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Magnetton 37-1948

Wir alle lieben Geschichten. Jeden Tag halten wir in den Händen ein Buch und tauchen in eine andere Welt ein. Wenn wir keine Zeit oder Muse zum Lesen haben, hören wir Hörbücher und lauschen so den Geschichten. Und wenn es keine Hörbücher sind, dann sind es Hörspiele, die das gesprochene Wort mit Musik, Geräuschen und einer akustischen Kulisse untermalen.

Ich möchte Euch heute ein Baby meines Mannes vorstellen – ach, wie das klingt. Es handelt sich hier nicht um einen Menschen, sondern um ein Hörspiel, das er mit einem tollen Sprecher und viel Produktions-Kowhow aufgenommen hat. Das Hörspiel kann man auf der DRS2-Homepage hören und wem es gefällt, der darf natürlich gerne abstimmen, indem er auf “Lausch” klickt. Auch über Kommentare, wie es Euch gefallen hat, würde ich mich freuen. Und mein Mann bestimmt ebenso.

Klicke auf das Bild und Du wirst zum Hörspiel geleitet…

“Brief an Sally” von Charles Chadwick
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87328-2

Um kurz zusammen zu fassen: Ich liebe Bücher aus dem Luchterhand Verlag! Auch “Brief an Sally” von Charles Chadwick.

Naomi Marshall ist eine alte, einsame Frau, die umgeben von vielen Büchern ihrem Tod entgegen lebt. Meistens sitzt sie am Fenster und beobachtet das alltägliche Londoner Treiben vor ihrem Haus. Sie versucht ihre Nachbarn auf sich aufmerksam zu machen, denn leider kümmert sich niemand um sie. Eines Tages steht eine junge Frau namens Sally vor Naomis Tür und stellt sich als ihre zukünftige Nachbarin vor. Sally kommt nun regelmäßig abends bei Naomi vorbei. Gemeinsam trinken sie Tee und unterhalten sich – meistens über Sally, denn die alte Dame möchte nichts über ihre Vergangenheit erzählen, eine Vergangenheit in Afrika, die sie zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist. Bis Sally eines Tages verschwunden ist und die zurückgelassene, unglückliche Naomi anfängt, ihr Leben Revue passieren zu lassen.

Sie erinnert sich an das nicht immer einfache Leben mit ihrem Mann Arthur, der in Afrika umgebracht wurde. Nach seinem gewaltsamen Tod musste Naomi sich die Frage stellen, wie gut man die Menschen wirklich kennt, die einem nahe stehen? Vielleicht ist es erst nach ihrem Tod möglich, ihre Geheimnisse zu entdecken. Und wie viel einfacher wäre das gemeinsame Leben gewesen, wenn die Geheimnisse keine gewesen wären.

Mit großer Sentimentalität erinnert sich Naomi auch an die junge Afrikanerin Leah und wie diese Bekanntschaft das Leben der beiden veränderte. Als Leserin stellte ich mir die Frage, ob Sally nicht ein bisschen Leah war? Naomi Marshall wird von Sally schließlich noch eine Nachricht erhalten und mit einem langen Brief wird sich Naomi von der jungen Frau verabschieden wollen, denn ein weiterer Schlaganfall hat sie sehr krank gemacht und nun ist sie dem Tod tatsächlich sehr nahe.

“Brief an Sally” berichtet von der Trauer über ein nicht gelebtes Leben. Doch ganz ohne Melancholie beschreibt Charles Chadwick dieses Leben, das nicht ganz erfüllend war. Letztendlich bleibt nichts anderes als das Akzeptieren.

dem Ehemann für die Blumen und so vieles mehr,

Karin für die wunderschöne Glückwunschkarte,

der Familie für “Eine Geschichte des Lesens”

und den Lesern, dass es Euch gibt!

“Donnerstagswitwen” von Claudia Piñeiro
Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-00417-7

Betina Gonzalez hat ihn 2006 bekommen, und Claudia Piñeiro bereits 2005 für “Elena weiß Bescheid“.  Ihn – den renommierten Premio Clarin. 2010 wurde Piñeiro für “Elena weiß Bescheid” auch mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet.

“Die Donnerstagswitwen” erschienen in Argentinien bereits 2005. Mit einiger Verspätung, aber immerhin, erscheint das Buch auch hierzulande. Und der Unionsverlag wäre nicht der Unionsverlag, wenn er das Buch nicht sehr liebevoll und mit einem wunderschönen Cover herausgegeben hätte. Für mich ist es DAS Cover des Monats.

Carla Masotta, Lala Urovitch, Teresa Scaglia und Virginia Guevara sind die “Donnerstagswitwen”. Denn jeden Donnerstagabend treffen sich ihre Männer ohne sie, so dass sich die vier Frauen gemeinsam vergnügen, oder auch mal alleine zu Hause bleiben. Die Damen leben mit ihren Ehegatten in Altos de la Cascada, einer Siedlung, die mit einer hohen Mauer vom Rest der Welt abgegrenzt ist und von einem Sicherheitsdienst streng bewacht wird. Außer den Siedlungsbewohnern kommt hier niemand rein, der keine Einladung hat, oder geschäftlich zu tun hat. Das Leben ist dementsprechend überschaubar, man kennt die intimsten Geheimnisse – während manche der offensichtlichsten Dinge verborgen bleiben.

Bereits zu auf den ersten Seiten des Buches werden an einem Donnerstagabend drei Leichen in einem Swimmingpool gefunden. Es sind drei der vier Männer, die ihre Frauen “Donnerstagswitwen” nennen. Welch ein makabrer Scherz. Nur Ronie, Virginias Mann, kommt heil aber sehr verängstigt nach Hause. Was ist an diesem Abend passiert? Warum starben die Männer? Hat sie jemand umgebracht? Mit jedem weiteren Satz taucht der Leser tiefer in die kleine reiche Welt von Altos de la Cascada ein und nähert sich der Wahrheit über das Leben in einer geschlossenen Gesellschaft an. Bis schließlich begreifbar wird, was angesichts von Familiensorgen, häuslicher Gewalt, Alkoholkonsum und Drogenproblemen der Kinder, aber auch Wirtschaftskrise und Politik, aus dem Donnerstagstreffen der Männer wirklich geworden ist.

Wer sind wir und was macht unser Leben aus? Diese Fragen stellt man sich nach der Lektüre und Virginia fasst es gut zusammen:

“In meinem Grab werden also eines Tages zwei linsenförmige [Brust]Implantate zu finden sein. Als ob die je zu etwas nütze gewesen wären… In den Gräbern fast all meiner Nachbarinnen werden solche Linsen zu finden sein, nur wenig unterhalb der makellosen Grasnarbe des Privatfriedhofs von Altos de la Cascada. In der lehmigen Erde, neben Knochen, Zähnen und Nägeln.”

Anhand eines kleinen Modells beschreibt Piñeiro gesellschaftskritisch eine Welt, die die unsere ist. All unser Reichtum kann von einem auf den nächsten Tag verloren sein und keine von der Welt noch so abgeschottete Siedlung schützt vor Katastrophen. Schlimm ist es, wenn wir die Außenwelt dermaßen vergessen, dass wir übersehen, in welcher Situation sich Menschen selbst in unserer nächsten Nähe befinden.

Anscheinend wurden “Die Donnerstagswitwen” bereits verfilmt.

“Am Meer ist es wärmer” von Hiromi Kawakami
Hanser Verlag
ISBN: 978-3446235533

“Ob mein Mann sterben wollte?
Oder war er verschwunden weil er leben wollte?”

Rei, Kei und Momo konnten nicht lange als eine glückliche Familie zusammen leben. Denn als Momo drei Jahre alt war, verschwand plötzlich ihr Vater Rei. Kei und Momo leben von nun an mit Keis Mutter zusammen.
Kei, eine Schriftstellerin in ihren 40ern, hat dreizehn Jahre später das Verschwinden ihres Mannes noch immer nicht verwinden können. Auch ihre jahrelange Beziehung zu dem verheirateten Senji hat ihr keinen Halt gegeben. Deswegen begibt sie sich schließlich auf die Suche nach ihrem Mann, auch wenn sie sich bei diesem Unternehmen droht selbst zu verlieren – oder ihre Tochter. Kei und Momo hatte immer eine besondere Beziehung verbunden, vor allem nachdem Rei verschwunden war. Jetzt fällt es Kei schwer zu verstehen, warum ihre Tochter kaum mehr mit ihr redet und sich besser mit der Großmutter versteht.

Kei fühlt sich plötzlich verfolgt, spürt immer wieder einen leichten Luftzug und die unerklärliche Präsenz eines Verfolgers. Eines Tages erscheint ihr eine Frau, die nicht von dieser Welt ist und die sie auf der Suche nach Rei begleiten wird. Die Präsenz aus dem Jenseits gibt Kei das bedrohliche Gefühl, sich aufzulösen, als müsse sie verschwinden, als müsse sie sterben. Und so beginnt sie sich zu fragen, ob es Rei auch so ergangen sein könnte. Zwischen Resignation und Hoffnung fährt Kei nach Manazuru, um in dem Fischerdorf die Wahrheit über Rei zu erfahren. Warum hat er kurz vor seinem Verschwinden den Namen des Dorfes in sein Tagebuch geschrieben? Das will und muss Kei endlich herausfinden.

So schön wie das Cover ist diese Liebesgeschichte von Hiromi Kawakami. Hier scheint nichts real zu sein, bis Kei eines Tages entscheiden muss, ob sie sich weiter der Suche nach Rei widmen oder für ihre 16-jährige Tochter da sein soll. Es ist kein Wunder, dass Kawakami eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Japans ist. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie und ihre Werke, wie zum Beispiel auch “Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß”, machen Lust auf mehr, auch wenn ihre Geschichten oft melancholisch stimmen und von Verlust handeln.

“Es gibt zu viele Bücher, und was für Bücher man jetzt auch schriebe, die Welt geht weiter ihren Gang. Käme Christus zu uns und gäbe das Evangelium in Druck, unsere Damen würden sich nur bemühen, seine Autographen zu bekommen. Wir müssen aufhören zu lesen und zu reden, wir müssen handeln.”

Für mich kann es nicht genug Bücher geben. Ich kann handeln, aber ich brauche auch das Lesen, Schreiben und auch das Reden.

Was denkt Ihr darüber?

* Portrait of Leo Tolstoy Resting in a Wood, Moscow, The Tretyakov Gallery, Public Domain

Danke!

Liebe Ada Mitsou, liebe Nantik, liebe Ailis,

vielen Dank für die Nominierung zu meinem ersten Award!

Damit ich dieses Zeichen auch würdevoll tragen kann, antworte ich gerne auf die Gewinnfrage:

„Was magst du am liebsten an deinem Blog?“

Am liebsten sind mir meine Rezensionen und die Bilder, die die Seite schmücken. Dank diesem Blog habe ich auch viele Bücherfreunde gewonnen und das ist mir sehr viel wert.

Als letztes und wichtigstes möchte ich die folgenden Blogs nominieren, denn die zweite Voraussetzung ist: Nominiere zehn Blogs für diesen Award! (ich nominiere die, die mir wichtig sind und die ich regelmässig besuche)

Dir liebe Ada eine Nominierung zurück // Augenfarben // Klappentexterin // Crazy Culture Clap // Wildgans // Bücherchaos // Aili’s Leseturm // aus.gelesen // Buch im Kopf

Schön, dass es Euch gibt!

“Unsichtbar” von Paul Auster
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-00081-3

Paul Auster zu lesen ist eine Erfahrung für sich. Denn es ist ein Lesen zwischen Traum und Wirklichkeit. Hier ist nichts sicher und gerade wenn man denkt, man hat den Schock überwunden, kommt schon eine Wendung, die erneut verstört. “Unsichtbar” von Paul Auster ist für mich das Buch des Monats. Auch wenn ich vorhabe, im Juli noch einige Bücher zu lesen, weiß ich, dass dieses Buch noch längere Zeit in meinem Kopf und Herzen bleiben wird.

New York, 1967: Adam Walker möchte Dichter werden, mehr als alles andere. Auf einer Party lernt er den reichen Franzosen Rudolf Born kennen, der ihm vorschlägt, eine literarische Zeitschrift zu gründen. Adam ist 20 und noch sehr unerfahren, sieht aber in dem Vorschlag die Chance seines Lebens. Er lässt sich auf das Abenteuer ein, und auch auf eine Affäre mit Margot, der Lebensgefährtin von Born. Auf einem Spaziergang mit Rudolf wird Adam Zeuge eines Überfalls, was sein Leben schlagartig verändert. Bald führt Adams Weg von New York nach Paris. Die Geschehnisse, die sein weiteres Leben bestimmen, werden zunehmend undurchsichtiger und geheimnisvoller. Bis eines Tages, vierzig Jahre später, Adam schwer erkrankt seinen ehemaligen Studienkollegen Freeman aufsucht, um ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen.

In verschiedenen Erzählsträngen und Perspektiven folgen wir den Irrungen und Wirrungen im Adam Leben. Mal Adam, mal seinem Freund Freeman, mal Cécile, mit der Walker vor vierzig Jahren in Paris befreundet war, kommen zum Wort. Es entsteht, wie so oft bei Auster, eine Geschichte in der Geschichte – ein typisches Merkmal seines literarischen Schaffens.

Von Inzest, Spionage erzählt Auster in seinem Buch, von Täuschung und Enttäuschung, von der Unmöglichkeit, Dinge zu vergessen oder sich seinen Gefühlen zu stellen. Von Grausamkeit, Lügen, Selbstmord und Mord, Krankheit und ungeheuerer Liebe. Und von der Unmöglichkeit, die Wahrheit zu sagen, um seine Mitmenschen nicht zu verletzen. «Damit wir die Wahrheit sagen können, werden wir sie als erfundene Geschichte darstellen müssen.»

Paul Auster zu lesen ist eine anspruchsvolle Angelegenheit. Denn der Autor legt Spuren, macht Anspielungen, konstruiert verworrene Welten. Doch wer den Fährten folgt, wird mit einer spannenden Geschichte belohnt, die berührt und schockiert. Die zeigt, dass man leider nicht immer auf ein gutes und schönes Ende hoffen sollte; die aber trotz aller Komplexität angenehm zu lesen ist.

“Unsichtbar” ist bis jetzt der beste Roman, den ich von Auster gelesen habe.

Geschichten aus Bad Dreckskaff
“Herr Urxl und das Glitzerdings”
von Philip Ardagh
übersetzt von Harry Rowohlt
illustriert von Christian Moser
Dressler Verlag
ISBN: 978-3791526218

Harry Rowohlt ist ein toller Übersetzer, der mit einem sehr schrägem Humor ausgestattet ist. Wenn ich “übersetzt von Harry Rowohlt” lese, ist das für mich wie eine Garantie, dass mir das Buch, das ich in den Händen halte, gefallen wird. Und das nicht nur wegen der grandiosen Übersetzung, sondern auch, weil Rowohlt nicht alles übersetzten würde, was ihm unterkommt, sondern wählerisch ist.

Gerade habe ich ein Kinderbuch gelesen und rezensiert, das von Harry Rowohlt übersetzt wurde, und heute möchte ich ein weiteres Kinderbuch vorstellen, an dem Herr Rowohlt mitgearbeitet hat.
“Herr Urxl und das Glitzerdings” ist der erste Band der “Geschichten aus Bad Dreckskaff”. Ich sehe da einige Ähnlichkeiten zwischen den zwei Büchern, aber ich will es den Lesern überlassen, die Ähnlichkeiten selbst zu entdecken. Das Wichtigste verrate ich aber: Herr Urxl ist genauso ekelerregend wie Mr Gum – wenn nicht noch mehr…

Bad Dreckskaff ist dreckig. Und das vor allem wegen Herrn Urxl, der rülpst, stinkt, sich nicht wäscht – der einfach grauenhaft ist. Alle Bewohner sind auf ihre Art und Weise eigen, doch was sie verbindet, ist, dass sie Herrn Urxl loswerden wollen. Ihn und die Enten. Schließlich bekommt Yvonne (genannt Ywonne) die Aufgabe, Herrn Urxl die Nachricht zu überbringen, dass er sich sozusagen aus dem Staub machen solle. Oder sich waschen. Dabei erlebt sie allerdings eine große Überraschung: sie findet ein Glitzerdings…

“Herr Urxl und das Glitzerdings” ist eine witzige und ekelerregende Geschichte zum Vor-, Mit- oder Selbstlesen; zum  sich Ekeln, lachen, lächeln und noch mal Kind sein.

“Das Paradies  habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.”

Oh, wie wahr… Denn wie soll das Leben nach dem Tod ohne Bücher sein? Das kann ich mir nicht vorstellen!

“Was sie sagten” ist eine neue Kategorie bei Bibliophilin. Hier möchte ich ab uns zu Zitate bekannter Menschen vorstellen, die von Buch, Lesen und Schreiben handeln.

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