“Die Falle” von Robert Gernhardt

167131_Gernhardt,Falle,Weihnacht_wei+ƒ_webAls ich am Samstag in meiner Buchhandlung vor einer Auslage mit Adventskalendern stand und viele verschiedene in den Händen hielt, wusste ich, dass auch ich dieses Jahr einen Adventskalender haben möchte. Vor Jahren las ich mit meinem Mann zusammen „Das Weihnachtsgeheimnis“ von Jostein Gaarder und es war sehr schön, jeden Tag sich ein bisschen Zeit zu nehmen, um gemeinsam zu lesen, vorzulesen, ein bisschen nachdenken, sich in Ruhe hinsetzen oder hinlegen, abschalten und den Alltag vergessen. Auch dieses Jahr möchte ich gerne diese Zeit mit meinem Mann genießen, wenn unsere Tochter im Bett ist. Die freie Zeit, die uns nach einem anstrengenden Tag zur Verfügung steht, ist knapp bemessen, deswegen dürfen die Geschichten, die wir uns vorlesen wollen, nicht zu lang sein. Es darf dieses Jahr aber auch nicht zu spirituell sein. Am liebsten wäre uns etwas, wobei wir lachen können. Was eignet sich besser also als eine satirische Geschichte von Robert Gernhardt? Nichts.

An dieser Stelle möchte ich mich bei der edition Büchergilde bedanken, dass der Verlag „Die Falle“ von Robert Gernhardt in der fantastischen “Collection Büchergilde” herausgebracht hatte. Denn Ihr wisst, dass ich schöne Bücher gerne in Hand nehme. Ich freue mich am meisten, wenn ein Buch nicht nur meine literarischen Ansprüche befriedigt, sondern auch mein Auge.

Die Geschichte ist in der japanischen Bindung erschienen. Dank dieser Bindung lässt sich „Die Falle“ wie ein Adventskalenderbuch lesen.

+20€Jeden Tag trennt man zwei Seiten auf, um zu erfahren, was die Geschichte für den Leser bereit hält. Heute empfehle ich Euch ein Buch, das ich noch gar nicht gelesen habe, obwohl ich gestehe, dass ich bereits das erste Türchen aufgemacht habe – die ersten Seiten aufgetrennt habe. Ich wollte unbedingt reinschnuppern. Dafür schaute ich mir ausgiebig die aussagekräftigen Illustrationen von Cynthia Kittler an, die wunderbare Unterhaltung versprechen.

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© Cynthia Kittler/Edition Büchergilde

Ich freue mich schon sehr, ab dem 1. Dezember jeden Tag mit meinem Mann das Buch in die Hand zu nehmen und in diese Weihnachtsgeschichte einzutauchen. Ich habe schon oft dank der Illustrationen lachen können und freue mich sehr auf weitere entspannte Momente.

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© Cynthia Kittler/Edition Büchergilde

Wenn Ihr ebenfalls nach einer schönen Alternative zu einem Schokoladen- oder Teekalender sucht, schaut Euch unbedingt „Die Falle“ von Robert Gernhardt an. Das Buch eignet sich außerdem wunderbar zu verschenken ;-)

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“Die Falle” von Robert Gernhardt, edition Büchergilde, ISBN: 978-3-86406-043-4 

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Habt Ihr auch Adventskalender? Wie sehen Sie aus?

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[Gastrezension: Susanne] Wolfgang Herrndorf “Arbeit und Struktur”

Arbeit und StrukturIm Grunde genommen würde ein Wort genügen: Lesen. Um sicher zu gehen, könnte man noch ein Satzzeichen anfügen: Lesen! Und dann gäbe es da noch die Möglichkeit, Versalien einzusetzen: L E S E N ! Unterstreichen könnte man es, signalrot einfärben, Endlosschleife – wenn es nützen würde, ich würde alles das tun. Wenn ich hoffen könnte, auf diese Weise nur einen, oder zwei, drei… Leser für dieses Buch zu gewinnen, ich würde eine Werbekampagne starten mit allen fairen und auch den weniger fairen Mitteln, um dich, ja DICH, dazu zu bewegen, dieses Buch in die Hand zu nehmen. Denn hättest du es erst einmal in der Hand – großes Indianerehrenwort – du würdest es nicht mehr weglegen. Ehrlich gesagt, das einzige, wirklich das allerallereinzige, was mich an diesem Buch stört, das ist sein Titel. “Arbeit und Struktur”. Nicht eben sexy, nicht wahr? Inhaltlich zwar korrekt, hat er leider so etwas fürchterlich dröges. Wer springt schon im Viereck und schreit: “Juhu, endlich mal was über Arbeit, endlich mal was über Struktur!” Hinzukommt, dass der Autor des Buches vermutlich immer und für alle Zeiten, sehr zu seinem eigenen Verdruss, nicht gedacht werden kann ohne “Gehirntumor” und “Selbstmord”. Und ja, dieser zum Buch gewordene Blog dieses sehr kranken, mittlerweile seit einem Jahr toten Mannes, handelt natürlich auch von eben diesen Dingen. Die Sache ist aber die, dass das derart intelligent, originell, humorvoll und unaufgeregt geschieht (Herrndorf selbst würde mich steinigen für diesen Tsunami an Adjektiven), dass es eben eine Wucht ist. Nennt mich pietätlos, schimpft mich unsensibel, aber ich kann nicht anders, ich muss gestehen, dass Hermsdorfs Auseinandersetzung mit diesen wenig schönen Vorkommnissen seines Lebens, mich auch sehr gut unterhalten hat. Lakonie, dein Name ist WH. Für mich ist er ein ganz Großer seit ich die knapp 450 Seiten, die er während seiner Krankheit geschrieben hat, gelesen habe. Vorbild ist so ein dickes, pathostriefendes Wort, das ich lieber nicht benutze. Deswegen eine Liga darunter: Gern würde ich mir von diesem Mann ein, zwei, drei Scheiben abschneiden, wenn es darum geht, ein Todesurteil nicht zu bejammern, sondern daraus Kraft zu schöpfen, die noch verbleibende Zeit, sinnvoll zu nutzen. In Herrndorfs Fall war die Antwort glasklar: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Man kann ihm und seiner Power nicht genug danken, denn die Produkte diese Arbeit (“Tschik”, “Sand” , “Arbeit und Struktur” und das eben erschienene “Bilder deiner großen Liebe”) sind Abschiedsgeschenke von großem Wert.
Übrigens erzählt  Herrndorf in seinem Buch auch noch vieles andere aus seinem Leben, lässt den Leser teilhaben an seinen Gedanken zu Themen wie Freundschaft, Literatur und sein schwieriges Verhältnis zu Staubflusen und seinem Nachbarn. Das Buch liest sich beinahe so, als würde man neben ihm in seiner Lieblingskneipe Prassnik sitzen und sich seinen großen und kleinen Alltag schildern lassen. Er muss ein wunderbarer Erzähler gewesen sein, auch jenseits der literarischen Form.
Der Worte sind genug geschrieben, denn eigentlich reicht ein einziges: Lesen.

Wolfgang Herrndorf, “Arbeit und Struktur”, Rowohlt-Verlag, ISBN 3871347817

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„Ach, du Schreck, mein Name ist weg“

Ach, du Schreck, mein Name ist wegSeitdem ich Mama bin, weckt alles was bunt, illustriert und wie ein Bilderbuch aussieht meine Aufmerksamkeit. Ich will ja meinem Kind was bieten, was gut ist, schön gestaltet, aber auch spannend. Es soll mir im besten Fall wunderbare Kuschelstunden mit meinem Mädchen bescheren.
Glücklicherweise habe ich dank meines Berufs als Buchhändlerin Zugang zu vielen Kinderbüchern und ich kann vor Ort die Spreu vom Weizen trennen. Meistens sind es Bücher aus großen Verlagen, die in der Buchhandlung zu finden sind. Umso mehr freut es mich, wenn ich auf ein Buch aufmerksam gemacht werde, das alles das beinhaltet, was ich mir von einem Bilderbuch wünsche.

„Ach, du Schreck, mein Name ist weg“ ist in erster Linie ganz toll illustriert. Ich mag die Bilder des Portugiesischen Künstlers Pedro Serapicos sehr. Und meine Tochter auch. Aber auch die Idee mag ich sehr. Das personalisierte Bilderbuch handelt von – in unserem Fall – einem Mädchen, das nach dem Aufwachen feststellt, dass sein Name verschwunden ist. Es merkt, dass etwas fehlt und begibt sich auf eine Reise, während der es die einzelnen Buchstaben des eigenen Namens wieder findet. Es begegnet Phantasiefiguren, Tieren, einem Ritter oder einer Meerjungfrau. Jeder von ihnen schenkt dem Mädchen einen Buchstaben, die am Ende des Buches den Namen des Kindes ergeben. Auf diese Weise entsteht ein besonderes Bilderbuch, mit dem sich jedes Kind identifizieren kann, egal ob Mädchen oder Junge.
Da es sich in unserem Fall um ein Rezensionsexemplar handelt, heißt das Mädchen im Buch Marie und trägt nicht den Namen meiner Tochter, dennoch lesen wir die Geschichte gerne, tauchen in die phantasievolle Welt ein und erleben viele schöne Momente mit dem mutigen und abenteuerlustigen Mädchen.

„Ach, du Schreck, mein Name ist weg“ eignet sich sehr gut als Geschenk für die Kleinen. Bald ist Weihnachten, auch der Advent und Nikolaus stehen vor der Tür. David Cadji-Newby, der die Originalgeschichte geschrieben hat, und im deutschsprachigen Raum die Berliner Kinderbuchautorin Susanne Weber bieten allen Eltern, Tanten, Großeltern und Freunden auf www.lostmy.name die Möglichkeit, ein schönes personalisiertes Buch zu verschenken.

Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es sich bei „Ach, du Schreck, mein Name ist weg“ um eine schöne Geburtstagsgeschenk-Idee für die Erwachsenen handelt. Oft überlegt man, was man einem Freud oder einer Freundin schenken kann, die schon „eh alles haben und nichts brauchen“. Ich bin mir sicher, dass auch ihnen das Buch gefallen wird.

Und wie entstand die Idee?
„Drei britische Väter und ein Onkel waren auf der Suche nach einem hochwertigen Tech-Produkt für ihre Kinder, Nichten und Neffen. Da sie nichts Passendes gefunden hatten, schrieben sie einfach selbst Geschichten, nämlich jeweils für den Namen des Kindes eine personalisierte. So wurde die Idee zu Lost My Name, einem personalisierten Kinderbuch geboren. Um es zu ermöglichen, dass aus allen Namen individuelle Geschichten entstehen können, wurden über 250 Geschichten geschrieben sowie Illustrationen gezeichnet.
Kurze Zeit nachdem Lost My Name als Startup gegründet wurde, waren in Österreich die zwei Brüder Paul und Lukas Cerny auf der Suche nach einem individuellen Geschenk für die Tochter ihrer Cousine. Bei der Suche nach einem geeigneten Geschenk stießen sie auf Lost My Name. Die Idee gefiel ihnen so gut, dass sie nicht nur ein Buch bestellten, sie schlugen den Urvätern von Lost My Name vor, das personalisierte Kinderbuch in den deutschsprachigen Raum einzuführen und somit maßgeblich zur Globalisierung von Lost My Name beizutragen.“

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Joshua Ferris „Mein fremdes Leben“

Mein fremdes Leben von Joshua Ferris„Die meisten Menschen verbringen ihr Leben unentschlossen zwischen Hoffnung und Angst. […] Sie hoffen einerseits auf einen Himmel, ängstigen sich anderseits vor dem Nichts.“ (377)

Joshua Ferris hat mich mit seinem Roman „Mein fremdes Leben“ auf eine Achterbahnfahrt mitgenommen. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Als ich den ersten Satz las, den ersten Absatz, die erste Seite, fühlte ich mich auf Anhieb wohl in seiner Sprache. Im Hinterkopf behielt ich stets seinen Roman „Ins Freie“, der zu den besten und beeindruckendsten Büchern gehört, die ich in meinem Leben gelesen hatte. Das war mein Fehler. Ich hatte von diesem, für den Man Booker Prize 2014 nominierten, Roman viel zu viel erwartet. Ich wollte einen ebenfalls so grandiosen Roman wie “Ins Freie” lesen. Ich hatte mich drauf eingestellt, dass mich „Mein fremdes Leben“ begeistern wird, dass ich es lieben werde. Und ich hatte mich von dem Klappentext und der Inhaltsangabe täuschen lassen.

Mein fremdes Leben_BuchManche Stellen, ja ganze Abschnitte, waren so langsam, fad und zögerlich, wie die Fahrt mit dem Achterbahn-Wagen zu einem Hügel. Man wartet ständig, dass gleich etwas passiert, die Zeit scheint still zu stehen, man hat das Gefühl nicht voran zu kommen und dabei will man nur den Looping erleben. Plötzlich erreicht man einen Punkt, ab dem die Züge rasen, die Seiten fliegen dahin, man blättert atemlos um, freut sich, genießt, Adrenalin rauscht durch die Adern. Ein wunderbarer Zustand, in dem man auch erkennt, was der Autor einem erzählen will und merkt, dass er schreiben kann, ist dankbar für alle schönen Sätze, Gedanken, für seinen Humor und Erkenntnisse. Dieser Rausch bleibt jedoch nicht auf Dauer erhalten. Plötzlich ist man wieder im Warten gefangen, blättert mutlos weiter und will wieder den literarischen Höhepunkt erleben. Der lässt aber auf sich warten. Bis man wieder von Gefühlen überrollt wird und abwechselnd dem Ende entgegen kriecht und rast.

„Es musste auch noch Hoffnung geben, egal, wie hoffnungslos sie war.“ (374)

- Joshua Ferris hat einen Roman über einen Mann geschrieben, der nach dem Sinn des Lebens sucht und der sich ebenfalls nach einer Gemeinschaft sehnt.
- Es ist ein Buch über den Glauben und über sein Fehlen.

Mein fremdes Leben_Gott- “Mein fremdes Leben” erzählt darüber, wie die Online-Welt unser Leben beeinflusst.
- Es ist ein Buch, das uns zeigt, dass das Geld nicht glücklich macht und große Verzweiflung und viele Enttäuschungen zum Selbstmord führen können.
- Ja, ich habe Teile von „Mein fremdes Leben“ gemocht.
- Ja, ich habe mich sehr oft gewundert, warum ich das Buch überhaupt lese.
- Ja, ich fand die zahnärztlichen Aspekte sehr interessant und informativ, so dass ich das letzte Mal meinen Zahnarzt mit anderen Augen sah.
- Ja, ich mag den Humor von Ferris und viele seiner Dialoge.
- Nein, ich mag Paul O´Rourke nicht.
- Nein, ich kann keine definitive Leseempfehlung aussprechen.
- Ja, ich empfehle es, versucht es mit dem Buch! Es stand ja auf der Shortlist zum Man Booker Prize. Schlecht kann es also nicht sein.
- Und wer sich für die Geschichte der Juden interessiert, sollte das Buch auf jeden Fall in die Hand nehmen.
- Und derjenige, der ein Ulm ist. Der auf jeden Fall!

„Und am Ende sind wir alle tot.“ (144)

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[Gastrezension: Susanne] Robert Seethaler “Ein ganzes Leben”

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddTake it or leave it – könnte man diese Rezension zu Robert Seethalers “Ein ganzes Leben” betiteln. Konkret: Man kann dieses Buch lesen, man kann es aber auch lassen. Lauer geht’s eigentlich nimmer. Bedauerlicherweise ist es aber genau diese Lauheit, die während der gesamten Lektüre vorherrscht. Erzählt wird das Leben des österreichischen Bergbewohners Andreas Egger im letzten Jahrhundert von seiner Geburt bis zum Tod. Es ist ein einfaches Leben eines einfachen Mannes, der einfache Entscheidungen trifft und Schicksalsschläge einfach annimmt, um danach einfach weiterzuleben bis er schließlich stirbt, was auch keine komplizierte Sache ist. Passend dazu Seethalers Sprache: Klar, schnörkellos, handwerklich sauber und – sorry – einfach. Schnell wird deutlich, dass Seethaler das Einfache zum Programm erhoben hat. Das ist sein gutes Recht, und es mag Leser geben, genauer gesagt gibt es sie, die daran Gefallen finden. Mir ist es anders gegangen: Man merkt die Absicht, und ist verstimmt. Fad ist mir geworden beim Lesen, zu penetrant das ständige Bedachtsein weder inhaltlich noch sprachlich auch nur den Anflug von Aufregung aufkommen zu lassen, nicht wenn die geliebte Braut von einer Lawinen zu Tode gerissen wird, nicht wenn im russischen Kriegsgefangenenlager die Menschen wie die Fliegen sterben, nicht wenn Andreas Egger Zeuge wird, wie bei einem Unfall ein Arbeitskollege der Arm abgetrennt wird und so weiter und so weiter und so weiter. Mag sein, dass es diesen Menschenschlag tatsächlich gibt, allerdings waren mir selbst die schmalen 150-Seiten zu viel, um diese Aneinanderreihung von Stoizismus empfehlen zu können. Zumal Andreas Egger während seines über 70 Jahre währenden Lebens auch keinerlei Entwicklung durchläuft. Bescheiden, demütig, widerstandslos lebt er dieses “ganze Leben” – und keiner hätte ihn vermisst, wenn er es nicht getan hätte. Wie gesagt, auch ich hätte dieses Buch nicht vermisst, wenn ich es nicht gelesen hätte. So leid es mir tut, aber ich hätte gern mehr Fleisch am Knochen und gegen das eine oder andere Fettauge, das sich auf der Suppe blicken lässt, habe ich auch nichts einzuwenden. Diese Geschichte ist pure Schonkost. Sie belastet den Magen respektive das Gehirn nicht, aber Genuss – kulinarischer oder geistiger – sieht wahrlich anders aus.

Robert Seethaler, “Ein ganzes Leben”, Hanser Berlin, ISBN 3446246452

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“Die Eule Sili”

Den kunstanst!fter Verlag lernte ich in Frankfurt kennen. Die Verlagsmitarbeiter hatten auf der diesjährigen Buchmesse einen eleganten Stand aufgebaut, die Bücher wunderschön in Szene gesetzt. Ich setzte mich auf einen den einladenden Hocker hin und stöberte in den ausgelegten Büchern. Als Eulenliebhaberin stach mir natürlich zuerst das wunderschön gestaltete Bilderbuch “Die Eule Sili” von Verena Stegemann und Orlando Hoetzel ins Auge. Schon in Frankfurt verliebte ich mich in die Bergfederneule. Am liebsten hätte ich sie bereits an dem Tag nach Hause mitgenommen, um meiner Tochter eine Freude zu machen.

Die Eule SiliKurze Zeit später setzte ich mich mit meinem Mädchen auf Sofa und fing an, ihm die Geschichte von der Eule Sili vorzulesen. Wir tauchten in eine magische Welt ein, in der die Eule das Licht der Kerzen liebt. Leider geht ihr die letzte kleine Kerze aus und sie muss ohne das weiche, warme Licht frühstücken. Sie findet sich mit der Dunkelheit ab. Glücklicherweise naht der Advent und in den Häusern brennen wieder viele Kerzen auf. Die Eule Sili freut sich sehr und fliegt zwischen den strahlenden Häusern herum. Und als plötzlich alle Kerzen wieder erlöschen und die Adventskränze neben den Mülltonnen liegen, kann sie ihr Glück kaum fassen…

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© Orlando Hoetzel / kunstanstifter verlag

“Die Eule Sili” ist ein glücklich machendes Bilderbuch für Groß und Klein. Es erzählt eine nette Adventsgeschichte, die bei einem warmen Tee und Weihnachtsplätzchen in Kerzenschein vorgelesen werden möchte. Es ist ein schönes Geschenk, hochwertig ausgestattet. Die aussagekräftigen Illustrationen von Orlando Hoetzel eroberten schnell mein Herz und das Herz meiner Tochter. Nun lesen wir jeden Abend vor dem Einschlafen die Geschichte vor, meine Tochter beendet inzwischen mit ihrem kindlichen Stimmchen die Sätze, wir zählen die vielen Kerzen und haben viel Freude dabei.

Eule SiliDen kunstanst!fter Verlag werde ich auf jeden Fall im Auge behalten. Ich hoffe, er wird noch weitere Male mein Herz erobern.

“Die Eule Sili” von Verena Stegemann mit Illustrationen von Orlando Hoetzel, kunstanstifter Verlag, ISBN: 978-3-942795-25-8

Eule Sili_Kunstanstifter Verlag

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[Gastrezension: Susanne] Charlotte Link “Sechs Jahre – Der Abschied von meiner Schwester”

Sechs Jahre von Charlotte LinkDass die Geschichte nicht gut ausgehen wird, weiß man, noch bevor man das Buch aufschlägt. Franziska wird einen Kampf kämpfen, der sie am Ende das Leben kostet. Sie wird, streng genommen, eines so genannten “natürlichen Todes” sterben. Kein Mord, kein Totschlag, keine Intrige – Krebs heißt der Gegner, und doch scheint nichts so unnatürlich wie dieser Tod einer Frau Mitte Vierzig über den eine Frau berichtet, die ansonsten immer ihre Phantasie bemühen muss, um eine spannende Geschichte zu Papier zu bringen. Weil diese Schriftstellerin allerdings Charlotte Link heißt, die eben nicht nur eine der erfolgreichsten deutschen Krimi-Schriftstellerinnen ist, sondern auch die ältere Schwester jener besagten Franziska, hat sie dieses Stück wahre Leben (und Sterben) aufgeschrieben. Und dafür, dass sie – eine Könnerin in Sachen Handlungsaufbau, Spannungsbogen und Charakterdarstellung – sich darauf beschränkt, beinahe protokollhaft sachlich und unter Aussparung jeglicher dramaturgischer Finessen das Geschehen zu schildern, ist diese stille Frau sehr zu loben. “Sechs Jahre”, so der Titel des Buches, berichtet über die letzten Jahre von Charlotte Links Schwester, die damit wie im Untertitel zu lesen ist schreibend Abschied nimmt von dem vielleicht wichtigsten Menschen im Leben der Autorin.

Franziska ist 41 Jahre als sie als Mutter, Ehefrau und Journalistin mitten in einem ausgefüllten Leben stehend eine Diagnose bekommt, die ihr den Boden unter den Füßen wegzieht:  Als Behandlungsfolge eines 23 Jahre zurückliegenden Krebsleidens treten Metastasen in der Lunge auf und machen aus einer lebenslustigen Frau eine Kämpferin, die viele Torturen auf sich nimmt, um sich ihrem Schicksal nicht wehrlos zu ergeben. Immer an ihrer Seite: ihr Mann, ihre Kinder, ihre Eltern und eben ihre Schwester Charlotte. Auch für sie beginnt mit dieser Diagnose ein Leidensweg, der sie dazu verdammt, zumeist hilflos zusehen zu müssen, welche Qualen ihre Schwester erleiden muss, bis schließlich feststeht, dass trotz Chemo-, Strahlen- und vieler anderer Therapieversuche am Ende das Unfassbare steht, nämlich der Tod ihrer Lebensvertrauten, den sie erst ganz am Ende als Erlösung begreifen kann. Chronologisch schildert Charlotte Link die schier unmenschliche Odyssee aller Beteiligten. Ungezählte Krankenhausaufenthalte, falsche Diagnosen, immer wieder aufkeimende Hoffnungen gefolgt von bodenlosen Abstürzen, Verzweiflung, Trauer und vor allem maßlose Überforderungen prägen das Leben dieser Schicksalsgemeinschaft über sechs Jahre. Denn auch in den Zeiten scheinbaren Stillstands der Krankheit hängt unausweichlich immer das Damoklesschwert des Todes über der Patientin und ihren Angehörigen. Die Ruhe ist nur immer eine vor dem nächsten Sturm, und wenn dieser erst überstanden ist, wartet schon die nächste Erschütterung darauf, mit voller Wucht zuschlagen zu können.
Es ist Charlotte Links Verdienst, dass sie das alles schildert ohne in Pathos zu verfallen. Ihr gelingt das Kunststück gleichzeitig Chronistin und Beteiligte des Geschehens zu sein. Selbst wenn sie über ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre Wut und Verzweiflung berichtet, tut sie das quasi aus der Distanz und ist  doch zu jedem Zeitpunkt emotional in einer furchtbaren Ausnahmesituation. Links Beschreibungen einer Welt abseits und doch inmitten des normalen Alltags sind immer dann besonders eindringlich und erschütternd, wenn sie aufzeigt, welche Rolle Ärzte in einer solchen Situation spielen. Wie vernichtend es beispielsweise sein kann, wenn dem Patienten ein ums andere Mal jedweder Hoffnungsschimmer genommen wird, wenn niederschmetternde Diagnosen zwischen Tür und Angel gestellt und die Betroffenen dann damit allein gelassen werden. Aber auch von einfühlsamen Medizinern ist die Rede, die eine Stütze sein können, selbst wenn auch sie gegen den tödlichen Verlauf der Krankheit letztendlich machtlos sind.

Charlotte Link ist unbestritten eine gute Erfinderin und Erzählerin von Geschichten. Daneben ist sie jedoch auch eine Frau, die tapfer mit viel Liebe und Einsatz ihre Schwester auf all ihren schlimmen Wegen begleitet hat und nun, da Franziska tot ist, mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz zurecht kommen muss. Dass sie das unter anderem schreibend tut ist nur verständlich und auch dankenswert, denn – wer weiß – vielleicht ist Charlotte Links Geschichte denjenigen Trost und Hilfe, die ähnliches erlebt haben oder noch erleben müssen.

Charlotte Link, Sechs Jahre – Der Abschied von meiner Schwester, Blanvalet-Verlag, ISBN: 3764505214

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[Gastrezension: Petra] „Colt Seavers, Alf und ich“

Colt_SeaversBack in the Eighties oder „Woher kommen die Melodien in meinem Kopf … ?“

„20 Autoren über die wahren Helden unserer Jugend“, diese Aussage trifft der Ankerherz-Verlag über „Colt Seavers, Alf und ich“. Und ICH, Jahrgang 1971, gehöre glücklicherweise voll zur Zielgruppe (ich habe übrigens im Eigenversuch getestet, ob auch Jüngere diese Serien kennen – meistens recht erfolglos).

Da ich von Kind an ein großer Serienfreak bin – auch heute schaue ich mit großer Begeisterung Serien, neue, aber sehr gerne auch wieder die Klassiker auf RTL nitro – war dieses Buch für mich ein Muss. Der erste optische Eindruck war schon mal klasse: Sehr ansprechendes Titelbild, tolle Farbgebung, wirkt jung und frisch, das Buch liegt vom Papier und Einband „gut in der Hand“, auch im Innenteil gut aufbereitet, nicht überfrachtet, der Focus liegt auf den Texten, die Grafik unterstreicht diese perfekt. Gefällt mir gut und macht tierisch Lust aufs Lesen.

Ich habe die Texte nicht nach und nach gelesen, sondern blätterte erst mal zu meinen Lieblingsserien. Ich fing an … und katapultierte mich selbst sofort zurück in die achtziger Jahre. 2014 war passé, ich war wieder der Teenager, der erwartungsvoll auf die neueste Folgen von „Ein Colt für alle Fällle“, „Miami Vice“, „Hart aber herzlich“ oder „Mord ist ihr Hobby“ wartete. Übrigens meist gemeinsam mit meinen Eltern, die generationsübergreifend genauso drauf abfuhren wie ich. Komischer und sehr massiver Nebeneffekt beim Lesen war, dass sich innerhalb von Sekunden nach den ersten Worten sofort die Titelmelodie der jeweiligen Serie mit Nachdruck einen Weg in mein Gehirn bahnte. Keine Chance, dem zu entgehen. Ich gestehe, die allermeisten habe ich gedanklich textsicher mitgesungen. Ein weiterer Beweis dafür, wie sehr ich mit diesen Folgen verwachsen und aufgewachsen bin.

Ausnahmslos alle Texte sind sehr gut geschrieben, die Autoren verstehen ihr Handwerk. Großes Kino, äh Fernsehen!!! Alle lesen sich leicht und locker, sehr unterhaltsam und amüsant. Die einzelnen Kapitel bringen für mich für kurze Zeit wieder die relativ heile damalige Zeit zurück. Klar, es gab den ein oder anderen Toten in den Krimiserien, bisschen Verlust ist immer. Trotz allem waren die damaligen Produktionen bei weitem nicht so blutrünstig und psychologisch tiefgehend wie aktuelle. Das gefällt mir besonders. Ich brauche nach einem anstrengenden und fordernden Arbeitstag einfach auch ab und an etwas „für die Seele“, Protagonisten wie Jessica Fletcher oder Columbo, die einem sympathisch sind, zu denen man eine gewisse „Beziehung“ aufbauen kann und die mit Witz und Charme Verbrechen lösen.

Ich habe das wirklich tolle Buch in einem Rutsch durchgelesen und werde es sicher immer wieder mal zur Hand nehmen. Klare Empfehlung von mir. 4,5 von 5 Sternen. Danke an den Ankerherz-Verlag und an Bibliophilin für die Möglichkeit zur Rezension.

„Colt Seavers, Alf und ich“, Ankerherz-Verlag, diverse Autoren
Herausgeber: Philip Laubach-Kiani, Illustration: Henning Weskamp
14,99 Euro, 216 Seiten, Paperback, Erstveröffentlichung: April 2014

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Vielen Dank, liebe Petra, für Deine erste Gastrezension für Bibliophilin :-)

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Tom Rachman “Aufstieg und Fall großer Mächte”

Tom RachmanTom Rachman verströmt sehr viel Ruhe, wenn man ihn trifft. Sein Händedruck ist fest und warm, seine Stimme weich. Er sieht gut aus. Und er spaltet wohl die Leserschaft seiner Bücher.

Als ich vor vier Jahren “Die Unperfekten” gelesen hatte, war für mich klar, dass ich, egal was Rachman schreibt, es lesen werde. “Die Unperfekten” war großartig, was auch andere Leser bestätigen werden. Deswegen waren meine Erwartungen an seinen neuen Roman  groß. Leider konnte er sie nicht gänzlich erfüllen.

“Die Menschen behielten ihre Bücher, dachte Tooly, nicht, weil sie sie noch einmal lesen wollten, sondern weil die Bücher ihre Vergangenheit enthielten – die Struktur des eigenen Ichs an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit, ein Ausschnitt des eigenen Intellekts jeder Band, egal, ob man ihn geliebt oder verachtet hatte oder ob er auf Seite vierzig zum Einschlafen war. Man mochte im eigenen Kopf gefangen sein, doch verbrachte man sein Leben damit, aus diesem versperrten Raum ausbrechen zu wollen.” (484/485)

Mareike und Hauke hatten “Aufstieg und Fall großer Mächte” gelesen und ihren Rezensionen kann man entnehmen, dass ihnen Toolys Geschichte gefallen hatte. Ich war von der ersten Hälfte des Buches ebenfalls begeistert. Ich fand es großartig, wie Rachman seine Geschichte spinnt. Die Zeitsprünge forderten meine Aufmerksamkeit, ich hatte mich zwischen den Zeilen sehr wohl gefühlt und fieberte jedem neuen – skurillen – Abenteuer entgegen. Mit der Zeit kam jedoch bei mir während des Lesens gewisse Gereiztheit auf. Vieles war zu viel – zu viele Seiten, zu viele Sätze, ein Wirrwarr, das sich leider nicht entwirren ließ. Ich fand so unheimlich schade, dass der Autor mich irgendwo in Bangkok stehen ließ und nicht mehr abholte. Ich folgte Toolys Spuren dennoch bis zum Schluss, ich suchte sie zwischen den Seiten, um zu verstehen, was eigentlich in ihrem Leben passiert war. Letztendlich bin ich auch froh, den Roman gelesen zu haben, auch wenn er mich nicht gänzlich zufrieden stellen konnte. Ich weiß auch, dass ich Tom Rachman, sollte er wieder einen Roman veröffentlichen, eine weitere Chance geben werde. Ich werde aber ohne große Erwartungen an sein zukünftiges Werk gehen, denn es könnte passieren, dass sie nicht erfüllt werden. Ob ich Euch das Buch nun empfehlen würde? Ich erwähnte oben, dass der Roman die Leserschaft spaltet. Deswegen empfehle ich Euch nur so viel – lest auf jeden Fall rein. Vielleicht und hoffentlich gehört Ihr zu den Lesern, die begeistert sein werden. Vielleicht habt Ihr auch einfach Lust auf einen dicken Schmöker, der Euch ein bisschen träumen lässt, ein bisschen über Freundschaft und Liebe erzählt? Wenn Ihr nicht zu viel erwartet, werdet Ihr auch nicht enttäuscht. Ich würde dem Buch auf jeden Fall eine Chance geben.

Humphrey: “Bücher [...] sind wie Pile. Sieht man nicht hin, vermehren sie sich. Ihre Zahl wächst nach Regeln von Zinseszins: Ein Interesse führt zu nächstes Interesse, und das verbindet sich mit drittes Interesse. Und schwups, hast du nicht gesehen, hat man mehr Interesse als Platz im Schrank.” (407)

Aufstieg und Fall großer MaechteSusanne las ebenfalls den Roman und sie gehört zu den Lesern, die mit “Aufstieg und Fall großer Mächte” nicht warm geworden sind. Warum? Hier schreibt sie darüber:

Schade, schade, schade. Tom Rachman ist zweifellos ein Mann, der es versteht Geschichten zu erzählen, Stimmungen mit Worten zu malen und Menschen zu zeichnen, die man sehen, hören, riechen und schmecken kann. Rachman liebt die Worte und die Worte lieben ihn. Gleich zu Beginn des Romans gelingt es ihm ganz wunderbar, den kleinen, hoffnungslos überfüllten und chaotischen Buchladen aufleben zu lassen, der mitsamt seiner wenig geschäftstüchtigen, dafür aber umso bücherverliebten, sympathischen Inhaberin Tooly Zylberberg und ihrem Angestellten Fogg irgendwo in Wales genau das ist, was sein Name schon sagt, “World’s End”. Eine kleine Idylle, in der sich der Staub der alten Folianten mit dem Teedampf in den Pötten aufs einladendste vermischt. Ein perfekter Ausgangspunkt für eine Reise, die hier ihren Ausgang nehmen wird und auf die man sich gespannt einlässt. Was dann allerdings folgt, deckt mit zunehmendem Fortgang Rachmans Schwäche auf: Er mag ein Künstler des Wortes sein, ein Fachmann der Konstruktion ist er keinesfalls. Umständlich bis unverständlich breitet er Toolys Leben, das vor Absurditäten nur so strotzt, auf vielen Seiten aus und statt Klarheit zu schaffen, verwirrt er damit den Leser zusehends. Die in drei Dekaden unterteilte Geschichte des heimatlosen Mädchens, das wie ein Gummiball von einem Land ins nächste, von einer Beziehung zur nächsten geworfen wird, erschließt sich leider bis zum Schluss der Geschichte nicht. Da tauchen Menschen ebenso unversehens auf wie sie wieder verschwinden, Handlungsstränge werden aufgegriffen, die für den Fortgang des Romans komplett irrelevant sind und sich schließlich ein ums andere Mal im Nichts verlieren. Tooly macht sich auf die Suche nach ihrem eigenen Leben, nach dem eigenen Ich, doch bedauerlicherweise gelingt es dem Autor nicht, diese Suche plausibel zu gestalten. Sollte Tooly am Ende der Geschichte zu sich selbst gefunden haben, dann hat sie damit dem Leser einiges voraus.

Es gibt ja eine Theorie, die besagt, dass es bei Literatur nicht in erster Linie um einen guten Plot ginge (schließlich sei jede denkbare Geschichte bereits vielfach erzählt worden), sondern darum, dass der Autor mit seinen sprachlichen Mitteln diese Handlung so präsentiert, dass sie dem Leser einen emotionalen, intellektuellen oder auch nur vergnüglichen Gewinn verschafft. Mag sein, dass diese Ansicht seine Berechtigung hat, sicher ist aber auch, dass selbst die besten literarischen Mittel nicht ganz und gar über einen missglückten Handlungsverlauf hinwegtrösten können. Alles in allem kann ich niemandem raten, dieses Buch zu lesen, was aber nicht bedeutet, dass Tom Rachman nicht ein wirklich guter Autor sein kann, wenn es ihm gelingt, mehr Stringenz und Sinnhaftigkeit in die jeweilige Geschichte zu legen, die er erzählen will.

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Tom Rachman_AufstiegHabt Ihr “Aufstieg und Fall großer Mächte” gelesen? Habt Ihr darüber geschrieben? Dann schickt mir einen Link. Ich bin sehr gespannt, wie Euch das Buch gefallen hat.

Tom Rachman, “Aufstieg und Fall großer Mächte”, dtv, ISBN 3423280352

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Wydawnictwo Literackie: Szczepan Twardoch “Morfina”

Morphin_Szczepan Twardoch„Es ist wieder an der Zeit, dass ich mehr polnische Bücher lesen sollte“… Das dachte ich vor einigen Monaten, als ich in der Verlagsvorschau des Rowohlt Verlages den Spitzentitel „Morphin“ von Szczepan Twardoch entdeckt hatte, ein Buch, das inzwischen von Flattersatz ausführlich besprochen wurde.

Seitdem ich in Deutschland lebe, zehn Jahre sind es inzwischen, lese ich kaum auf Polnisch. Die deutsche Sprache ist mir vertrauter geworden, ich kann meine Gedanken besser auf Deutsch formulieren, dennoch greife ich immer wieder zu polnischen Texten. Joanna Bator, Olga Tokarczuk, Wojciech Kuczok, Andrzej Stasiuk, die auch hierzulande ihre Leser finden, schätze ich sehr. Bator, Kuczok, Stasiuk, deren Bücher in der deutschen Übersetzung im Suhrkamp Verlag erscheinen, las ich auf Deutsch. Nein, stimmt gar nicht. Ich hatte die Bücher auf Deutsch angelesen und stellte schnell fest, dass sie zwar gut übersetzt und an die deutsche Sprache angepasst wurden, das polnische Flair allerdings fehlte mir stets. Als ich dann zu Olga Tokarczuk griff und die Übersetzung mit dem Original verglich, wusste ich, dass ich doch die polnischen Autoren im Original lesen will.

Morfina_Szczepan TwardochSzczepan Twardochs Roman „Morphin“ (“Morfina“) las ich zeitlang parallel auf Polnisch und auf Deutsch. Schnell stellte ich fest, dass es sich hier zwar um eine gute Übersetzung handelt, glücklich war ich aber nicht wirklich mit ihr. Vieles, was, meiner Meinung nach, die Geschichte durch die sprachliche Feinheiten ausmacht, konnte nicht wiedergegeben werden. Die polnische Sprache zeichnet sich durch ihre Härte und Schärfe aus, gleichzeitig kann sie unheimlich zärtlich und poetisch sein, dann wiederum brutal und eklig. Szczepan Twardoch hat in seinem Roman die Atmosphäre der damaligen Zeit unglaublich gut und bildhaft eingefangen. Ihm ist ein großartiger Roman gelungen. Mit seinen Worten hat er ein Bild gezeichnet, das mich schockiert und bewegt hat. Er hat mir auch gezeigt, dass ich die polnischen Autoren unbedingt im Original lesen möchte, weil sie wirklich gute Literatur schreiben.

Eine kleine Anmerkung: das polnische Cover finde ich gelungener als das Deutsche. Zwar verstehe ich die deutsche Gestaltung und finde sie “nicht schlecht”, das polnische Cover ist jedoch aussagekräftiger und verströmt die Angst und den Wahnsinn, die auch zwischen den Zeilen, zwischen den Seiten stets präsent sind.

Wydawnictwo Literackie, polnischer Verlag, der namenhafte, zeitgenössische Autoren unter Vertrag hat, gehört für mich stets zu den ersten Anlaufstellen, wenn ich nach neuen Büchern suche. Ich habe inzwischen nicht viel Kontakt mit der polnischen Sprache, sehr selten. Die Bücher helfen mir immer, meine Muttersprache nicht zu vergessen. Deswegen freue ich mich sehr, dass neue Romane von Olga Tokarczuk und von Szczepan Twardoch erscheinen. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, möchte ich sie ebenfalls lesen und in die polnische Welt eintauchen, die mir inzwischen leider fremd geworden ist. Da ich jedoch meine Wurzeln und die polnische Sprache nicht vergessen möchte, greife ich gerne zur polnischen Literatur. Denn die Literatur ist ein fester Bestandteil meines Lebens. So wie inzwischen Wydawnictwo Literackie.

Vielleicht komme ich auch mal dazu, auf Polnisch zu schreiben. Im Moment beschränke ich mich jedoch auf das Lesen. Polnische Bücher kann ich Euch trotzdem empfehlen ;-) Vor allem auch diejenigen, die übersetzt wurden, damit auch Ihr polnische Autoren kennen lernt. Es lohnt sich.

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