[Gastrezension: Cornelia] “Sommernachtsfrauen” Keith Donohue

SommernachtsfrauenBevor Jack weiss, was eigentlich genau passiert ist, liegt er mit einem großen Loch im Hinterkopf auf dem Boden seines Badezimmers und beobachtet, wie sich sein Blut den Weg durch die Fliesenfugen bahnt. Die Zeit scheint auf merkwürdige Art still zu stehen.
Als er sich wieder bewegen kann, sitzt neben ihm auf dem Wannenrand ein alter Mann im Bademantel und bittet ihn um etwas zum Trinken. Außerdem befinden sich acht schöne Frauen in seinem Bett. Dumm, dass er sich ausgerechnet dann in so einer prekären Situation wiederfindet. Und schon ist Jack drin: in der Nacht der Geschichten.
Nach und nach tauchen die Frauen an der Badezimmertür auf. Sie trachten Jack nach dem Leben und der alte Mann im Bademantel entpuppt sich als sein Retter. Bevor die Frauen Jack niederstrecken können und er somit um ihre Geschichten betrogen worden wäre, bittet er sie, doch einzutreten und zu erzählen, warum sie Jack für ihr Schicksal verantwortlich machen.

Acht Frauen, acht Schicksale, acht Geschichten aus unterschiedlichen Jahrhunderten. Dazu ein alter Mann, der Jack an Samuel Beckett erinnert, ein Kind, welches der Zeit zu trotzen scheint und schnell heranwächst und zwischendurch sein Kater „Harpo“, der plötzlich sprechen kann. Sein Badezimmer scheint sich den jeweiligen Geschichten anzupassen und Jack, der zunächst nicht weiss, was das alles zu bedeuten hat, fängt an zu verstehen…

„Keith Donohue eröffnet mit seinem neuen Roman die Welt amerikanischer Sagen, Märchen, Mythen und nimmt die Leser mit auf eine Reise durch fünf Jahrhunderte.“ – so ist es im Klappentext zu lesen und entsprechend neugierig war ich: ich wollte mich mitnehmen lassen auf die Reise und war sehr gespannt.

Die ersten sieben Seiten des Buches fand ich klasse. Doch dann wirkte es für mich nicht „magisch“, sondern zunehmend mehr wie eine Aneinanderreihung männlicher Phantasien. Ich fragte mich zunehmend mehr, was der Autor denn nun mitteilen möchte, außer einige abgeschmackte Geschichten – die mich immer mehr langweilten – zum Besten zu geben.  Begeisterung für dieses Buch kann ich nicht empfinden.
Spannender als die Geschichten selbst, fand ich die Szenen im Badezimmer, in denen Jack den Angriffen der Frauen entgehen musste. Da war wenigstens noch ein wenig Humor zu finden und das dem Buch vorangestellte Zitat von Groucho Marx (Skandal in der Oper) „Täusche ich mich oder wird es immer voller?“ war dem entsprechend gut getroffen. Die Anspielungen auf Becketts „Warten auf Godot“ konnten das Buch für mich leider auch nicht retten.

Klar könnte ich jetzt philosophieren über das „Zwischenstadium“ von Leben und Tod, über das Träumen und Wachsein, über das Leben in einer Warteschleife und dergleichen mehr. Aber ich kann´s auch lassen. Ich entscheide mich für das Zweite, denn dieses Buch hat es nicht geschafft, mich über das Lesen hinaus zu inspirieren oder weiter zu schauen.
„Die Aura, die einer hinterlässt, ist nicht dasselbe wie ein forensisches Beweismittel.“ (S. 107) – eben, deshalb.

„Sommernachtsfrauen“ von Keith Donohue
erschienen 2013 beim C. Bertelsmann Verlag, München
ISBN: 978-3-580-01128-7

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[Gastrezension: Susanne] Michel Houellebecq “Unterwerfung”

UnterwerfungEin Riesenspaß ist das gerade gewesen. Oder sollte ich besser sagen ein “Heidenspaß”, schließlich spielt Religion, Glaube und Nichtglaube eine nicht unwesentliche Rolle in Michel Houellebecqs neuem Roman “Unterwerfung”. So viel ist in den letzten Wochen im Zusammenhang mit den furchtbaren Anschlägen auf das französische Satiremagazin “Charlie Hebdo” über dieses in etwa zur gleichen Zeit erschienene Buch gesagt und geschrieben worden, dass ich es mit einer merkwürdigen Mischung aus Neugier und Abneigung sozusagen mit sehr spitzen Fingern in die Hand genommen habe. Beinahe war ich mir schon sicher, dass mein Versuch, dieses ebenso umstrittene wie bedeutungsüberladene Werk, zu lesen und zu verstehen fehlschlagen würde. Zu intellektuell, hatte ich befürchtet, zu verschwurbelt, zu theorielastig, zu hintersinnig, zu undurchsichtig. Mannmannmann, nichts von alldem ist wahr.

Am wenigsten hatte ich erwartet, dass der Roman mich gut unterhalten würde und dann hat er zu meiner großen Überraschung und Freude genau das getan. Michel Houellebecq kann, was nur wenige können: Er kann Ehrlichkeit. Er kann Humor. Und er kann beides derart gekonnt miteinander verbinden, dass es eine wahre Pracht ist. Schonungslos, wirklich absolut ohne zu beschönigen, beschreibt er seinen Protagonisten Francois als einen Mann unserer Zeit. Äußerlich hat er viel erreicht, was ihn aber nicht davor bewahrt hat, eine innere Leere zu erleben, die schon so weit gediehen ist, dass sie ihm nicht einmal mehr wirkliche Schmerzen verursacht. Zwar sehnt sich der einsame, eigenbrötlerische Hochschulprofessor nach einem Sinn seines Daseins, ist aber völlig unfähig, sich diesen zu erschaffen und verharrt in einem Leben, das er – wie er mehrfach feststellt – ebenso gut beenden könnte. Einzig das Essen und Trinken können ihm noch schöne Augenblicke bescheren; Frauen, die er reichlich “konsumiert” schon nicht mehr. Eine Tatsache, die ihn zwar nicht erfreut, die er aber ebenso hinnimmt, wie die, dass er auch ansonsten für nichts wirkliches Interesse aufbringen kann. Eine armselige Existenz also, die zwar den Schein wahrt, in Wirklichkeit aber ein leeres Gefäß ist, das nutzlos wie so viele andere leere Gefäße diese Welt bevölkert.

Einzig die politischen Entwicklungen sorgen noch einmal für so etwas wie eine Erschütterung im Leben des Mittvierzigers. Nachdem in Frankreich lange Zeit eine politische Flaute geherrscht hat – kaum jemand scheint sich noch für Politik zu interessieren –, schaffen es die Moslembrüder an die Macht zu kommen. Und was auf den ersten Blick wie eine wahrhafte Katastrophe aussieht, entpuppt sich sehr schnell als wenig aufregend. Zwar ändern sich einige Umstände im öffentlichen Leben, allerdings gelingt auch hier, was jahrzehntelang gute Sitte gewesen ist: Man passt sich an, schluckt ein paar Kröten und ist ansonsten darauf bedacht, sein eigenes kleines Gärtlein so unbeschadet wie möglich zu erhalten oder, wenn es die Situation erlaubt, sogar noch ein bisschen auszubauen. Nicht anders handelt Francois, der nach langen theoretischen Überlegungen über den Islam und dessen Gefahren, das Ende des laizistischen Staates und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen (Frauen dürfen nicht mehr studieren, Angestellte im öffentlichen Dienst müssen zum Islam konvertieren usw.) schließlich zu der Erkenntnis kommt, dass ihm das Recht, ab sofort mehrere Frauen haben zu dürfen, doch eigentlich ganz gut gefällt. Schnell sind alle Bedenken über Bord geworfen, und der Akademiker fügt sich in die neuen Gegebenheiten, hoffend, dass vielleicht auf diese Weise sein Leben von außen neue, inspirierende Impulse erhalten könnte.

Diesen Francois in seiner Entwicklung zu begleiten ist ein wunderbarer, bittersüßer Spaß. Houellebecq zeichnet diesen Mann derart plastisch ungeschönt, dass einem beim Schmunzeln über so viel Rückgratlosigkeit das Lachen immer wieder im Hals stecken bleibt, weil man sich zwangsläufig selbst dabei auf den Prüfstand stellt und leider erkennen muss, dass man dieser opportunistischen Charakter-Null näher ist als einem lieb sein kann. Unfassbar gekonnt spielt Houellebecq auf der Tastatur der menschlichen Schwächen und entlarvt schmerzhaftes Versagen auf der ganzen Linie. Dass man diese Hiebe, die den Leser mitten ins Mark treffen, so gut erträgt, ist Houellebecqs einzigartigem Humor zu verdanken.

Zum Schluss noch ein Wort zur aktuellen Diskussion um diesen Roman: Nach der Lektüre des Romans ist mir einigermaßen schleierhaft, wie es dazu kommen konnte, dass diese kleine literarische Utopie für derart viel Wirbel sorgen konnte. Nichts liegt Houellebecq nämlich ferner als tatsächlich politisch Stellung zu beziehen. Nicht Systeme, Religionen oder Parteien werden hier an den Pranger gestellt, sondern ausschließlich Menschen, die egal welchen Glauben, welche Hautfarbe, welche politische Gesinnung oder soziale Stellung sie auch haben mögen, in erster Linie eins sind: Hilflose Geschöpfe, die zwar groß denken, aber meist nur sehr klein handeln können.
Wie auch immer: Ich bin sehr froh, dass ich mich dieser Lektüre “unterworfen” habe und kann allen nur raten, es mir gleichzutun.

Michel Houellebecq “Unterwerfung”, DuMont Buchverlag, ISBN: 978-3-8321-9795-7

“Unterwerfung” ebenfalls bei Pop-Polit und Literaturen.

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Die besten 24 Stunden, die ich je in München erlebt habe

Einladung_HanserAls ich kurz vor Weihnachten die Einladung vom Hanser Verlag zum Bloggertag in München im Briefkasten fand, war es für mich, wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk auszupacken. Die Hanser Literaturverlage gehören zu meinen Lieblingsverlagen. Es war für mich also klar, dass ich unbedingt dabei sein würde.

Inzwischen liegen die vierundzwanzig Stunden, die ich in München verbracht habe, hinter mir, aber ich erinnere mich immer noch sehr gerne an sie. Ich bin sehr dankbar, eingeladen worden zu sein und freue mich darüber, die Verlagsmitarbeiter persönlich kennen gelernt zu haben, mit Jo Lendle gelacht und in seinem Büro gestanden zu Wundertuetehaben, die netten Blogger (wieder) persönlich in der offline-Welt getroffen zu haben. Und natürlich bin ich sehr dankbar für die Wertschätzung, die die Verlagsmitarbeiter uns Bloggern beinahe mit jeder Geste und jedem Wort entgegen gebracht haben.

Jetzt, da der Münchentrip schon einige Tage zurückliegt, freue ich mich am meisten über die prall gefüllte Wundertüte, in der neue potenzielle Perlen schlummern und darauf warten, von mir entdeckt zu werden.

Da Mara, Sophie, Mariki und Sonja bereits so ausführliche Beiträge verfasst haben, möchte ich Euch nur kurz meine persönlichen Highlights zeigen:

Donnerstagabend: Lesung mit Annika Reich aus ihrem neuen Roman “Die Nächte an ihrer Seite” am schön gedeckten Tisch:

Lesung mit Annika am gedeckten TischÜbernachtung im Splendid-Dollmann Hotel

Hotel Splendid-DollmannEiner der Bücherstapel, die vorgestellt wurden:

Hanser_BuecherUnd Bücher…

Hanser_Buecher_2überall Bücher…

Buecher_Hanserund wunderschöne Plakate…

PlakateEines allerdings finde ich schade. Der neue Roman von Annika Reich, den sie am Donnerstagabend so humorvoll vorgestellt hat, fehlt in meiner Wundertüte. Annika hat sehr ausführlich über ihr Buch, ihre Art zu Schreiben, ihre Ideen gesprochen, so dass ich das Buch am liebsten bereits abends im Hotel verschlungen hätte. Nun heißt es also: Warten auf Februar, bis „Die Nächte an ihrer Seite“ erscheinen wird und ich es endlich lesen kann.

Hier sind wir – alle, die meinen Aufenthalt in München so besonders gemacht haben, die geschätzten Blogger (Vera, Sonja, Mariki, Sophie, Mara, Tilman, [ich], Gérard, Nadine, Caterina, Petra) und Verlagsmitarbeiter.

beim Hanser

© Angela Kirschbaum

Allen Beteiligten möchte ich DANKE sagen für die unvergesslichen Momente. Ich hoffe, wir sehen uns wieder. Spätestens wenn das Herbstprogramm vorgestellt wird. In einem Biergarten, wie das Art Director Peter Hassiepen vorgeschlagen hat. Ich denke, ich spreche für alle Blogger, die dieses Mal dabei gewesen sind – ja, wir werden einer erneuten Einladung  bestimmt folgen.

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[Gastrezension: Susanne] Charles Chadwick: “Die Frau, die zu viel fühlte”

Die Frau die zu viel fuehlte von Charles ChadwickSorry, aber bevor es um das Buch von Charles Chadwick geht, muss ich mich erst einmal tierisch aufregen. Kann man sich für einen wirklich feinen, feinsinnigen und feinfühligen Roman einen noch dämlicheren Titel ausdenken als den, den dieser hier bekommen hat? Ich mag ihn gar nicht nochmal hinschreiben, so hirnverbrannt finde ich ihn. Und nochmal sorry, aber ich muss es einfach so deutlich sagen: Dieser Titel hört sich bescheuert an, die Konstruktion ist bescheuert und oberbescheuert ist, dass er etwas suggeriert, was der Roman (glücklicherweise) nicht einlöst. Die Geschichte rund um die drei Geschwister ist mitnichten ein Herz-Schmerz-Schmachtfetzen, sondern eine sehr subtile Schilderung dreier Menschen, die – jeder auf seine Weise – einsam geblieben sind in ihrem Dasein und sich auf die Suche machen nach einem Familienleben, das ihnen bisher nicht gelungen ist. Chadwick beschreibt nicht mehr und auch nicht weniger als das Leben. Ein Leben, das Wege geht, die oftmals nicht geplant sind, sondern vielmehr zufällig geschehen. Es geht um Verluste, die weder beabsichtigt noch gewollt scheinbar aus dem Nichts heraus geschehen und darum, dass es nie zu spät ist, sich auf die Suche zu machen. Chadwick ist ein sensibler Schreiber, sein Roman keine laute, bombastische Symphonie, sondern ein leises, fast schon zurückhaltendes Streichquartett. Andeutungen spielen bei ihm eine wichtige Rolle. Das Nichtgesagte beinhaltet oft mehr Relevanz als das Ausdrückliche. Während der Bruder, der sich auf die Suche nach seiner Schwester gemacht hat, deren Leben ganz langsam Schritt für Schritt rekonstruieren kann, nähert sich auch innerlich dieser Verschwundenen, von der er doch so lange geglaubt hat, sie würde in seinem Leben keine Bedeutung mehr haben. Julie, sozusagen der missing link in dieser Familiengeschichte, wird zum alles verbindenden Element einer Zukunft, die wohl nicht mehr so viele Jahre hat wie die Vergangenheit, dafür aber das, was so lange gefehlt hat: Verbundenheit, Nähe und Füreinander Dasein. Familie eben, so wie sie sein sollte, aber leider so selten ist.

Charles Chadwick, “Die Frau, die zu viel fühlte”, Luchterhand-Verlag, ISBN-978-3630874067

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[Gastrezension: Franziska] Pia Ziefle “Länger als sonst ist nicht für immer”

Pia ZiefleAls die Bibliophilin auf ihrem Blog den neuen Roman von Pia Ziefle zur Verfügung stellte, war ich sofort mit großem Eifer dabei, denn obwohl ich ihren Debütroman “Suna” bisher nicht gelesen habe, war der Name der Autorin mir doch schon oft begegnet und hatte Neugierde auf das Buch bei mir geweckt.

Mir gefiel direkt ihre atmosphärische dichte Schreibweise. Dennoch benötigten der Roman und ich zwei Anläufe um wirklich warm miteinander zu werden. Zu zerstreut waren meine Gedanken um mich zurechtzufinden zwischen den verschiedenen Erzählsträngen und all den Namen.

Pia Ziefle erzählt in “Länger als sonst ist nicht für immer” von drei verschiedenen Schicksalen:

* Lew wächst in der DDR bei einer Familie auf, die nicht die seine ist, denn seine Eltern haben, als er 9 war, Republikflucht begangen und ihre 2 Söhne zurückgelassen. Während sein Bruder Manuel sich schnell auf die neue Umgebung einstellt, hat Lew Schwierigkeiten mit der neuen Situation. Ihn quälen immer wieder die gleichen Fragen.

* Die gleichaltrige Ira im Westen sucht die Nähe zu ihrem Vater um die Kälte, die ihr von ihrer Mutter entgegenschlägt, zu kompensieren. Aber sie spürt, dass sie ihm nie richtig nah sein darf.

* Und Fido. Fido ist erst 4, als er sich mit seinem Großvater Tadija auf den Weg von Serbien nach Deutschland macht, um Fidos Mutter Milena zu finden. Sie begegnen im Schwäbischen Evi, die noch stets in der Bäckerei arbeitet, in der auch Milena gearbeitet hat. Evi nimmt Tadija und den kleinen Fido bei sich auf. Es fällt ihr schwer ihnen die Wahrheit zu sagen; dass Milena mittlerweile in Norddeutschland wohnt und eine eigene Familie hat, die nichts wissen soll von Fido und ihrer serbischen Familie.

Jeder der Protagonisten befindet sich auf der Suche – nach seinen Wurzeln und einem warmen Zuhause. Sie alle sind von Einsamkeit umhüllt und doch sind ihre Geschichten enger miteinander verwoben, als der Leser zuerst vermutet.

Eine schwere Melancholie hängt über jeder Blattseite. Manchmal fiel es mir nicht leicht den Zusammenhängen der verschiedenen Erzählsträngen zu folgen – zu viele Namen und Orte mischten sich miteinander – und dennoch hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen. Pia Ziefle gelingt es mit der ihr eigenen Erzählweise eine Atmosphäre zu kreieren, die einen gefangen nimmt und Anteil nehmen lässt am Schicksal der einzelnen Protagonisten.

So habe ich mit Lew gefühlt, als er nach 30 Jahren seinen Vater in Indien wiedertrifft, und mit Ira, während sie ihren Vater am Sterbebett begleitete. Sie alle suchen nach Antworten und nach elterlicher Liebe, die irgendwann vor langen Jahren verloren gegangen war.

Pia Ziefle hat mit “Länger als sonst ist nicht für immer” einen tiefgründigen Roman geschaffen, dessen Einzelteile am Ende wie winzige Puzzlestücke ein großes Ganzes ergeben. Dass am Ende nicht alle offenen Fragen geklärt werden, ist für mich mehr eine Stärke, denn eine Schwäche des vorliegenden Buches. Der Leser wird dazu angehalten zwischen den Zeilen zu lesen und die weißen Leerstellen zwischen den Worten mit Leben zu füllen.

Besonders aufgrund der unerwarteten Verflechtungen der unterschiedlichen Erzählstränge, die die Autorin mit viel Gefühl zu beschreiben weiß, erhält der Roman von mir eine absolute Leseempfehlung.

-> Für Leser, die komplexe Handlungen, Familiengeschichten und eine empathische Erzählweise zu schätzen wissen.

Pia Ziefle “Länger als sonst ist nicht für immer”, Arche Verlag, ISBN: 978-3-7160-2715-8

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[Gastrezension: Deborah] „Die Liebe zu so ziemlich allem“ von Christine Vogeley

ChristineVogeley1kGeschichte, Titel und Gestaltung von Christine Vogeleys „Die Liebe zu so ziemlich allem“ passen perfekt zueinander. Für mich Lesegenuss von der ersten Minute an…

Inhalt:

Carlotta Goldkorn bereitet eine Ausstellung rund um das Leben und Werk des schwedischen Malers Jasper Johansson für das Gayette-Museum ihrer Heimatstadt vor. Carlotta liebt dieses kleine, exzentrische Museum, dessen Gestaltung und Exponate sich so sehr von anderen Museen unterscheidet. Hier findet sich ein riesiges Saurierskelett neben alten Gemälden, scheinbar unwichtigem Krimskrams und Kinderzeichnungen. Eine wilde Mischung, die jeden Tag ihr Herz aufgehen lässt. Umso mehr freut sie sich auf die Ankunft von Gösta Johansson, dem Urenkel von Jasper Johansson, der eine Gemälde-Leihgabe persönlich im Museum abgibt.

Völlig unerwartet trifft die beiden die große Anziehung zueinander, die sie direkt bei ihrem ersten Aufeinandertreffen fühlen. Diese geht weit über eine geschäftliche Beziehung hinaus, es ist die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick. Sehr zum Leidwesen von Jule, Carlottas Tochter, die Gösta zu hassen scheint.

Als Carlotta und Gösta wegen eines zufällig entdeckten Wandgemäldes nach Schweden reisen, kommen sie auf die Spur eines großen Geheimnisses rund um Jasper und seine erste Frau Lovisa Johansson, deren Gesicht sich auf einigen seiner Gemälde findet. Währenddessen gehen zu Hause, im Gayette-Museum im kleinen Fichtelbach mysteriöse Dinge vor sich…

Mein Eindruck:

Ich möchte euch heute ein Buch vorstellen, dessen Cover und Beschreibung mich von der ersten Minute an verzaubert haben. Es trägt den schönen Titel „Die Liebe zu so ziemlich allem“. Carlotta, Gösta, die zickige Tochter Jule, Onkel Henri, der kleine Leo und all die anderen Menschen in und um das Gayette-Museum haben mich direkt für sich eingenommen. Insbesondere Carlotta hat es mir sehr angetan: Eine Frau, die absolut zufrieden mit ihrem Umfeld und ihrer Arbeit ist. Sie geht richtig auf in dem was sie tut. Carlotta beschreibt dieses Gefühl bereits zu Beginn der Geschichte, als Gösta sie fragt:

„Dann sind Sie also restlos glücklich hier?“
„Oh nein. Aber restlos richtig. Am richtigen Platz zu sein ist wichtiger. Vielleicht ist das ja Glück.“ (Zitat Seite 52)

Eine schlichte und meines Erachtens auch zutreffende Definition von Glück. Denn wer hatte, wenn er oder sie unglücklich war, nicht schon einmal das Gefühl, am komplett falschen Platz zu sein? Nicht nur bezogen auf den Beruf sondern auf das komplette Leben natürlich.

Christine Vogeleys Buch ist für mich ein wunderbarer Zitat-Schatz. Was erklärt, warum in meinem Buch wieder Unmengen von bunten Zettelchen kleben. In diesem Buch finden sich schönste Liebeserklärungen neben kleinen und großen Lebensweisheiten. Alles verbunden zu einer Geschichte, die eine Mischung aus Liebes- und Familiengeschichte mit einem Hauch Krimi und Mystery verbindet.

Ein Beispiel für die schönen Textstellen will ich euch noch zeigen. Diesen Teil hier habe ich besonders hervorgehoben:

„Jeder ist tatsächlich allein. Wir kommen allein, wir gehen allein. Wir sind immer allein, und zwar deshalb, weil jeder, wirklich jeder Mensch, seine eigene Wirklichkeit hat. So, wie du die Welt siehst, werde ich sie nie sehen. Und umgekehrt. Aber einsam brauchen wir deshalb nicht sein.“
(Zitat S. 261)

Ich finde, besser kann man den Unterschied zwischen dem Alleinsein und dem Einsamsein nicht erklären. Auf die gleiche, schöne Weise erklärt uns Christine Vogeley das ganze Buch durch die Welt ihrer Protagonisten: Ihre Sprache ist bildhaft und lebendig.

Bei der Beschreibung des Museums bekam ich sofort Lust, dieses zu besuchen. Ich kann es verstehen, dass sich Carlotta diesem besonderen Ort so verbunden fühlt. Es sind die außergewöhnlichen, bunt zusammengewürfelten Sammlungen des Hauses, die geheimnisvollen Geschichten, die sich um den Gründer August Gayette und das Museum ranken, und natürlich der ebenso unterschiedliche Mitarbeiterhaufen, die das Museum am Leben erhalten. Oder besser: All diese Komponenten hauchen dem Museum Leben ein. Es ist meilenweit entfernt vom staubigen Image so manch anderen Museums.

Der besondere Reiz der Geschichte liegt für mich in den vielen kleinen Einzelgeschichten, die alle zum großen Ganzen gehören. Ihr findet in „Die Liebe zu so ziemlich allem“ eine schöne Liebesgeschichte, eine unerfüllte Liebe, eine vermeintliche Liebe, die Liebe zu Dingen und eine Liebe, die nicht sein durfte und alle Protagonisten letztendlich an einem Ort zusammenführt.

Zu meinen Lieblingscharakteren zählt neben Carlotta und Gösta der kleine, schlaue Leo. Er ist ein helles Köpfchen und ein sehr sympathisches Kerlchen, der die Museumsleitung mit seinen Entdeckungen in Aufruhr versetzt. Man muss ihn einfach mögen und leidet mit ihm. Aber am Ende ist alles gut…

Mein Fazit:

Christine Vogeleys „Die Liebe zu so ziemlich allem“ ist eine spannende Liebesgeschichte, die sich nicht nur auf ein Paar beschränkt, sondern auf seine komplette Umgebung – eben auf alles. Für mich ein absolutes Wohlfühlbuch mit einigen kleinen, traurigen Momenten, aber einer durchgehend positiven Grundstimmung. Und deshalb genau das Richtige für mich!

Ob es euch wohl genauso gefallen wird? Ich bin gespannt auf eure Rückmeldungen und wünsche euch viel Freude beim Lesen und Träumen!

Ich bedanke mich herzlich für die Möglichkeit der Gastrezension bei „Die Bibliophilin“ und Dorotas große Geduld – und ganz besonders auch beim Knaur Verlag für das Rezensionsexemplar, das nun ein schönes Plätzchen in meinem Regal bekommt.

Eure
Deborah

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Christine Vogeley “Die Liebe zu so ziemlich allem”, ISBN: 978-3-426-65347-0, Knaur Verlag

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Ian McEwan “Kindeswohl”

KindeswohlIch bin sehr glücklich darüber, Buchhändlerin zu sein. Ich darf beruflich mit Büchern zu tun haben, ich darf sie verkaufen, empfehlen und komme an ganz viele Vorabexemplare, die die Verlage uns Buchhändlern freundlicherweise zur Verfügung stellen. Inzwischen finde ich oft in meinem Postfach digitale Leseexemplare und darf viele Bücher einfach nur anlesen, um zu entscheiden, ob ich sie auch in voller Länger lesen mag. Die Bücher, die mir besonders gut gefallen, möchte ich trotzdem als gedrucktes Buch in den Händen halten. So war das auch in diesem Fall. Als ich den neuen Roman von Ian McEwan in meinem Postfach fand, fing ich sofort an zu lesen. Meine Freude war noch größer, als ich das gedruckte Exemplar lesen durfte. Denn “Kindeswohl” von Ian McEwan hat mir sofort und von der ersten Seite an gefallen.

“Kindeswohl” ist ein wahnsinnig gut komponiertes Musikstück über die Liebe, das Leben, über die Entscheidung, Kinder zu haben oder sich dagegen zu entscheiden, über Moral, Schuld, über menschliche Bedürfnisse. Was still anfängt, entwickelt sich rasch zu einem Sog, der den Leser nicht mehr loslässt.

Ich gestehe, ich habe eine ähnliche Entwicklung der Geschichte vermutet. Ich war nicht überrascht zu lesen, wie McEwan seine Geschichte spinnt. Das schmälert jedoch meine Begeisterung für das Buch in keiner Weise.

*

Susanne, die den Roman gelesen hatte, war ebefalls begeistert:

Schuld war von jeher eines der großen Themen in der Literatur. Menschen, die sich schuldig machen, im Großen wie im Kleinen, waren und sind ein Faszinosum. Schuld war und ist auch bei dem britischen Schriftsteller Ian McEwan das Zentrum seines Erzählens. Bereits in seinem 2001 erschienenen Roman “Abbitte” hat McEwan die Frage nach der verlorenen Unschuld in den Mittelpunkt gestellt. Auch sein neuer Roman “Kindeswohl” beleuchtet diese Grundfrage menschlicher Existenz, wenn auch auf einem gänzlich anderen Kontext basierend. Erzählt wird die Geschichte der Familienrichterin Fiona Maye, deren Lebensaufgabe darin besteht, sich für das Wohl von Kindern einzusetzen, die aus den unterschiedlichsten Gründen unter die Räder zu geraten drohen. Scheidungen, zerrüttete Familienverhältnisse, drogenabhängige Väter und Mütter – immer, wenn Kinder in Gefahr sind von den Lebensbedingungen, die meistenteils von Erwachsenen zu verantworten sind, überrollt zu werden, ist es an der 60-jährigen Richterin den Interessen der Schwächsten eine Stimme zu geben. Fiona – selbst kinderlos – hat sich dieser Berufung voll und ganz verschrieben, so sehr, dass sogar ihre Ehe ordentlich ins Wanken gerät, weil Fiona als Ehefrau nicht halb so engagiert ist wie als Richterin.
Ian McEwan macht den Leser mit dieser Frau just in dem Augenblick bekannt, als ihr ein besonders heikler Fall zur Lösung vorgelegt wird. Und was auf den ersten Blick zum vollen Erfolg gerät, entwickelt sich im Laufe der Zeit zum Sündenfall einer Frau mit den besten Absichten. Routiniert erzählt McEwan diese Geschichte, die einen von der ersten Seite an fesselt. Mit angenehmer Leichtigkeit gelingt es dem Autor, den Leser unmittelbar an dem Geschehen teilnehmen zu lassen. Dabei kann er sich getrost darauf verlassen, dass seine Dialoge und inneren Monologe ausreichen, um ein Szenarium erstehen zu lassen, das einerseits unterhaltsam ist andererseits unterschwellig bereits den Ernst der Lage ankündigt, der sich im Laufe des Geschehens entwickeln wird. Harmlos beginnend nimmt die Geschichte nach und nach eine Wendung, die spürbar aber doch nicht vorhersehbar ist. Am Ende steht schließlich die Frage nach der Schuld, die selbst denjenigen ereilen kann, der in bester Absicht handelt, es dabei aber versäumt, wirkliche Verantwortung zu übernehmen. Unter völligem Verzicht auf moralische Wertung oder gar Verurteilung der handelnden Personen beschreibt der Autor diesen Weg einer Wohlmeinenden, die erkennen muss, dass die korrekte Anwendung des Gesetzes allein nicht ausreicht, um Menschen – insbesondere Kindern – Genüge zu tun. Schuldig werden ist nicht ausschließlich eine Sache von roher Gewalt, infamem Verrat oder bösartigen Handlungen – schuldig werden kann man auch aus einer Trägheit des Herzens heraus, aus Feigheit oder Unachtsamkeit. Ian McEwan hält den Finger in diese Wunde, unbestechlich aber nicht unbarmherzig.

Kindeswohl_McEwanIan McEwan, “Kindeswohl”, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-06916-7

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“Kindeswohl” bei Pop-Polit und im Blog Leseschatz.

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[Gastrezension: Verena] „Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe“ von A.J. Betts

u1_978-3-596-85661-9„Schon wieder eine Krebsgeschichte?“, werdet ihr jetzt vielleicht denken. Und möglicherweise dachte auch ich so, wie ich mich das erste Mal mit dem Roman von A.J. Betts beschäftigt habe. Aber Krebs ist nun einmal eine Krankheit, mit der viele Menschen unter uns, oftmals auch enge Freunde oder Familienangehörige tagtäglich zu kämpfen haben. Kaum jemand kann von sich behaupten, dass er weder Krebs hat oder hatte, noch jemanden kennt, der an Krebs erkrankt ist oder jemanden durch den Krebs verloren hat. So habe auch ich schon geliebte Menschen verloren, weil sie keine Chance gegen den Krebs hatten. Beim Lesen solcher Geschichten begleiten sie mich immer und weichen nicht von meiner Seite. Ich muss viel an sie denken und so traurig mich das auch macht, so weiß ich doch, dass sie oftmals zum Ende hin sehr gelitten haben und sie jetzt erlöst sind. In meiner Familie ist das Thema Krebs auch heute wieder allgegenwärtig und wir reden viel darüber und unterstützen erkrankte Freude so gut es geht.
Als Dorota die Gastrezension ausgeschrieben hat, war ich daher sehr neugierig und habe mich auf der Verlagshomepage informiert, worum es in „Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe“ geht.

Dort steht:
„Zwei Ich-Erzähler zum Verlieben erzählen ihre Geschichte einer unwahrscheinlichen Liebe
Kopf an Kopf liegen Zac und Mia in ihren Krankenhausbetten, nur durch eine dünne Wand getrennt. Alter: 16. Diagnose: Krebs. Gefühlszustand: isoliert und allein. Und aus dem ersten Klopfzeichen erwächst eine Liebe, die unter normalen Umständen niemals möglich gewesen wäre…“ (Quelle: siehe Homepage)

Ganz spontan kamen mir zuerst Hazel Grace und Augustus in den Sinn, die beiden Teenager aus John Green`s „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Ein weiteres Buch über junge krebskranke Menschen, deren Geschichte um die Welt ging. Erst als Buch und mittlerweile auch verfilmt. Doch beim Lesen wird schnell klar, dass die beiden Geschichten sich zwar auf der einen Seite ähneln, aber andererseits auch total verschieden sind. John Green und A.J. Betts setzen sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Krebserkrankungen bei Jugendlichen auseinander, beide sehr berührend, mitreißend und einfühlsam. Wer „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ bereits gelesen hat und Hazel Grace und Augustus in sein Herz geschlossen hat, sollte Zac und Mia dennoch eine Chance geben, ihre Geschichte erzählen zu können – auf eine wunderbare, emotionale und einzigartige Weise.

Die Geschichte ist unterteilt in 3 große Abschnitte, die jeweils aus der Ich-Perspektive erzählt werden. Der erste Abschnitt gehört ganz Zac, im zweiten Abschnitt erzählen Zac und Mia abwechselnd und zuletzt übernimmt Mia das Erzählen.
Zac hat Blutkrebs und liegt nach einer Transplantation auf der Isolierstation im Krankenhaus. Er darf sein Zimmer für fünf Wochen nicht verlassen und außer seiner Mutter und dem Krankenhauspersonal darf auch keiner hinein. Dennoch scheint es, als hätte Zac mit einer Leichtigkeit seine Krankheit angenommen, denn trotz des schweren Themas hat er sich seinen Humor bewahrt. „Dieses Zimmer ist also so wie Afghanistan, und meine Leukämie sind die Taliban?“ (S.59) oder „Ich bin nicht freiwillig in diesen Krieg gezogen. Die Leukämie, diese blöde Sau, hat mich zwangsrekrutiert“ (S.62) Nur nachts, wenn er nicht schlafen kann und seine Mutter gegen 3 Uhr anfängt zu schnarchen, wird klar wie schlimm es um ihn steht, denn dann holt er leise sein iPad raus und surft im Internet – tauscht sich mit anderen Kranken aus und informiert sich über Überlebensstatistiken – seine und die anderer Krebspatienten – und guckt welcher seiner Onlinefreunde den Kampf gegen den Krebs gewonnen oder verloren hat.
Und dann taucht plötzlich Mia auf, sie ist anders als die anderen Krebspatienten auf seiner Station. Mia ist jung und hat noch keine Ahnung, was auf sie zukommt. Bereits am Ankunftstag streitet sie sich mit ihrer Mutter – Mia möchte einfach nicht im Krankenhaus sein. Viel lieber würde sie was mit ihren Freunden unternehmen. Angst und Verzweiflung klingen durch ihre Stimme und Zac würde ihr gerne helfen und ihr Mut machen, schließlich hat sie mit einem Tumor im Bein viel bessere Heilungschancen wie er… Es dauert bis Zac zu ihr durchdringt… ein leises Klopfen… ein Zettelchen…
Anfangs wirkt Mia sehr kratzbürstig, eigensinnig, egoistisch und nervig. Sie führt sich teilweise auf wie ein Kleinkind und es fiel mir sehr schwer mit ihr mitzufühlen und sie zu verstehen. Doch das Buch ist ja noch lang.
Dann wird Zac aus dem Krankenhaus entlassen und der Handlungsort der Geschichte verlagert sich auf die elterliche Farm. Dabei hat es die Autorin wunderbar geschafft die Landschaft und das Freiheitsgefühl Australiens einzufangen und bei mir kam ein bisschen Sehnsucht auf.
Nun folgt ein Perspektivenwechsel und Mia erzählt aus ihrer Sicht. Sie setzt sich deutlich von Zac ab, denn ihre Sprache und ihre Gedanken sind ganz anders. Nicht mehr so feinfühlig wie bei Zac. Mia ist deutlich ruppiger, impulsiver und scheut sich nicht Kraftausdrücke zu benutzen. Sie verschönert gar nichts. Immer mehr versteht man nun auch ihre Sicht der Dinge und merkt, wie sehr der Krebs sie verändert hat. „Es heißt, Krebs würde einen stärker machen. Das stimmt nicht. Er bringt dich durcheinander.“ (S.196)

Auf 336 Seiten lernen wir nicht nur Zac und Mia näher kennen und erfahren wie unterschiedlich sie mit ihrer Krankheit umgehen, sondern erleben auch was die Diagnose Krebs mit dem Umfeld der Patienten anstellt. Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass sich nach der Krebserkrankungen einer engen Freundin von mir sich vieles sehr ähnlich dem Geschriebenen entwickelt hat.

Die Autorin hat in meinen Augen etwas Großartiges geschafft und zwar hat sie die beiden unterschiedlichen Charaktere Zac und Mia auf eine sehr realistische und herzerwärmde Weise miteinander verbunden. Anfangs hatte ich da meine Zweifel, da die beiden so unterschiedlich sind – nicht nur vom Wesen, sondern auch von ihrem sozialen Umfeld, ihrem Umgang mit der Krankheit und ihrem Leben vor der Erkrankung. Es ist dabei erschreckend zu erkennen, wie sehr das soziale Umfeld ganz offensichtlich die Genesung beeinflusst, wie wichtig der Rückhalt beim Kampf gegen den Krebs ist und, dass es jemanden braucht, der einen motiviert und unterstützt.

Und doch scheint immer mal wieder ein Happy End in Sicht. Aber wie wahrscheinlich ist wohl ein Happy End? Zac könnte mir da sicher die richtigen Zahlen nennen, ich schätze die Chance, dass beide gesund werden aber mal ziemlich gering ein. Für mich war daher klar, dass ich mich wohl von einem der beiden verabschieden muss. Doch wer von den beiden es ist oder ob sich die Statistik vielleicht auch mal irrt, das solltet ihr selbst herausfinden.
Das Ende kam für mich überraschend. Die ganze Zeit habe ich mit Zac und Mia mitgebibbert, habe gehofft, dass alles gut ausgeht und gelacht, über die vielen lustigen Stellen, an denen deutlich zum Vorschein kam, dass eben ein krebskranker Teenager auch und vor allem ein Teenager ist. Ich habe geweint – nicht nur aus Traurigkeit sondern auch vor Freude. A.J. Betts hat mich emotional unglaublich berührt und mitgenommen wie ich es schon lange nicht mehr beim Lesen erlebt habe.

Anfangs habe ich das Buch noch ab und zu zur Seite gelegt um es mir einzuteilen, doch dann kam ein gewisser Punkt und ich musste die letzte Hälfte in einem Rutsch lesen. Mich hat das Buch auf ganzer Linie überzeugt. Diese einzigartige Geschichte von Zac und Mia, gepaart mit dem hervorragenden Sprachstil würde ich jedem empfehlen. Die liebevolle und passende Gestaltung des Buches komplettiert den Roman. Eine Geschichte, die verzaubert, wütend und traurig macht, die einem zum Lachen bringt und mitfiebern lässt und die nach dem Lesen nicht so schnell in Vergessenheit gerät.

„Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe“ von A.J. Betts, KJB, ISBN: 978-3-596-85661-9

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[Gastrezension: Susanne] John Burnside “Haus der Stummen”

Haus der Stummen von John BurnsideGleich eine Warnung vorweg: John Burnsides “Haus der Stummen” ist nichts für sensible Gemüter. Es ist nicht auszuschließen, dass es Leser gibt, denen der harte Tobak, der hier nahezu durchgängig auf 250 Seiten präsentiert wird, so sehr an die Nieren geht, dass sie besser daran täten, das Buch erst gar nicht zur Hand zu nehmen oder es wegzulegen, wenn das Ge- und Beschriebene sie den Ekel allzu hautnah spüren lässt.
Denn, ganz ohne Zweifel, es sind Abgründe der schauerlichsten Sorte, in die Burnside hier blickt. Und weil er ein wirklicher Könner in Sachen Beobachtung und Beschreibung ist, gelingt es ihm, den Leser sozusagen tief ins Innerste eines lebendigen Organismus zu ziehen, und das ist durchaus ganz wörtlich gemeint. Seine Schilderungen von Vivisektionen aller Art werden nicht von einer Milchglasscheibe abgeschirmt, sondern sind im Gegenteil glasklar und grell beleuchtet. Der Ich-Erzähler (seine Name ist Luke, wie man an einer einzigen Stelle recht spät erfährt) ist ein Monster, jedenfalls nach den gängigen menschlichen Vorstellungen. Motiviert von pseudowissenschaftlichem Forscherdrang ist er besessen von der Vorstellung, die Seele des Menschen ergründen zu können. Und da diese, so seine These, in unmittelbarem Zusammenhang mit der Sprache steht, sind seine menschenverachtenden Versuchsanordnungen so aufgebaut, dass Sprachkenntnis und -vermögen manipuliert werden müssen, um den Beweis dafür zu erlangen, dass Lukes krude Vorstellungen der Wahrheit entsprechen. Minutiös ersinnt sein krankes Hirn alle Einzelheiten und es gelingt ihm auch, diese real umzusetzen. Möglich ist das nur deshalb, weil es sich bei dem Erzähler um eben jenes Monster handelt, dessen Intellekt zwar hervorragend funktioniert, das andererseits aber zu keinerlei echtem Gefühl fähig ist. Leiden mit der Kreatur, das kann weder das Kind, das Luke einmal war, noch der erwachsene Mann, der er zur Zeit des Berichtens ist. Während er zu Beginn seiner “Karriere” noch mit Tieren vorlieb nimmt, die er in lebendigem Zustand aufschneidet und seziert, sind es später Säuglinge, genauer gesagt Zwillinge, denen er etwa die Stimmbänder durchtrennt, um zu beobachten, welchen Einfluss das auf die Entwicklung der unbedauerten bedauernswerten Geschöpfe hat.

John Burnside hat mittlerweile oft genug seine Sprachmacht unter Beweis gestellt. Im “Haus der Stummen”, seinem Debütroman, der jetzt auf Deutsch erschienen ist, ist diese Fähigkeit bereits deutlich erkennbar. Seine Schilderungen kommen mit wenigen Worten aus, und doch oder gerade deswegen kann der Leser quasi unmittelbarer Zeuge des monströsen Geschehens werden. Ebenso plastisch wie die Wärme im Inneren der geöffneten Lebewesen auf der Schwelle zwischen Leben und Tod tritt auch die Kälte desjenigen zu Tage, der hier am Werk ist. Hier und nur hier kann dieser Mann Gefühle empfinden, am deutlichsten das der Befriedigung durch uneingeschränkte Machtausübung.

Keine schöne Geschichte also, die Burnside hier erzählt, aber auch kein Psychothriller. Um Spannung geht es dem Autor nicht, denn schon in den ersten Sätzen wird klar, wohin die schreckliche Reise geht. Im übrigen gibt es auch keine Handlungsebene, die sich damit beschäftigt, wie man diesem Unmenschen das Handwerk legt. Burnside beschränkt sich ausschließlich darauf, das Geschehen aus Sicht des Hauptdarstellers zu erzählen. Seine Motivation, seine Logik, seine Ziele – so krank sie auch sein mögen – sind der ausschließliche Stoff, aus dem dieser Roman gemacht ist.Wer Interesse an dieser Thematik hat, der ist bei dem schottischen Schriftsteller bestens aufgehoben. All diejenigen, die einen Plot im herkömmlichen Sinne erwarten, werden allerdings enttäuscht und vielleicht sogar angewidert das Buch zur Seite legen.

John Burnside, “Haus der Stummen”, Knaus Verlag, ISBN 978-3-8135-0612-9

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“Drei auf Reisen” von David Nicholls

Drei auf Reisen_NichollsDavid Nicholls ist wahrlich ein guter Schriftsteller. “Zwei an einem Tag” hat mich vor ein paar Jahren umgehauen. “Ewig Zweiter” hat mich ebenfalls überzeugt. “Keine weiteren Fragen” hatte ich nicht gelesen, weil ich mich nicht als Zielpublikum gesehen hatte. Die Inhaltsangabe von “Drei auf Reisen” hat mich auf Anhieb neugierig gemacht, so dass ich mir gerne Zeit für den Roman genommen habe, als er erschienen ist.

Der Anfang jedoch war unheimlich zäh und ich bin froh, dass die Geschichte in kurze Kapitel unterteilt ist, weil diese ein bisschen Leben in das Geschehen bringen. Nichtsdestotrotz langweilte ich mich und fragte mich, wie ich doch bitte über 500 Seiten über Douglas, Connie, Alby und ihre zerrüttete Familie lesen soll. Ich war kurz davor, das Buch abzubrechen, oder zumindest für den Moment zur Seite zu legen, um irgendwann zurückzukehren.

Doch dann sagten gleichzeitig zwei meiner geschätzten Kolleginnen, dass sie das Buch gemocht hatten, dass es ihnen sogar sehr gefallen hatte. Und so las ich weiter und länger am Stück, ich las mich in die Geschichte rein, und war begeistert. Was langsam und ein bisschen holprig anfängt, entwickelt sich mit der Zeit zu einem wunderbaren Unterhaltungsroman. Ich denke, ich erwartete am Anfang zu viel, deswegen war ich auch ziemlich schnell enttäuscht. Als ich mich jedoch auf die Geschichte einließ, mich treiben ließ, bekam ich einen wirklich guten, warmen und hoffnungsvollen Roman, der mir schöne und angenehme Lesestunden bereitet hatte, der mich lachen ließ und mich nachdenklich stimmte. Ich bereue es nicht, “Drei auf Reisen” gelesen zu haben. Ich bin froh, dem Buch eine Chance gegeben zu haben. Hier stecken viele Lebensweisheiten drin, die jedoch in ein komödienhaftes Geschehen eingebunden sind und somit nicht spießig wirken.

Mit gutem Gewissen möchte ich Euch den Roman empfehlen und hoffe, er wird Euch so viel Freude bereiten wie mir. Gebt ihm eine Chance, auch wenn der Anfang Euch schwer fallen sollte. Ihr werdet es nicht bereuen.

Drei auf ReisenDavid Nicholls, “Drei auf Reisen”, Kein & Aber Verlag, ISBN: 978-3-0369-5701-2

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