Wie oft kann das Herz brechen?

“Wiegenlied für kleine Ganoven” von Heather O’Neill
btb
ISBN: 978-3-442-73990-5

“Wenn Leute darüber sprachen, dass einem das Herz gebrochen wurde, dann klang das irgendwie immer nach einer einmaligen Sache. Meines schien ständig zu brechen.”

Die zwölfjährige Baby ist ein kluges Kind, das sehr schnell lernen muss, auf sich selbst aufzupassen. Denn durch ihren heroinabhängigen Vater lernt sie ein Leben kennen, in dem Drogen und Armut eine große Rolle spielen.

“Für ein Kind wusste ich eine Menge darüber, wie es sich anfühlte, Heroin zu nehmen, allein vom Beobachten und Zuhören. Angeblich war es, wie Gott die Hand zu schütteln. Es war lässig wie ein Schwarzer Panther. Es war, wie sein Gesicht auf den Pelzkragen einer tollen Lederjacke zu legen. Wenn man am Poster einer Gruppe von Sängern vorbeilief, die in die Stadt kämen, dann konnte man sie singen hören.”

Trotzdem versucht Baby so lange wie möglich, ein Kind zu bleiben, auch wenn ihr alleinerziehender Vater sich nicht entsprechend um sie kümmern kann. Jules ist mit seinen 27 Jahren alles andere als vernünftig und sehr unbeholfen, was die Erziehung eines Kindes betrifft.

“Mit zwölf machten die Leute es einem schwer, Kind zu sein. Sie wollten einem keine Halloween-Süßigkeiten mehr schenken. Sie sagten Dinge wie: >>Würden wir im Mittelalter leben, wärst du schon verheiratet und hättest einen Bauernhof mit ungefähr einer Million Hühnern.<< Sie versuchen, einen aus der Kindheit rauszuwerfen. Wenn man erst ein mal weg war, dann gab es keinen Zurück, deshalb musste man sich festhalten, so lange man konnte.”

Baby merkt jedoch schnell, dass Kinder ihr das nicht geben können, was sie am meisten braucht – Geborgenheit und Sicherheit. So fängt sie an, mehr Zeit mit Erwachsenen zu verbringen und hofft, auf diese Weise ihr Glück zu finden. Was sie aber eigentlich am meisten braucht, ist eine Familie.

“Es mochte albern gewirkt haben, dass eine Zwölfjährige sich mit einer alten Frau abgab, aber so war ich eben. Ich hatte angefangen, mir Erwachsenen als Gesellschaft zu suchen. Sie hatten mehr Qualitätszeit für mich und sagten liebe, aufmunternde Dinge und machten mir Geschenke.”

Nachdem Jules krank geworden ist, wird Baby in einem Heim untergebracht. Auch wenn sie später von ihrem Vater abgeholt wird, wird ihr gemeinsames Leben nicht mehr so sein wie früher. Denn Baby lernt ein Leben kennen, von dem sie so lange wie möglich hätte verschont bleiben sollen.

Drogen, Kriminalität, Gewalt und Kinderprostitution sind Themen, mit denen sich Heather O’Neill in ihrem Buch gekonnt auseinandersetzt. Ich habe bereits einige Bücher mit ähnlichem Inhalt gelesen. Was aber “Wiegenlied für kleine Ganoven” in meinen Augen aus der Masse hervorhebt ist die zärtliche Sprache, deren sich die Autorin bedient, ihre Fabulierkunst, und vor allem Baby selbst, ein Mädchen, dessen Stärke mich beeindruckt hat und ihre Beobachtungsgabe mich oft zum Schmunzeln oder Nachdenken gebracht hat.

“Wenn man jung genug ist, weiß man nicht, dass man in einer billigen, miesen Wohnung wohnt. Ein kaputter Stuhl ist nur ein Stuhl. Ein Löwenzahn, der aus einem Spalt im Bürgersteig vor der Haustür wächst, ist ein Garten. Man kann ein Lied, das die Eltern am Abend singen, für die tragischste Oper der Welt halten. Wenn man sehr jung ist, kommt man gar nicht auf den Gedanken, etwas anderes zu brauchen als das, was die eigenen Eltern zu bieten haben.”

Es sind bereits ein paar Tage vergangen, seitdem ich “Wiegenlied für kleine Ganoven” gelesen habe und ich muss gestehen, dass ich oft an Baby denke. Ich genieße es, das schöne Buch in den Händen zu halten und immer wieder darin zu blättern, ganze Absätze noch mal zu lesen, zu entdecken, was mir beim ersten Lesen möglicherweise verborgen geblieben ist. Es ist interessant, (auch wenn oft sehr hart), mit Baby die Welt noch mal neu zu erkunden, vor allem, weil ich nun weiß, welches Ende die Autorin ihrer kleinen Protagonistin beschert hat.

“Ich habe schon immer gern gelesen, aber in letzter Zeit las ich auf eine andere Art und Weise. Wenn ich jetzt ein Buch aufschlug, wurde ich von Verzweiflung ergriffen. Es fühlte sich an, wie wahnsinnig verliebt zu sein. Es war, als säße ich in einem Beichtstuhl und die Figuren in dem Buch wären auf der anderen Seite und erzählten mir ihre intimsten Geheimnisse. Wenn ich las, war ich eine Philosophin, und es lag an mir, die Bedeutung der Dinge herauszufinden. Lesen gab mir das Gefühl, das Zentrum des Universums zu sein.”

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“Entweder ist man heiß oder kalt. Entweder ziehst du das Leben oder es schleift dich über den Boden.”*

“Samuels Reise” von Gernot Wolfram
DVA
ISBN: 978-3-421-05831-7

Auf Gernot Wolfram bin ich durch sein Buch “Das Wüstenhaus” aufmerksam geworden. Nachdem ich damals mit ihm die Reise nach Djerba unternommen hatte, suchte ich nach seinen weiteren Büchern und bin auf “Samuels Reise” gestoßen.

Ein Mann wird dazu verpflichtet, mit dem Sohn seiner Freundin eine Reise zu unternehmen. Während sie in die USA zu einem Stipendium aufbricht, möchte ihr Sohn Samuel einen polnischen Schriftsteller kennen lernen, der Science-Fiction-Romane schreibt. Der Junge ist sehr eigen und der Umgang mit ihm alles andere als leicht.

“Ich stand auf und ging raus auf die Terrasse, um eine Zigarette zu rauchen. Die Art des Jungen, den fallsüchtigen Behinderten zu spielen, beeindruckte mich nicht sonderlich.
(…) Warum stand er nicht auf? Sagte auf klare und ordentliche Weise, was er wollte und was nicht? Die Kunst, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken (…) beherrschte er offenbar auf mehreren Ebenen.” (28)

Auch wenn der Ich-Erzähler keine große Lust verspürt, mit Samuel nach Polen zu fahren, so macht er es doch, um seiner Freundin die Reise nach Amerika zu ermöglichen. Leider verschwindet der Junge, nachdem sie in Krakau angekommen sind. Was folgt, ist eine Reise ins Unbekannte. Beide lernen ein Leben kennen, das sich sehr von ihrem eigenen unterscheidet. Was am Anfang eigentlich Samuels Reise war, entwickelt sich ziemlich schnell zu der Reise eines Mannes, der sein Leben und alles, was es ausmacht infrage stellt. Es wird für ihn eine Reise zu sich selbst.

Gernot Wolfram zeichnet in “Samuels Reise” eine Welt, die mich verwirrt hat. Ich komme aus Polen und behaupte, das Land zu kennen. Wie Wolfram die Menschen und ihre Eigenheiten porträtiert, ist für mich etwas stereotypisch, womit ich nicht einverstanden bin. Es hat mich immer wieder unangenehm berührt, wie klischeehaft Polen dargestellt wurde. Es hat mich gestört, wie der Protagonist und diejenigen, die er getroffen hat, mit der Situation umgehen. Statt den vermissten Jungen zu suchen, gehen sie zum Beispiel lieber zur einer Veranstaltung, treffen sich in einer Bar oder fahren an den See. Sie überlassen den Zehnjährigen sich selbst, um eigene Bedürfnisse zu stillen.

“Sollen wir uns also mehrere Stunden auf eine Polizeiwache setzen und dort die Zeit vertrödeln? Das ist nicht Ihr Ernst. Ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag. Wir holen das Fahrrad, genießen unterwegs die Sonne und überlegen das Ganze in Ruhe.” (120)

Der Protagonist lässt alles mit sich machen wie eine willenlose Puppe. Es scheinen alle besser als er selbst zu wissen, was er eigentlich will und braucht. Auch wenn er sich am Ende des Buches ein bisschen zusammenreißt, so verursacht sein Benehmen, dass er mir recht unsympathisch war. Mir schient es, als würde der Mann sich nicht gerne mit seinem Leben auseinander setzen, als hätte er Angst, zu sagen, was er wirklich will. Seine “Ruhe” hat für mich eher eine negative Bedeutung.

“>>Woher nimmst du eigentlich deine Ruhe?<<
Anna setzte sich auf und zündete sich eine von meinen Zigaretten an. Ich sagte ihr, dass ich es nicht wisse. Ich sei nun einmal ein Mensch, der das Leben zu gern hat, um sich aufzuregen.” (20)

Mit gemischten Gefühlen habe ich das Buch gelesen. Ich bin froh, dass ich nie angefangen habe, Sternchen bei meinen Beurteilungen zu vergeben, denn ich hätte nicht gewusst, wie viele das Buch in meinen Augen verdient. “Samuels Reise” ist nicht schlecht, denn ich habe es schließlich zu Ende gelesen und die Sprache ist gut, sehr gut sogar. Ich lese gerne Wolframs Sätze.

“Weißt du, wenn du dich verliebst, bist du sowieso der Unterlegene. All das Gerede von wegen der Liebende ist der Stärkere und so ein Quatsch, das kannst du vergessen. Du musst es aushalten, dass derselbe Mensch, der zu dir zärtlich ist, dir ins Gesicht schlägt.” (190)

Trotzdem lässt mich das Buch ratlos zurück.

Hat jemand von Euch “Samuels Reise” gelesen? Mich würden andere Meinungen sehr interessieren.

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“Man sollte jeden so nehmen, wie er ist.”

“Die kleine Spinne Widerlich” von Diana Amft
Illustrationen von Martina Matos
Baumhaus Verlag
ISBN: 978-3-8339-0059-4

Die Schauspielerin Diana Amft hat früher große Angst vor Spinnen gehabt.
Um sich mit der Frage auseinanderzusetzen, warum Menschen Angst vor Spinnen haben, hat sie eine sehr schöne Geschichte geschrieben. Der Ausgangspunkt für ihren Text war die Überlegung, dass jede Spinne eine Persönlichkeit und eine Familie hat.

Auch die kleine Spinne Widerlich stellt sich die Frage, warum Menschen Angst vor ihr haben. Sie beschließt, ihre Spinnenfamilie zu besuchen, um es herauszufinden. Auf diese Weise lernt der Leser zum Beispiel Onkel Oskar kennen, den alle Langbein nennen,

oder Tante Igitte, die von einem kleinen Jungen so genannt wird

oder den Künstler Miro, der behauptet:

“Sie haben doch keine Angst vor uns. Sie bewundern uns! Schau dir doch dieses Haus an. Die Menschen finden unsere Kunstwerke wunderschön. Manchmal, wenn die Tautropfen an den Seidenfäden hängen, bleiben sie lange stehen und bestaunen unsere Häuser.”

Auf ihrem Weg findet die kleine Spinne Widerlich verschiedene Antworten und kommt zu dem Schluss:
“Es scheint mir, dass man nur Angst hat vor dem, was man nicht kennt. Aber vielleicht muss man das gar nicht, wenn man jeden so nimmt, wie er ist…”

Diana Amft hat sich in ihrem Buch nicht nur mit der Angst vor Spinnen, sondern auch mit der Angst vor dem Unbekannten kindgerecht auseinandergesetzt.

Die Illustratorin Martina Matos darf hier nicht unerwähnt bleiben, denn sie hat das Buch mit so zauberhaften Bildern versehen, dass ich mir gewünscht habe, dass alle Spinnen wie die kleine Spinne Widerlich und ihre Familie aussehen. Wie einfach wäre es dann, sie zu akzeptieren, zu mögen, ja, sogar lieb zu haben.

© der Bilder: Baumhaus Verlag

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Always Look on the Bright Side of Life

“Alles voller Hoffnung” von Renate Dorrestein
C. Bertelsmann Verlag
ISBN: 978-3-570-10051-6

“Jeder hat sein eigenes Ding. Ein Talent oder einen Traum, für den er lebt. Etwas Einzigartiges. Du musst dein Talent nur noch finden. Dann kannst du wieder Bäume ausreißen.”

Auf Renate Dorrestein bin ich durch ein Buch mit dem ausgefallenen Titel “Mein Sohn hat ein Sexleben und ich lese meiner Mutter Rotkäppchen vor” aufmerksam geworden, in dem die Autorin auf eine sehr unterhaltsame und warmherzige Art das Leben von Heleen und deren an Demenz leidenden Mutter beschreibt. “Das Erdbeerfeld” hat mir ebenfalls sehr gut gefallen, so dass es für mich selbstverständlich war, dass ich auch “Alles voller Hoffnung” lesen möchte.
Die Vorfreude auf das Buch war groß und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Dorrestein beschreibt wieder auf humorvolle Art die Höhen und Tiefen eines Lebens von einfachen Menschen, in dem Behinderung, Schuld und die Hippie-Zeit eine wichtige Rolle spielen.

Igor geht es eigentlich ganz gut. “Es gibt hundert Krankheiten, und er hat keine einzige. Manche Menschen sind kahl, aber er ist es nicht. Und falls ein Erdbeben kommt und das Licht ausfällt, hat er immer noch seine Taschenlampe.” Wenn Igor nicht zufrieden ist oder nicht bekommt, was er will, dann “reißt er nachher zu Hause einfach den Tisch um, und die Stühle dazu.” Der Jugendliche wächst bei seiner Großmutter Nettie auf, die mit 16 von Zuhause abgehauen und in einer Hippie-Kommune untergetaucht war.

“He, Nettie, jetzt bin ich an der Reihe. Dick war schon dreimal dran. Wisch dir seinen Samen ab und mach die Beine für mich breit, Baby. Nicht gleich heulen. Wir trocknen dir dann schon die Tränen. Wenn Mickie dran gewesen ist. Und Rick steht auch schon vierundzwanzig Stunden auf dem Schlauch, weißt du.”

Jolie, Netties Tochter, ist in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten und hat ebenfalls mit 16 das Haus verlassen. Sie wurde drogenabhängig und konnte sich nicht um ihren behinderten Sohn Igor kümmern. So bekam Nettie das Sorgerecht für den Fünfjährigen, bei dessen Erziehung sie alles besser als früher bei ihrer Tochter machen wollte. Dafür hat sie ihre eigenen Wünsche und Träume geopfert.

“>>Iss mal die Kackwurst da<<, hatten ihn Kinder auf der Straße einmal aufgefordert. Natürlich hatte er die Hundekacke aufgehoben. Und sie zu essen, machte ihm auch nichts aus. Nicht lange danach war er zu ihr ins Haus gekommen. Er war damals fünf.”

Igor wird erwachsen, lernt in der Behindertenwerkstatt, in der er arbeiten darf, auch Mädchen kennen und das Leben von ihm und Nettie wird auf den Kopf gestellt. Als noch ein Baby entführt wird und Nettie sich auf die Suche nach ihren verschwundenen Tochter macht, ist die Katastrophe vorprogrammiert.

In “Alles voller Hoffnung” läuft nicht alles nach Plan oder so, wie man das den Protagonisten wünscht. Das Buch ist wie das Leben selbst – unberechenbar. Dorresteins Lösungen sind genauso wenig perfekt wie das echte Leben. Was mich jedoch immer wieder beeindruckt, ist der humorvolle Erzählstil, der das Leben und die Sorgen erträglicher erscheinen lässt. Ich bewundere Dorresteins Protagonisten, denn sie geben nicht auf, egal was das Leben mit sich bringt und versuchen, aus ihrem Leben und dem, was sie haben, das Beste zu machen, egal wie schwierig es sein mag.

* * *

Das folgende Zitat stammt vom Klappentext und ich schließe mich ihm gerne an:

“>>Alles voller Hoffnung<< ist wie ein feines, köstliches Dessert, das man als Leser gierig verschlingt. Wer einmal anfängt, kann nicht mehr aufhören.”

Het Financielle Dagblad

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Ein Abbruch und eine Exkursion

Nachdem ich nun zum zweiten Mal versucht hatte, “Ein fabelhafter Lügner” zu hören und es mir immer noch nicht gefallen hat, habe ich das Hörbuch abgebrochen (audible.de, gelesen von Katja Danowski). Ich weiß, dass viele Leser von Susann Pásztors Buch begeistert waren, denn ich habe fast nur positive Reaktionen dazu gelesen. Je länger ich jedoch dem Hörbuch gelauscht habe, desto langweiliger wurde es für mich. Vielleicht wäre es mir anders ergangen, wenn ich statt zu hören, das Buch gelesen hätte? Das werde ich jetzt jedoch nicht mehr herausfinden, denn inzwischen habe ich “Ein fabelhafter Lügner” aus meiner Bibliothek aussortiert. Alle, die das Buch noch nicht kennen und an einer guten Rezension interessiert sind, möchte ich auf Marikis Beitrag hinweisen.

* * * * *

Nach diesem Abbruch habe ich eine Exkursion in die Welt der Musikwissenschaft unternommen.

“Der Meister” von Herbert Rosendorfer erzählt humorvoll von dem Göttlichen Giselher, dem Meister, Carleone, dem Ich-Erzähler und den zwei Frauen Emma Reimer und Helene Romberg*, Musikwissenschaftlern, die ihre Studienzeit miteinander verbracht haben und deren Lebensläufe auch später, nach dem Studium, miteinander verbunden geblieben sind.

*“Die schöne Helene Romberg kannte sich mit Gewässern aus, sie wußte hier eine unberührte Uferstelle. >>Ich bade nicht gerne nackt<<, sagte sie. So behielt sie das goldene Kettchen um den (ebenfalls sehr sehenswerten) Bauch an.”

Ein wunderbarer Einstieg in die Erzählung wurde meiner Meinung nach leider durch oft etwas langatmige Episoden aus dem Leben von Thomas Wibesser (der Meister) und seinen Kommilitonen in Schatten gestellt. Beinahe hätte ich auch dieses Buch abgebrochen, doch ich war zu neugierig, so dass ich Herrn Rosendorfer eine Chance gegeben und weiter gelesen habe. Meine Wissbegierde wurde belohnt; das letzte Drittel hat sich nämlich zu einem spannenden Krimi entwickelt, in dem ein perfekter Mord geschieht, nachdem der Meister einige Komponisten für einen Musiklexikon erfunden und eine Doktorarbeit gefälscht hat.

Mein Lieblingszitat möchte ich Euch nicht vorenthalten:

“Es begann damals die wissenschaftliche (oder soll ich sagen: pseudowissenschaftliche?) Mode der Genderproblematik oder -forschung oder wie auch immer. Gender – ich habe es mir erklären lassen, versucht, es mir erklären zu lassen. Ich vermute, dass man dieses Gender auf die Formel zurückführen kann: Die Frauen sind eigentlich eher männlich und die Männer eher weiblich. Wenn ich mich nicht täusche, hat das Ganze schon einen leichten Anflug von Sterndeuterei (…) Das Thema eignet sich aber selbstverständlich für wissenschaftliche Diskussionen – sofern man nicht schärfer nachdenkt. Der Göttliche Giselher hat sich, als die Mode aufkam, voll auf den Genderismus geworfen. Da kein Mensch ganz genau weiß, was Gender ist, kann man niemandem nachweisen, dass er nicht recht hat, wenn er darüber redet.”

Alles in allem hat Herbert Rosendorfer sprachlich und atmosphärisch eine gute Arbeit geleistet. Vielleicht konnten mich einfach einige Episoden nicht begeistern, weil ich keine Musikwissenschaftlerin bin? Schade nur, dass sie mir das Gefühl gegeben haben, mich zu langweilen und das Buch abbrechen zu wollen. Gut aber, dass ich diese Durststrecke überstanden habe. Es hat sich nämlich gelohnt.

* * * * *

Wann entscheidet Ihr Euch, ein Buch abzubrechen? Wie viele Chancen gebt Ihr einem Buch, das Euch von Anfang an nicht gefesselt hat? Gibt es Bücher, die Ihr abgebrochen und aussortiert habt, um sie dann doch noch mal zu besorgen und mit großer Freude zu lesen?

Über Eure Kommentare würde ich mich sehr freuen.

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Ein neues Zuhause gesucht

Diese Bücher suchen ein neues Zuhause. Bei Interesse könnt Ihr mir gerne eine E-Mail schreiben: dorota(at)bibliophilin.de. Als Tausch suche ich Bücher von meinem Wunschzettel. Falls jemand aber Interesse an einem bestimmten Buch hat und kein Tauschbuch zur Hand, verkaufe ich es auch gerne, um mir meine Wunschbücher selbst zu besorgen.

Viel Spaß beim Stöbern.

* * *

9 Euro

Herman Koch “Sommerhaus mit Swimmingpool”

In 80 Büchern um die Welt

Daniel Woodrell “Winters Knochen”

6 Euro

Mikkel Birkegaard “Die Bibliothek der Schatten” (reserviert)

Oliver Plaschka “Der Kristallpalast”

Kristín Marja Baldursdóttir “Sterneneis”

5 Euro

Oliver Uschmann “Nicht weit vom Stamm”

Gernot Wolfram “Samuels Reise”

Melissa Jacoby “Der verführerische Charme der Durchschnittlichkeit”

Joachim Zelter “Der Ministerpräsident”

Sam Savage “The Cry Of The Sloth”

Charles Linsmayer “Schlaglichter”

Chelsea Cain “The Night Season”

Christian Bartel “Zivildienstroman”

Hubert Winkels “Kann man Bücher lieben?”

Kurt Bracharz “Für reife Leser”

Steinar Bragi “Frauen”

3 Euro

Jennifer Egan “A Visit From the Goon Squad”

Wolfgang A. Gogolin “Geist der Venus”

Mauricio Botero “Don Ottos Klassikkabinett”

Adam Roberts “The Dragon with the Girl Tattoo

2 Euro

Epiktet “Handbüchlein der Moral”

gegen Porto

Living is easy

Helme Heine “Herr Pfarrer und sein Teufel” (LE)

* * *

*LE bedeutet Leseexemplar, das Buch hat also ein Leseexemplar-Eintrag auf der ersten Seite.

Beim Kauf übernimmt der Käufer die Portokosten. Beim Tausch fallen sie natürlich weg. Gegen ein Buch von meinem Wunschzettel gebe ich auch gerne mehrere Bücher ab.

 

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Mit der Trauer wird man fertig…

“Die Legende unserer Väter” von Sorj Chalandon
dtv Premium
ISBN: 978-3-423-24899-0

Noch kurz vor Jahresende habe ich “Die Legende unserer Väter” von Sorj Chalandon ausgelesen, ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat.

Der Verlag fasst den Inhalt gut zusammen: Marcel Frémaux schreibt Auftragsbiographien. Lupuline, die Tochter des über 80 Jahre alten Tescelin Beuzaboc, bittet ihn, die Lebensgeschichte ihres Vaters niederzuschreiben und seine Erlebnisse in der Résistance festzuhalten. Mehrmals treffen sich die beiden Männer, Marcel notiert genau Tescelins Schilderungen. Sind Tescelins Berichte aber wahr? Bei Marcel wachsen die Zweifel. Er beginnt zu recherchieren und konfrontiert bald den alten Mann mit seinem Verdacht, dass dessen Erinnerungen erfunden sind.

Was ist Wahrheit? Warum wird sie oft verschwiegen, bzw. verfremdet? Wer waren die Väter von Marcel und Lupuline? Was haben sie erlebt? Der junge Biograph versucht zu verstehen, warum Beuzaboc seine Geschichten möglicherweise erfunden hat. Sein Vater war selbst ein Widerstandskämpfer, versuchte aber nach dem Krieg das Geschehene zu vergessen, bzw. wollte nicht darüber reden. Im Gegensatz zu ihm erzählte Beuzaboc seiner Tochter viele Heldentaten, die er vollbracht haben wollte.

Durch seine Recherche muss sich Frémaux der Wahrheit stellen und mit seiner eigenen Geschichte auseinandersetzen. Er möchte herausfinden, warum sein Vater gar nichts aus seinem Leben erzählen und vergessen wollte, was während des Krieges geschehen ist, der Vater von Lupuline sich dagegen womöglich mit fremden Federn geschmückt hat.
Der französische Autor spricht in “Die Legende unserer Väter” von zerstörten Träumen, einer Wahrheitssuche, die den Suchenden krankmachen kann, aber auch von Vergebung, die erlösend ist.

“Mit der Trauer wird man fertig, doch die verpasste Begegnung verwindet man nicht.
Ich habe meinen Vater verpasst. Nicht Papa, den unscheinbaren kleinen Mann hinter der großen Brille, die Eule meiner Kindheit. Der mich Wange an Wange ins Bett trug, der uns mit seinen Augen, seiner Haut liebkoste. Sondern den Anderen, meinen Vater. Den glanzlosen Helden, den tapferen Widerstandskämpfer in seinen dunklen Winkel. Ich habe diesen unbekannten Soldaten einfach gehen lassen, den Deportierten, der in die Freiheit zurückgekehrt war, wie man ins Schweigen eintritt. Ich habe eine Seite unserer Geschichte überschlagen. Ich hätte ihm zu Füßen sitzen und seinen Blick suchen sollen. (…) Ich habe als Sohn versagt.”

Zwischen den Buchzeilen kann ein aufmerksamer Leser die Fragen finden, “was würdest du in einer ähnlichen Situation tun?” Und wann ist der beste Zeitpunkt, um die Wahrheit zu sagen? “Die Legende unserer Väter” verurteilt nicht. Chalandon lässt dem Leser einige Interpretationsmöglichkeiten, in denen man sich selbst suchen und vielleicht sogar finden kann.

* * * * *

Lieber Leser,

mit dieser Rezension geht das Bibliophilin-Jahr 2011 zu Ende.
Ich danke Euch für Eure Besuche, Kommentare, Unterstützung und wünsche allen einen guten Rutsch. Habt ein schönes Jahr 2012 und genießt das Leben in vollen Zügen!

Eure Bibliophilin

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Brutale Misshandlung als Kunst

“Frauen” von Steinar Bragi
Kunstmann Verlag
ISBN: 978-3-88897-724-4

 

Bereits im August habe ich “Frauen” von Steinar Bragi gelesen. Es hat allerdings lange gedauert, bis ich mich mit dem Buch auseinander setzen konnte und wollte. Zutiefst verstört und entsetzt legte ich damals das Buch weg und hoffte, das Gelesene wird schnell aus meinen Kopf verschwinden. Bis heute jedoch kann ich Eva und ihre Geschichte nicht vergessen. Das Jahr 2011 geht nun zu Ende und ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich von diesem Buch zu verabschieden.

“Frauen” ist schockierend und grausam. Obwohl es jedoch kein Buch für zartbesaitete Leser ist, lohnt es sich, es zu lesen. Auch wenn das Buch frauenverachtend ist und viele Szenen verletzten sehr, ist es auch spannend, interessant, radikal und gut geschrieben, zudem übersetzt von Kristof Magnusson.

Steinar Bragi hat mit seinem Buch ein Bild einer Gesellschaft gezeichnet, in der jeder Kunst produzieren kann, in der brutale Misshandlungen und Frauenverachtung als Kunst angesehen werden. Der Autor spricht ausserdem über Liebe und das Bedürfnis nicht allein sein zu wollen; zeigt, wie sehr man aufpassen muss, auf wen man sich einlässt, denn die Grenze zwischen Liebe und Albtraum kann ziemlich schnell überschritten werden.

Auf knapp über 250 Seiten findet der Leser eine geballte Ladung Einsamkeit, Alkoholismus, Perversion, Naivität, Skrupellosigkeit, Hilflosigkeit und Realitätsverlust. Der isländische Autor wirft zudem die Frage auf, ob eine Frau schuld an eigener Vergewaltigung sein kann.

Der Klappentext verrät nichts von der Brutalität der Geschichte. Hätte ich “Frauen” gelesen, wenn ich damals gewusst hätte, auf was für ein Buch ich mich einlasse? Hätte ich zwischen den Zeilen lesen müssen?

* * *

Wie viel Beachtung schenkt man eigentlich dem Klappentext eines Buches und warum stimmt er oft nicht mit dem Inhalt überein? Was bezwecken die Verlage damit?

Und wie viel Brutalität in einem Buch verträgt der Leser?

Das sind Fragen, die mich auch unabhängig von diesem Buch beschäftigen, auf die ich im Moment jedoch keine eindeutigen Antworten habe.

* * * * *

Mich würde auch sehr interessieren, ob Ihr in diesem Jahr ein Buch gelesen habt, das Euch bis heute nicht losgelassen hat? Weil es wunderschön war? Oder weil es schrecklich, bzw. schockierend war? Auf Eure Kommentare freue ich mich.

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Frohe Weihnachten & Wesołych świąt Bożego Narodzenia

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen -
O du gnadenreiche Zeit!

Joseph von Eichendorff

* * * * *

Allen Blogfreunden, Lesern und Bekannten wünsche ich Frohe Weihnachten. Habt ein schönes und besinnliches Fest mit Euren Liebsten und vielen unvergesslichen Momenten.

Eure Bibliophilin

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Schluss mit der Lese-Abstinenz

Nach fast vier Monaten Lese-Abstinenz ist mir die Entscheidung nicht leicht gefallen, was ich als nächstes lesen soll. Ich habe in verschiedene Bücher reingelesen und keines davon hat mich gepackt. Bis ich “Die unsichtbaren Stimmen” von Carolina De Robertis in den Händen hielt. Die Autorin hat mich mit der Geschichte überzeugt und mit ihren Frauenfiguren beeindruckt. Ich habe mitgefiebert und mitgelitten, mich aber auch mitgefreut. Am meisten jedoch hat es mir die Sprache von De Robertis angetan und am liebsten hätte ich hier viele Fragmente zitiert. Ich hoffe jedoch, dass das Eine, das ich ausgewählt habe, den Eindruck vermittelt, wie die Geschichte erzählt ist.

Geboren, dich zu berühren, lebe ich für deine Haut unter meiner Haut. Sie verschlang Vers um Vers. Sie kroch hinein. Sie wollte mehr als nur lesen: Sie wollte zusammenschrumpfen und in die Worte hineinschlüpfen, zwischen den Buchstaben herumkrabbeln, auf dem Dachboden eines A nach Geheimnissen wühlen, bei einem Y ins Geäst klettern und seine Träume belauschen, ein S entlangrutschen bis zu seiner heißen, verborgenen Quelle, in ein O eindringen und das wilde Strahlen oder die strahlende Wildheit in seinem Kern erkunden (…)”

Falls Ihr noch Weihnachtsgeschenke für Eure Töchter, Mütter, Großmütter oder Freundinnen aller Art sucht, empfehle ich Euch wärmstens dieses Buch dafür.

* * * * *

Nach diesem Leseereignis habe ich mir wieder den Kopf zerbrochen, was ich nun lesen will. Einige Bücher habe ich angelesen, sie schnellstens aussortiert, um dann zu Sarah Kuttners “Wachstumsschmerz” zu greifen. Ich bereue es nicht, das Buch gelesen zu haben, denn wie schon Kuttners erster Roman “Mängelexemplar” ist es sehr gut und interessant geschrieben. Die Protagonistin Luise und ihr Freund Flo sind wunderbar gezeichnet, so dass man sich gut in sie reinversetzen kann. Zu gut aber, würde ich sagen, denn es hat mich deprimiert, das Buch zu lesen. Vielen Beobachtungen von Luise kann ich nur zustimmen, andere haben mich traurig gemacht. Am Ende war ich froh, dass ich mich nicht in einer Quarterlife Crisis befinde und mein Leben geregelt ist, so dass ich nicht jeden Tag an ihm und an mir zweifeln muss.

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“Nathalie küsst” von David Foenkinos hat mich wiederum total begeistert. Hier empfehle ich Euch, in das Buch einzutauchen, was auch die schönen Rezensionen von Mariki und Klappentexterin bestätigen. Lesefreude ist auf jeden Fall garantiert!

Gedanke eines polnischen Philosophen
Es gibt großartige Menschen, die man im Leben zum falschen Zeitpunkt trifft. Und es gibt Menschen, die großartig sind, weil man sie im rechten Moment trifft.”

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Falls da draußen noch jemand ist, der hier immer wieder vorbei schaut und das jetzt liest: wie ist es Dir ergangen? Hast Du in letzter Zeit etwas Tolles, Schönes, Gutes gelesen?

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