprägten Interesse für Archäologie und Naturreligionen.

In diesem Band geht es gleich um mehrere brisante Themen: Es beginnt mit einem Mord an einem alteingesessenen Bauer, der zunächst Gastarbeitern in die Schuhe geschoben wird, was zu einem Aufschwung fremdenfeindlicher Bewegungen führt. Außerdem ist ein nicht unwichtiger Schauplatz ein SAS-Übungsplatz, und es werden Fragen aufgeworfen, in wie fern sich die harte militärische Ausbildung sowie die Einsätze auf die Psyche der Ex-Soldaten auswirken könnten.

Natürlich geht es auch, wie gewohnt, um zweifelhaften Umgang mit Religion und Spiritualität, und die Schwierigkeiten kleiner Dörfer in immer moderneren Zeiten – eben das, was man von einem Watkins-Thriller erwartet.

Auch wenn das Buch für mich nicht das beste der Serie war, habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Der auf der Rückseite angepriesene „Pageturner“-Effekt kam bei mir erst gegen Ende auf, doch auch davor war ich wie so häufig fasziniert davon, wie gut es Phil Rickman gelingt, diese beklemmende Atmosphäre eines Dorfes mit alten Hierarchien, in denen jeder irgendwie mit jedem zusammenhängt, darzustellen. Dieser Zwiespalt, zwischen denen, die alles am liebsten lassen würden, wie es ist, und denen, die alles tun würden, um das kleine Dorf wirtschaftlich tragbarer zu machen, ist wirklich spannend.

Was mir ein wenig zu kurz kam, war Merrily als Person – zwar gibt es inzwischen schon einige Charaktere, die man als Hauptfiguren sehen kann, doch sie ist es ja, aus der die Serie entstand, und sie ist auch eine wirklich interessante Persönlichkeit, weshalb ich mir noch mehr Kapitel, die sich ihr widmen, gewünscht hätte.

Alles in allem spreche ich für das Buch aber guten Gewissens eine Empfehlung aus – für Fans der Serie ein Muss, und mag es auch für Neueinsteiger nicht die allerbeste Wahl sein, so wird man auf keinen Fall abgeschreckt! Es enthält alles Wichtige eines typischen Merrily-Watkins-Mysterys und bietet einige spannende Lesestunden für Fans außergewöhnlicher Thriller. Wie sich in diesen Büchern Mythologie, Historie, Lokalpolitik und Religion vermischen ist immer wieder ein interessantes Leseerlebnis!

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„Das Geheimnis des Schmerzes“ Phil Rickman, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-499-25827-5

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Vielen Dank, liebe Rosa, für Deine Gastrezension.

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[Gastrezension: Mareike] Giulia Carcasi “Wörterbuch der Liebe”

Woerterbuch der Liebe_CarcasiDiego, der Protagonist aus “Wörterbuch der Liebe” von Giulia Carcasi ist auf den ersten Blick ein recht normaler Mann mittleren Alters. Er ist Professor für Sprache in Rom und führt ein sehr eintöniges, introvertiertes Leben. Bei ihm lebt seine demenzkranke Mutter, die immer häufiger in ihre eigene Wirklichkeit abtaucht und ihn nicht mehr erkennt. Für Diego muss dieses Verschwimmen der Realitäten sehr schwer auszuhalten sein, denn er ist ein extrem rationaler Mensch. Er versucht Dinge in eindeutige Definitionen festzuhalten, die Wirklichkeit in Schachteln zu sperren, wie er selbst sagt. Die Definition von Wörtern beschäftigt ständig sein Denken, es ist also nicht verwunderlich, dass er an einem eigenen Wörterbuch arbeitet. Die exakte und treffende Beschreibung eines Gegenstandes oder auch Gefühls sind für ihn insgesamt von äußerster Wichtigkeit und scheinen ihm Halt im schmerzlichen Alltag mit seiner Mutter zu geben.
Eines Tages begegnet er auf einer Zugfahrt der jungen, schönen Antonia und ihre spontane, lebendige Art sorgt dafür, dass er sich in kürzester Zeit in sie verliebt. Diegos demente Mutter fasst sofort Vertrauen zu der sympathischen Frau und sie scheinen eine gemeinsame Sprache zu finden – was Diego eher selten gelingt. Antonia wirkt wie das verbindende Element zwischen Mutter und Sohn. Ihr gelingt es, Diego aus seiner manchmal roboterhaft anmutenden Distanziertheit herauszuholen. Ihre Liebe und ihre frische Art geben seinem Leben und auch seiner Arbeit am Wörterbuch neue Impulse.

Doch nach einiger Zeit des Verliebtseins stellt sich heraus, dass Antonia nicht die ist, für die sie sich ausgibt. Worte und Wahrheiten verschwimmen bei ihr wie ein unscharfes Bild. Mehr noch: Sie erschafft sich völlig neue Welten durch ihre Geschichten. Zwei schärfere Gegensätze können wohl kaum aufeinander treffen. Im Gegensatz zu Diegos Mutter ist es bei Antonia kein durch Krankheit hervorgerufenes Verhalten, es scheint ein freiwillig gewählter Weg zu sein. Es ist ihr Wunsch nach anderen Realitäten, der sie zur notorischen Schwindlerin macht. Ob sie tatsächlich krank ist oder nicht, bleibt unscharf. Der Ich-Erzähler Diego hält sich hier bewusst zurück. Er beschreibt Antonia und ihr Verhalten nur wenn er es deutlich sieht und klar erfassen kann. Interpretationen überlässt er völlig dem Leser.

In diesem Buch geht es um Sprache und Wirklichkeit. Welche Macht haben Worte, Namen, Geschichten und können diese stärker sein als die Gefühle? Wie wichtig ist es, absolut alles über den Menschen zu wissen, den man liebt? 
Dieses kurze, jedoch sehr einprägsame Buch ist ein wundervolles Beispiel dafür, dass man nicht viele Worte braucht, um eine große Geschichte zu erzählen. Die Kapitel sind sehr kurz, manchmal nur wenige Sätze lang. Sie beleuchten einzelne Szenen, machmal nur einen kurzen Gedanken, doch wirkt die Handlung dadurch nie gehetzt oder unruhig. Im Gegenteil: Die philosophischen und sprachtheoretischen Gedanken tragen die Stimmung des Buches.
Es sind die sprachlichen Feinheiten, die dieses Buch zu einem wirklich meisterhaften Werk machen. Der Ich-Erzähler springt zwischen direkter Anrede an seine Liebste und dem unpersönlichen “Sie”. Ich bin mir sicher, dass dort ein tieferes Muster dahinter steckt, doch ich habe es noch nicht gefunden. Aber es stört mich nicht, nein, ich finde es wundervoll. Dieses Buch ist so vielschichtig und voller Feinheiten, dass ich es noch viele Male lesen möchte: Wie ein Wörterbuch kann man es immer wieder zur Hand nehmen und darin blättern.

Ich bedanke mich bei der lieben Bibliophilin für dieses besondere Leseerlebnis. Ich kann es auch euch sehr ans Herz legen.

Giulia Carcasi_Woerterbuch der LiebeGiulia Carcasi “Wörterbuch der Liebe”, C.Bertelsmann, ISBN: 978-3-570-10116-2

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Vielen Dank, liebe Mareike, für Deine Gastrezension. Ich freue mich, dass Dir das Buch gefallen hat.

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[Appetizer] “Max und die wilde 7″ Lisa-Maria Dickreiter und Winfried Oelsner

Max und die wilde 7Lisa-Marie Dickreiter hat bereits vor vier Jahren mein Herz literarisch erobert. Seitdem warte ich sehnsüchtig auf ihren nächsten Roman. Und auch wenn es sich bei “Max und die wilde 7″ um ein Kinderbuch handelt, habe ich keine Minute gezögert, als ich das Buch in den Händen halten dürfte und ich habe es sofort verschlungen. 

Ich fragte Lisa-Marie Dickreiter, wie es dazu kam, dass sie nun mit ihrem Partner ein Kinderbuch geschrieben hatte, worauf sie antwortete:

Ehrlich gesagt, ist ein neuer Schreibtisch schuld, dass Winnie und ich ein Kinderbuch geschrieben haben. Nachdem der endlich aufgebaut war, habe ich ihn mit meinem Laptop gleich in Beschlag genommen und ein bisschen vor mich hingetippt. Und da stand auf einmal dieser Satz: Ich heiße Max, ich bin neun und wohne im Altersheim. Winnie und ich haben dann ein bisschen gebrainstormt und sehr schnell waren dann auch die Wilde Sieben und die Burg da. Max hat uns also praktisch überfallen Aber weil wir beim Schreiben so viel Spaß hatten, sind wir ihm nicht böse!

“Max und die wilde 7/Das schwarze Ass” ist das erste Kinderbuch des Paares Lisa-Maria Dickreiter und Winfried Oelsner. Es ist ein Buch, das vor allem die Jungs ansprechen wird. Ich denke jedoch, dass auch freche Mädchen Spaß mit dem Krimi haben werden. Mädchen, die ein bisschen Mitgefühl für einen ständig rotwerdenden Jungen haben, der schlussendlich zum Helden wird. Das Buch ist frech, nett, unterhaltsam, spannend und auch sehr lustig. Es ist ein besonderer Krimi für die Kleinen aber auch für die Erwachsenen, die im Geist jung geblieben sind und für die Omas und Opas aus den Alten… – Verzeihung – Seniorenheimen.

“Max und die wilde 7/Das schwarze Ass” von Lisa-Maria Dickreiter und Winfried Oelsner, Oetinger Verlag, ISBN: 978-3-7891-3332-9

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[Appetizer] “Salt & Storm. Für ewige Zeiten”

salt & stormIch bin immer wieder beeindruckt, welche Mühe sich die Verlage geben, um seine Bücher zu bewerben, um uns Leser darauf aufmerksam zu machen. Als der Atlantik Verlag das Licht der Welt erblickt hatte, schickte er ein wunderbares Büchlein an manche Literaturblogger und stellte sich vor. Oft trudeln bei mir Rezensionsexemplare oder Verlagsprospekte ein, die mein Herz schneller schlagen lassen. Manchmal händigt mir mein Postbote ein Überraschungspäckchen aus und voller Erwartung packe ich es aus. Dieses Mal gilt mein Dank dem Fischer Verlag.

In der schönen Flaschenpost befindet sich eine Leseprobe zu einem Roman, der diesen Monat erscheint – “Salt & Storm. Für ewige Zeiten” von Kendall Kulper. Da ich als Buchhändlerin das Privileg genossen habe, das Buch vorab zu lesen, möchte ich die Jugendbuchleser unter Euch einfach darauf aufmerksam machen. Packt den magischen Roman auf Eure Wunschlisten. Merkt es Euch beim Buchhändler Eures Vertrauens vor. Und wenn es erschienen ist – lest es!

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Dani Atkins “Die Achse meiner Welt”

Die Achse meiner WeltBibliophilin: Als ich vor einiger Zeit in den Vorschauen der Verlagsgruppe Droemer & Knaur gestöbert hatte, fiel mir das blaue Cover von “Die Achse meiner Welt” sofort ins Auge. Ich las die Inhaltsangabe und war mir zuerst nicht sicher, ob das wirklich ein Buch für mich ist. Doch plötzlich war das Buch überall im Internet zu finden. Bloggerinnen lasen es, viele berichteten, dass sie das Buch unbedingt haben möchten. Es gab Gewinnspiele, in denen man “Die Achse meiner Welt” mit einer schönen Buchtasche gewinnen konnte, Anzeigen in der Presse. Die Achse meiner Welt_FlowDer Verlag hat die Werbetrommel mehrmals gerührt und letztendlich auch mich so neugierig gemacht, dass ich den Roman lesen wollte. Plötzlich lag es in meinem Briefkasten, ich fing an zu lesen und hörte mit einem Heulkrampf Stunden später auf. Ich las einen wirklich gut komponierten Unterhaltungsroman, eine wunderschöne Liebesgeschichte, die uns wiederholt zeigt, wie wichtig und gleichzeitig schwierig manche Entscheidungen sind. “Die Achse meiner Welt” ist ein Plädoyer für die Liebe und für das Leben.

Nach der Lektüre war ich wirklich wütend, weil mich das Ende erschüttert hatte. Es hatte mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich wollte unbedingt, dass jemand, dessen literarische Meinung mir wichtig ist, auch dieses Buch liest. Ich wollte meine Gefühle über das Gelesene mit jemanden teilen. Deswegen schickte ich das Buch Astrid, die es auch innerhalb kürzer Zeit las. Auch sie brauchte am Ende Taschentücher. Da sie mir ebenfalls ihre Meinung zum Buch schickte, möchte ich sie Euch nicht vorenthalten.

Astrid: Selten habe ich die haptische Gier nach einem Buch so stark verspürt wie nach diesem. Dabei kommt es ganz bescheiden und leichtfüßig daher, tiefblau mit einem großen runden Vollmond in der linken Ecke und einer auf einem Seil balancierenden, jungen Frau mitten auf dem Cover. Rachel balanciert sich tatsächlich durch ihren Alltag, doch leichtfüßig fühlte sie sich seit dem schrecklichen Unfall vor fünf Jahren an keinem weiteren Tag mehr in ihrem Leben. Eigentlich sollte ihr und ihren Freunden die Welt offen stehen, die Zukunft lag direkt vor ihnen, ein letztes gemeinsames Essen, um den Sommer ausklingen zu lassen, Abschied von der Schulzeit zu nehmen und sich der gemeinsamen Freundschaft auch für die Collegezeit zu versichern. Doch all dies sollte keinen Bestand mehr haben, nachdem ein junger Krimineller mit einem gestohlenen Wagen direkt in das Restaurant krachte und Rachel ihren besten Freund Jimmy für immer verlor. Danach stand ihr Leben still und sie trug schwer an der Last, dass er sterben musste, damit sie leben konnte. Eine lange, gezackte Narbe in ihrem Gesicht erinnerte sie jeden einzelnen Tag an ihren Verlust. Den Kontakt zu ihren alten Freunden mied sie ganz, verließ die Jugendliebe Matt und begrub ihre Träume von der Zukunft als Journalistin. Einzig zu ihrer engsten Freundin Sarah hielten die in der Kindheit geknüpften Bande und so gab es keine Ausrede für Rachel, Sarahs Hochzeit in der Heimat zu versäumen. Ein Besuch, dem sie sich auch nach fünf Jahren nicht wirklich gewachsen fühlte, zusätzlich belastet von immer häufiger wiederkehrenden Kopfschmerzen. Den ersten gemeinsamen Abend mit den alten Freunden überstand Rachel irgendwie, auch Matts erneuten Avancen begegnete sie klar und ablehnend, doch am Grab von Jimmy schob sich erneut ein Riss durch ihre Welt und alles um sie herum wurde schwarz. Als Rachel im Krankenhaus erwacht, scheint sie sich in einer neuen Variante ihres Lebens zu befinden, einer viel besseren Version, denn in diesem Leben weilt Jimmy unter den Lebenden und auch ihr Vater scheint vom Krebs geheilt, Matt und sie sind verlobt und in London führt sie das Leben einer Journalistin. Doch bleibt Rachel gefangen in den schrecklichen Erinnerungen an den Unfall und die Zeit danach, will unbedingt beweisen, dass sie bisher ganz anders lebte. Jimmy ist bei der Spurensuche wie selbstverständlich an ihrer Seite und Rachel beginnt zu ahnen, dass ihre Gefühle für den Jugendfreund vielleicht nicht nur freundschaftlichen Ursprungs sind. Doch so sehr sie sich auch freut, ihn gesund und munter neben sich zu sehen, wie kann es sein, dass sie sich gleichzeitig an seinen Tod erinnert?

„Die Achse meiner Welt“ ist ein feines, wohlklingendes Liebesmärchen mit einem traurigschönen Happyend, dass ein wenig an die Märchen von Hans Christian Andersen erinnert. Dani Atkins Debüt zeichnet sich durch eine besondere Idee aus, die die Autorin konsequent bis zur letzten Seite ausführt. Der geübte Leser mag die leisen, mit Absicht gestreuten Misstöne im Text richtig deuten und bereits ahnen, wie alles nur enden kann. Nur zu gern lässt er sich aber einfach in Rachels neues Leben fallen, ist neugierig auf die Entwicklungen und Entdeckungen und lässt sich einfangen von der träumerischen bis ans Kitschige grenzenden Liebesgeschichte. Das Echo ihres alten Lebens hilft Rachel, die Dinge im neuen, perfekt wirkenden Leben klarer zu sehen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wer wünscht sich dies nicht auch ab und zu für sich selbst?

Die Achse meiner Welt_AtkinsBibliophilin: Lieber Knaur Verlag, vielen Dank für diese aufwändige Werbeaktionen zum Buch. Ihr habt es geschafft, mich neugierig zu machen und habt mir ein wunderschönes Sommerbuch geschenkt.

“Die Achse meiner Welt” von Dani Atkins, Knaur Verlag, ISBN: 978-3-426-51539-6

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[Gastrezension: Susanne] “Der Distelfink” von Donna Tartt

Der Distelfink von Donna TarttDa steht er nun in seiner ganzen Pracht: ein wunderschöner, mächtiger Kuchen, ach was sage ich, eine veritable Torte mit Zuckerguss, Verzierungen und allerlei verführerischem Tand, so dass einem wirklich das Wasser im Mund zusammenläuft. Man kennt den Meister des Konditorhandwerks, aus dessen Backstube der Augenschmaus stammt, andere haben wortreich von der süßen Versuchung geschwärmt, und um den Augenblick auch richtig würdigen zu können, hat man das schönste Geschirr ausgelegt, das Messer blitzt beim ersten Anschneiden des Traums aus Teig, Creme, Frucht und Schokolade. Und dann: Statt der erwarteten Explosion in Gaumen, Bauch und Kopf – bröckeliges, bröseliges, braves Gekrümel im Mund, an dem man lange kauen muss. Manchmal braucht man sogar einen ordentlichen Schluck Kaffee, um die zumeist schweren Bissen runterzubekommen.

Ehrlich, wahrhaftig, großes Indianerehrenwort: Auf den “Distelfink” von Donna Tartt hatte ich mich wirklich saumäßig gefreut. Aufgespart hatte ich mir die Lektüre um den New Yorker Buben Theo Decker, sein kleines Gemälde und seine Odyssee mit seinem gelbgefiederten Begleiter. Nur Gutes hatte ich gehört – von namhaften Kritikern ebenso wie von vielen Namenlosen – über dieses Oeuvre einer Schriftstellerin, die mich vor gefühlten 367 Jahren mit “Die geheime Geschichte” so in ihren Bann gezogen hat, dass ich es wirklich kaum erwarten konnte, dass sie mich wieder zum Nägelabknabbern bringen würde. Nach der Kuchensache ist es jetzt keine Überraschung mehr, dass ich – um es vorsichtig zu sagen – doch ziemlich enttäuscht bin nach der Lektüre, die mir hier kredenzt worden ist. Zäh war die Erzählmasse, durch die ich mich wirklich gekämpft habe. So oft ich das Buch frustriert zwischendurch weggelegt habe, so oft habe ich es wieder in die Hand genommen, weil ich es einfach nicht fassen konnte, dass alle Protagonisten mir so derart fern geblieben sind, dass Spannung sich so wenig einstellte wie Freude an guten Dialogen oder Deskriptionen. Seite um Seite, Kapitel über Kapitel habe ich Details über so vielerlei gelesen, dass ich mir vorgekommen bin wie ein Koffer, in den alles wahllos reingestopft wird und der am Ende einfach sinnlos überquillt. Alles was mir bliebe, wäre den Fleiß der Autorin zu loben, dessen es sicherlich bedarf, um auf drei Seiten zu beschreiben, dass ein Handy nicht mehr funktioniert oder ein ganzes Kapitel dafür zu verwenden, langweilige Gespräche mit Behördenangestellten aufzuschreiben. Nicht verschweigen will ich auch, dass ich in dem trockenen Kuchen auch hin und wieder saftige, fette und wohlschmeckende Schokostückchen entdeckt habe. Feinsinnige Überlegungen über den Sinn des Lebens, die Macht des Schicksals, die Unfähigkeit Gefühle zu äußern und einiges andere mehr. Lecker -nur leider viel zu spärlich gesät, um aus dem Gelesenen tatsächlich Erlesenes zu machen.

Es tut mir leid für all diejenigen, denen ich nun den Appetit verdorben habe. Wie gesagt: Ich hätte gerne eine andere Rezension geschrieben über einen Roman, für den die Autorin immerhin den Pulitzer-Preis bekommen hat. Und vielleicht stehe ich mit meiner Meinung auch komplett alleine da, und ihr könnt über den Roman trotz alledem so richtig ins Schwärmen geraten. Der Distelfink und ich sind jedenfalls keine Freunde geworden.

Donna Tartt: “Der Distelfink”, Goldmann Verlag, ISBN: 978-3-442-48057-9

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Liebe Susanne, vielen Dank für Deine Rezension. Mich hast Du nicht abgeschreckt. Ich habe das Buch in meinem Regal stehen und ich werde es auf jeden Fall, wenigstens an-, lesen.

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[Appetizer] “Der Grund” von Anne von Canal

von Canal_Der Grund“Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen? Wie viele Chancen hat man? Und wie oft kann man das eigentlich aushalten? Wie oft kann ich mich häuten, bis nichts mehr von mir übrig ist?” (S.95)

Anne von Canal hat mir mit ihrem Roman “Der Grund” ein Buch geschenkt, das mich ein wenig ratlos zurücklässt. Der Anfang hat mich buchstäblich umgehauen. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn die Autorin es geschafft hätte, meine Aufmerksamkeit länger zu behalten. Nach einem Drittel legte ich das Buch zur Seite. Dieser begeisterten Rezension von Lust zu Lesen konnte ich mich nicht anschließen. Doch am vergangenen Wochenende, als ich krank auf dem Sofa lag, war dieses Buch zum Greifen nah und ich nahm es wieder in die Hand. Und ich hörte erst zu lesen auf, nachdem ich die letzte Seite umgeblättert hatte.

Von Canal hat mich gepackt, hat mich durch ihre Sprache gezwungen zuzuhören und mir eine Geschichte des Scheiterns erzählt. Sie lässt ihren Protagonisten leiden und auch wenn sie ihm diverse schöne Lebensjahre beschert, bin ich trotzdem sehr froh, nicht Laurits sein zu müssen.

Flattersatz hat eine sehr ausführliche Rezension zum Buch geschrieben und ich möchte mich gerne seinem Fazit anschließen. Denn auch ich weiß es nicht, ob mir das Buch gefallen hat. Eines weiß ich aber – ich freue mich, dem Buch eine, ja zwei Chancen gegeben zu haben, denn die Stunden, die ich mit dem Buch verbracht habe, möchte ich nicht missen.

“Die Zeit ist keine gerade Straße” (S.180)

“Der Grund” von Anne von Canal, mare Verlag, ISBN: 978-3-86648-196-1

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[Appetizer] Anna Gavalda “Nur wer fällt, lernt fliegen”

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Anna Gavalda war bereits mit ihren Büchern “Ich habe sie geliebt” und „Ein geschenkter Tag“ bei mir zu Gast. Die schmalen Bändchen begeisterten mich, und ich freue mich sehr, dass mich ihr neuster Roman, das kleine und äußerst feine Buch “Nur wer fällt, lernt fliegen” ebenfalls überzeugte. Gavalda schreckt nicht davor zurück, Umgangssprache mit Schriftsprache zu verbinden und trifft den Sound der heutigen Welt sehr genau; einer Welt, die auch mit der Sprache experimentiert. Sie erzählt pointiert, wie ich das von ihr bereits kenne, überzeugt mit ihren durchdachten und plausiblen Gedankengängen. Hier ist kein Wort zu wenig oder zu viel. Die Geschichte zieht den Leser hinein und spuckt ihn nach 192 Seiten erschöpft, erschreckt, erschüttert und auch überrascht aus.

Anna Gavalda, “Nur wer fällt, lernt fliegen”, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-24595-2

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Weitere Empfehlungen aus der Reihe “Appetizer” (weil kurz und knapp vorgestellt) findet Ihr hier.

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