[Gastrezension: Susanne] Saskia Jungnikl “Papa hat sich erschossen”

Papa hat sich erschossenSaskia Jungnikl ist eine Frau der klaren Worte. Soweit so gut. Nicht minder gut ist allerdings, dass Saskia Jungnikl zudem eine Frau der klaren Gedanken ist. Der Titel ihres Buches “Papa hat sich erschossen” könnte also gar nicht besser gewählt sein. In seiner Klarheit entspricht er der Autorin, ihrem Stil und ihrem analytischen Denken. Wie gut dieser Blick gerade dann tut, wenn das Thema eines ist, das nur so überquillt vor Emotionen, weiß jeder, der schon einmal die blumige Variante der schriftstellerischen Darstellung eines so harten Ereignisses wie es eine Suizid nun einmal zwangsläufig ist, gelesen hat. Jungnikls Buch über ihren Vater, der sich am 6. Juli 2008 “unter unseren alten großen Nussbaum” gelegt, vielleicht “noch einmal tief eingeatmet” und sich dann “in den Hinterkopf” geschossen hat, ist ein Tatsachenbericht. Kein Roman, keine Erzählung, sondern Non-Fiction. Das, was hier in einfachen, manchmal gnadenlos einfachen Sätzen beschrieben wird, ist das, was die Autorin im Alter von 27 Jahren selbst erlebt hat. Es geht um Fakten, wobei das nicht bedeutet, dass Gefühle dabei keine Rolle spielen, denn auch der Schmerz, die Trauer, die Wut, die Sehnsucht, die Angst und die Schuldgefühle sind Tatsachen, von denen Saskia Jungnikl schreibt. Ihr oberstes Verdienst dabei ist, dass sie es sich nicht erlaubt, weinerlich zu werden, obwohl ihr natürlich danach war, als sie wieder eingetaucht ist in die Welt von damals, als sie aus den Fugen geraten war für sie selbst und ihre Familie. Die Selbsttötung des Vaters an sich ist so monströs, dass sprachliche Ausschmückungen sich sozusagen verbieten – und Saskia Jungnikl hält sich in jedem Satz an diese Prämisse. Eindringlicher und näher könnte sie dem Leser auch nicht vor Augen führen, welches Ausmaß diese Katastrophe gezeitigt hat. Dabei geht es einerseits um den Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen, die überwältigenden Schmerzen zu überstehen und andererseits weiterzuleben nicht ohne diese Schmerzen, sondern trotzdem. Immer mit dabei ist die Frage nach dem “Warum”  und die nach der Schuld. Es dauert lange, bis Saskia Jungnikl sich mit beidem so arrangieren kann, dass sie die Verzweiflung bezwingen und ein neues Leben für sich finden kann. “Papa hat sich erschossen” ist ein Buch über eines der intimsten Geschehnisse, die ein Mensch erleben kann. Nur weniges dürfte schwerer zu beschreiben sein – Saskia Jungnikl ist es gelungen, dafür gebührt ihr großer Respekt.

Saskia Jungnikl, “Papa hat sich erschossen”, Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-03072-9

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[Gastrezension: Petra] “Meine Trauer traut sich was!” von Andrea Riedinger

Meine Trauer traut sich was“Meine Trauer traut sich was!” von Andrea Riedinger
adeo Verlag

Klappentext:
Wege aus der Trauerspirale. Ein Schicksalsschlag trifft hart und lässt viele Betroffene einsam und traurig zurück. Auch Andrea Riedinger musste diese bittere Erfahrung machen. Ihr Mann starb im Alter von 35 Jahren an einem Hirntumor. Zur Zeit der Diagnose war sie schwanger und verlor das Kind. Drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes erkrankt sie selbst schwer – auch an Krebs. Doch Andrea Riedinger ließ sich nicht entmutigen und steht heute wieder voll im Leben. Sie hat gelernt, dass nur Offenheit im Umgang mit Gefühlen und Ängsten zu neuem Lebensmut führt. Und dass die Verweigerung der Realität die Situation noch zusätzlich verschlimmert. Ihr Buch weist den Weg aus der Trauerspirale und zeigt, wie wir nach einem Schicksalsschlag wieder Mut zum Leben fassen und sogar gestärkt daraus hervorgehen können.

Meine Meinung:
Als Dorota in ihrem Blog einen Gast-Rezensenten für dieses Buch suchte, habe ich erst einmal schwer geschluckt angesichts der Thematik. Ich bin selbst 2011 an Schilddrüsenkrebs erkrankt und kann nachvollziehen, wie furchtbar und schnell diese Krankheit sein eigenes Leben und das der Angehörigen verändern kann. Da ich aber immer schon ein mutiger, realistischer und offener Mensch war, habe ich mich ganz bewusst der Erfahrung, dieses Buch zu lesen und zu rezensieren, gestellt. Andrea Riedingers Geschichte ist bitter – wie die so vieler Menschen, die ihnen nahe stehende Personen an den Krebs verlieren. Es war bedrückend zu lesen, wie schnell ihr Mann abbaute, wie Hoffnungen zerstört wurden, wie die beiden sich gemeinsam an das Leben klammerten. “Diese Frau traut sich was”, dachte ich, als ich las, wie Andrea Riedinger nach dem Tod ihres Mannes wieder auf die Beine kam. Sie stellte sich der Realität – und zwar in einem Maße, das mich selbst an einigen Stellen verwunderte bzw. erschreckte. Ich möchte das nicht falsch verstanden wissen, ich kreide ihr ihren Umgang mit der Trauer und dem Leid in keinster Weise an – nein, ich bewundere ihn eher. Nur ist jeder Mensch unterschiedlich, ich glaube, ich persönlich könnte nicht so wie sie damit umgehen. Mir erschien das ab und an schon fast zu rational und abgeklärt. Vielleicht “half” ihr in dieser Zeit auch die Verantwortung für ihre kleine Tochter, für sie musste sie stark sein, für sie musste das Leben auch ohne Vater irgendwie weitergehen. Ich denke schon, dass es einen solchen Weg “erleichtern” kann, wenn man für jemand anderen stark sein muss und sich nicht “hängen lassen” kann. Ich finde es toll, wie die Autorin ihr Leben und das ihres Kindes in die Hand genommen hat. Sie hat die Trauer erst zugelassen, dann aktiv verarbeitet und dann den Schritt in die Zukunft gewagt. Dafür meinen tiefsten Respekt. Selbst als das Schicksal erneut zuschlug und Andrea Riedinger selbst an Hautkrebs erkrankte, blieb sie ihren Überzeugungen und Prinzipien treu und kämpfte. Ich glaube, dies ist auch ihrer positiven Grundeinstellung und ihrem Optimismus zu verdanken. Ich glaube, dass so etwas eine Krankheit beeinflussen kann – ich selbst halte es genauso.

“Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren”. Bertold Brecht

Es war für mich ein Gewinn, dieses Buch zu lesen, trotz oder gerade weil ich selbst betroffen bin. Andrea Riedinger hat mich zum Nach- und teilweise Umdenken gebracht … Wir sind nicht immer einer Meinung, müssen wir auch nicht, dafür ist dieses Thema zu komplex, emotional und subjektiv. Ich denke aber, dass Betroffene und Angehörige in diesem “Mutmachbuch” einige Hilfestellungen und Ansätze finden können, wie man mit diesem Thema umgehen kann. Den eigenen Weg muss jeder für sich finden.

PS: Auf dem Klappentext wird erwähnt, dass Andrea Riedinger zurzeit der Diagnose ihres Mannes schwanger war und das Kind verloren hat. Diesen Passus habe ich im Buch selbst nicht gefunden.

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[Gastrezension: Susanne] Michael Köhlmeier “Zwei Herren am Strand”

Köhlmeier_978-3-446-24603-4_MR1.inddHätte ich “Zwei Herren am Strand” nach der Hälfte, und vielleicht sogar noch nach Zwei Dritteln des Buches geschrieben, wäre es eine rundum positive Beurteilung des Romans von Michael Köhlmeier geworden. Zuallererst hätte ich natürlich seinen ungewöhnlichen Einfall gelobt, zwei historische Figuren miteinander nicht nur am Strand, sondern in allerlei anderen Lebenssituationen zu beschreiben. Hätte meine Freude darüber ausgedrückt, wie lebendig die beiden Männer in Köhlmeiers Kosmos agieren und kommunizieren, ganz so als hätte sich das, was der Autor erzählt, tatsächlich so und nicht anders ereignet. Der schwitzende Churchill, der sich mit Staffelei, Farbe und Pinsel den mühsamen Weg hinaufkämpft, um dem staunenden Chaplin den Ort zu zeigen, wo er malend seine Depressionen niederringt, hätte als eines von vielen eindrücklichen Beispielen für phantastische, phantasievolle Fabulierkunst gestanden. Oder Chaplins Methode den “schwarzen Hund” (so nennen die beiden Männer das, was sie in unregelmäßigen Abständen überfällt und manchmal für Tage die ganze Lebenslust nimmt) dazu zu bringen, den Schwanz einzuziehen und sich von dannen zu trollen: Nackt auf einem riesengroßen Stück Papier liegend müsse man, so der Komiker, in Spiralen sich drehend einen Brief an sich selbst schreiben. Die “Methode des Clowns” nennt Chaplin diese Art gegen die Schwermut anzugehen, die er seinem Leidensgenossen Churchill wärmstens ans ebenfalls häufig so dunkelschwarze Herz legt. Ein feines Wechselspiel, das der Autor da ersonnen hat und das den Leser die anfangs so häufig wie sinnlos gestellte Frage vergessen lässt, was von alldem denn nun der Wirklichkeit entspricht und was ausschließlich in Köhlmeiers Kopf ersonnen worden ist.

Herauszustellen wären zudem die Gesprächsinhalte der beiden Strandläufer, die um den Sinn, den Kampf und das Glück des Lebens kreisen. Philosophisch bis komisch werden da die fundamentalen Fragen des Daseins verhandelt, während quasi im Hintergrund das Weltgeschehen vom allergefährlichsten schwarzen Hund namens Adolf Hitler in seinen Grundfesten erschüttert wird. Beide Männer kämpfen also an zwei Fronten, einerseits müssen sie viel Kraft und Kreativität aufwenden, um sich selbst im Leben zu halten, während sie andererseits – jeder mit seinen Mitteln – versuchen, das große Ganze vor dem Untergang zu bewahren. Michael Köhlmeier ist, das kann und muss mit Fug und Recht behauptet werden, ein ganz außerordentlicher Erzähler. Spannende Szenarien werden von ihm sprachlich meisterhaft zum Leben erweckt, so dass es eine wahre Freude ist, ihm und seinen Hirngespinsten zu folgen. Leider – und das ist nun der Wermutstropfen – übernimmt er sich am Ende seiner Geschichte. So viel hat er über seine beiden Protagonisten recherchiert, so sehr ist er in deren Sein und Schein eingetaucht, dass er nun, da die eigentliche Handlung fertig erzählt werden muss, noch schnell alles unterbringen möchte, was es seiner Meinung nach an Wissenswertem über die beiden historischen Zeitgenossen zu sagen gibt. Das ist schade, weil Köhlmeier damit das Terrain verlässt, das er so wunderbar beherrscht, nämlich die Erzählkunst und damit den Leser mit Fakten zu langweilen beginnt, die völlig entbehrlich gewesen wären. Lesen lohnt sich trotzdem, weil die Freude daran den kleinen Verdruss am Ende bei weitem überwiegt.

Michael Köhlmeier, “Zwei Herren am Strand”, Hanser, ISBN: 978-3-446-24603-4

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Danke für Deine Bücher, lieber Diogenes Verlag

Der Diogenes Verlag hat mich noch nie enttäuscht. Jedes Buch aus dem Verlag, zu dem ich greife, ist besonders. Zwischen den Buchdeckeln eröffnen sich mir Welten, in die ich gerne eintauche. Die Protagonisten wachsen mir ans Herz, die Geschichten berühren mich. Ich habe noch nie ein Buch aus dem Schweizer Verlag abgebrochen. Das bedeutet für mich, dass der Diogenes Verlag ein gutes Zuhause für wunderbare Schriftsteller darstellt.

Bereits vor einiger Zeit habe ich die nachfolgenden Bücher gelesen, trotzdem möchte ich Sie nicht unerwähnt belassen. Es ist Dezember, die ganze Welt sucht nach Weihnachtsgeschenken. Und wer Bücher verschenken möchte, dem kann ich nur raten, die schönen weißen Schätze aus dem Diogenes zu kaufen.

Die LiegendenAls ich im Sommer das Vorschaupaket aus dem Diogenes Verlag ausgepackt habe, sind mir “Die Liegenden” dank des Covers als erstes ins Auge gesprungen. Neugierig las ich rein, um zu erfahren, wen Michele Serra “Die Liegenden” nennt. Schnell fand ich mich in einer amüsanten und doch so wahren Geschichte wieder. Und ich wünsche mir, dass viele diesen schmalen Roman lesen. “Die Liegenden” ist sehr unterhaltsam. Es ist eine Komödie, bei der viel und laut gelacht wird. Ein Ratgeber, der den Eltern erklärt, wie ihre jugendlichen Kinder ticken. Ein Spiegel des eigenen Verhaltens. Ein Roman im Roman. Und der Versuch ein Zukunftsszenario zu entwickeln, das wachrüttelt.

Geschichte von BlueIst Solomonica de Winter wirklich erst 16? Als ich mit ihrem Buch “Die Geschichte von Blue” angefangen hatte, war ich sprachlos. Dieses Buch hatte sofort mein Herz erobert. Ich war begeistert! Auch wenn de Winters Eltern (Jessica Durlacher und Leon de Winter) ebenfalls Schriftsteller sind, schafft sie es, ihren eigenen Stil zu entwickeln. Man merkt der Geschichte nicht an, dass sie von einer so jungen Autorin geschrieben wurde. Die Welt, die Solomonica kreiert, ihre Liebe zu Büchern, die zwischen den Zeilen stets präsent ist, aber auch die stumme Wut der Protagonistin, das alles beschreibt de Winter auf eine frische Art, die mich sofort begeistert hatte.

The Drop_Bargeld_LehaneAls ich auf der Buchmesse in Frankfurt war und den Diogenes-Stand besuchte, fiel mir beim Stöbern der neue Roman von Dennis Lehane in die Hand. Nachdem ich “In der Nacht” so wahnsinnig spannend und gut fand, wollte ich “The Drop” gerne lesen. Ich wurde nicht enttäuscht. Auch wenn man zwischen den zwei Büchern große Unterschiede merkt. Ich hatte bei “The Drop” stets das Gefühl, ein Drehbuch zu lesen. Die Sätze sind oft knapp und prägnant, der Text ist insgesamt nicht so komplex wie “In der Nacht”. Die Spannung schleicht sich langsam heran und zieht den Leser in die Geschichte hinein, um ihn am Ende zu überraschen. Das Buch funktioniert sehr gut und ich bin sehr auf den Film gespannt. Es ist lieder der letzte mit dem grandiosen Schauspieler James Gandolfini.

MomentIch selbst werde auf jeden Fall einen lieben Freund mit “Moment!” aus dem geschätzten Diogenes Verlag überraschen und hoffe, er wird genauso viel Freude damit haben wie ich.

* * *

Habt Ihr schon alle Weihnachtsgeschenke? Verschenkt Ihr Bücher? Wenn ja, welche? Wenn nein, warum nicht?

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[Gastrezension: Susanne] Patrick Modiano “Gräser der Nacht”

Modiano_24721_MR.inddLiteraturnobelpreis – dagegen lässt sich schwer anschreiben. Höhere Weihen lassen sich kaum denken. Ein dickes Brett also, das man da bohren muss, wenn man als kleiner 0815-Leser anderes zu sagen hat als Lob und Bewunderung. Andererseits auch ein unbedeutender Leser ist einer und darf eine Meinung haben, die nicht die sein muss, die ein hochkarätiges Komitee dazu veranlasst hat, die bedeutendste Auszeichnung auf dem Gebiet der Literatur zu vergeben. Und um es gleich klarzustellen: Ich habe nie zuvor ein Buch von Patrick Modiano gelesen, alles, was ich über ihn weiß, habe ich im Zusammenhang mit der Verleihung des Literaturnobelpreises erfahren. Hier spricht also kein Kenner der Materie, kein Connaisseur der französischen Literatur im allgemeinen und des französischen Autors im besonderen. Nein, es war einfach Neugier, die mich “Gräser der Nacht” zur Hand hat nehmen lassen und, ich gestehe, natürlich auch die Hoffnung auf ein feines weil prämiertes Stück Lesefutter. Am Ende des Romans muss ich allerdings einräumen, dass ich nicht satt geworden bin. “Gräser der Nacht” ist ein Erinnerungsbuch. Der Ich-Erzähler erinnert sich an eine Zeitspanne seines Lebens Mitte der 60-er Jahre in Paris, an eine Liebe, an seltsame Gestalten und an einen Mord. Langsam umzingelt er dabei die Geschehnisse von damals, erzeugt Spannung mit Hilfe von Andeutungen. Ein Nebelschwaden-Gemälde entsteht, sehr filigran gezeichnet, beinahe hingehaucht.  Die Sprache ist kunstvoll, fein ziseliert und über einen längeren Zeitraum genossen, doch eher sedierend als aktivierend. Da gleichzeitig auch die Handlung kein wirkliches Fortkommen erfährt – alles bleibt gewollt geheimnisvoll, von den vermeintlichen Schurken über die angebetete Geliebte bis hin zum immer wieder eingestreuten Mordfall – , wird die Lektüre zunehmend zu einem Geduldsspiel. Apropos Geduld: Die muss auch jeder Nicht-Paris-Liebhaber mitbringen, denn ohne genaue Kenntnis des hiesigen Stadtplans ist man ziemlich verloren. Straßen, Plätze, Cafés, Metrostationen  nehmen einen derart breiten Raum in dem ansonsten schmalen Büchlein ein, dass es für Paris-Unerfahrene zur Tortur wird, wenn der Erzähler seitenweise die Spaziergänge der Protagonisten beschreibt, die vermutlich nur für den lebendig werden, der quasi seine eigene Google-Map der französischen Hauptstadt auf seiner inneren Festplatte gespeichert hat. Mir sind, das muss ich gestehen, die Kriterien für die Vergabe des Literaturnobelpreises nicht bekannt. Vermutlich sind es deutlich andere als die, die ich an einen Roman anlege, von dem ich am Ende sagen kann: “Den muss man gelesen haben!”. “Gräser der Nacht” (ich frage mich gerade, was der Titel zu bedeuten hat) gehört jedenfalls nicht dazu.

Patrick Modiano, “Gräser der Nacht”, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-24721-5

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[Gastrezension: Sabine] Eve Silver „JUMP: Das Spiel“

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Verlag: FISCHER FJB
ISBN: 978-3841421586

Die Autorin lebt zusammen mit ihrem Ehemann und ihren Söhnen in Kanada, oft auch in den Welten, die sie erträumt. Alle in ihrer Familie lieben Videospiele. Eve Silver mag außerdem Kajakfahren und Sonnenschein, Hunde und Nachtisch und Bücher, Bücher, Bücher.

(Quelle: Verlag)

Inhalt:

Miki wird in einen Unfall verwickelt, bei dem sie eigentlich sterben müsste. Doch sie erwacht. Befindet sich allerdings an einem Ort, den sie nicht kennt und wo etliche Personen um sie rum sich äußerst merkwürdig verhalten und auch sehr komisch reden. Man erklärt ihr, dass dieser Ort „Lobby“ heißt und sie eine Chance bekommen hat, sich bei Missionen zu beweisen. Dafür hat sie ihr Leben zurück bekommen…

Zunächst hält Miki das alles für einen schlechten Scherz oder einen Traum und wartet darauf, zu erwachen, oder dass einer ihrer Freunde ihr sagt, es ist vorbei und alles lacht. Doch dieser Moment kommt nicht. Im Gegenteil. Ein Schulfreund von ihr befindet sich ebenfalls in dieser Mission und ein weiterer Junge, der geheimnisvolle, aber nicht minder interessante Jackson, der offenbar so etwas wie der Anführer ihrer Missionsgruppe ist, kommt Miki sehr nah. Genau wie die Gefahr. Das erkennt Miki, als sie dem Ziel dieser Mission nahe kommen und ihr ohne Einführung erklärt wird, dass sie Wesen töten soll, die sonst sie töten. Erbarmungslos. Ohne Gnade. Schmerzhaft.

Und Jackson… der seine Sonnenbrille nie abnimmt. Der ihr erklärt, man solle zwar im Team arbeiten, aber trotzdem egoistisch handeln. Der allerdings sie schützt, als es hart auf hart kommt. Welches Geheimnis verbirgt sich hinter den Gläsern seiner Sonnenbrille…

Fragen über Fragen türmen sich auf und Miki bohrt und fragt, obwohl sie es nicht sollte. Denn über allem schwebt eine andere Macht, die alles steuert, die alles in der Hand hat. Und es gibt eine letzte große Frage: Kann Miki diesem ganzen Grauen, diesem Töten entkommen, ohne selbst das Leben zu verlieren? Und kann sie andere mitnehmen?

Meine Meinung:

Gemischte Gefühle

Wieder einmal durfte ich für Bibliophilin als Gastrezensentin ein vermeintlich tolles Jugendbuch lesen. Zumindest freute ich mich vorher sehr darauf, die Beschreibung klang spannend und da ich eigentlich zumindest im Filmbereich sehr Science Fiction mag, wollte ich mich hier auch darauf einlassen. Und um es gleich vorweg zu nehmen, ganz so begeistert war ich am Ende dann nicht. Aber es war jetzt auch kein totaler Reinfall!

Der Beginn war sehr rasant, man lernt die Hauptfigur gut kennen und begibt sich an ihrer Seite auch gern auf diesen Irrsinnstrip. Klar ist auch, dass Teenager-Freunde an ihrer Seite auftauchen, dass es die vermeintlich beste Freundin gibt, die so ganz anders ist, als die „Heldin“ und die dennoch ihre Zeit mit ihr verbringt. Und dann wären da die männlichen Parts. Ein alter Freund, den die Hauptfigur auf einmal mit ganz anderen Augen sieht. Und dann kommt noch der geheimnisvolle, hochinteressante, aber gefährlich erscheinende Junge, zu den es die Hauptfigur hinzieht. Man weiß eigentlich schon ziemlich schnell, in welche Richtung das gehen soll, ohne Einzelheiten der individuellen Story zu kennen. Aber auch das ist nicht schlimm. Manchmal will man ja auch wirklich genau das.

Es werden Aliens ins Geschehen geworfen, schön nach Klischee erschaffen, böse, nahezu unbesiegbar eigentlich, aber mit Tricks dennoch zur Strecke zu bringen. Auch keine wirkliche Neuerung, aber eben auch nicht allzu schlimm. Nur verursachten allzu viele altbewährte Muster zwischendurch ein wenig Langeweile. Es gab spannungsgeladene Szenen, die ich persönlich mit offenem Mund gelesen habe und dachte oh mein Gott, wenn das so weiter geht, bekomme ich einen Herzkasper… und dann stürzte die Spannung in sich zusammen. Es plätscherte leicht vor sich hin. Ja, es wurde auch mal etwas unlogisch und wie gerade angedeutet: langweilig.

Ich habe dann zum Ende hin wirklich nur noch darauf gewartet, dass es endete und war dann eigentlich auch zufrieden, als das Ende sehr schnell kam. Klar, dass es einen so entlässt, dass man eventuell doch zum 2. Band greifen wird. Ich allerdings nicht.

Fazit:

Es ist ein solider Jugendroman, mit voraussehbarem Verlauf, Science Fiction-Elementen wie Aliens und einem von einer höheren Macht gesteuerten Spiel auf Leben und Tod, aber nichts, was mir schlaflose Nächte bereitet hat oder gar nach einem „Add-On“ schreit. Für die kurzweilige Unterhaltung gibt es deswegen von mir:

4 von 5 Nilpferden

Danke an Bibliophilin und Fischer FJB für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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“Die Falle” von Robert Gernhardt

167131_Gernhardt,Falle,Weihnacht_wei+ƒ_webAls ich am Samstag in meiner Buchhandlung vor einer Auslage mit Adventskalendern stand und viele verschiedene in den Händen hielt, wusste ich, dass auch ich dieses Jahr einen Adventskalender haben möchte. Vor Jahren las ich mit meinem Mann zusammen „Das Weihnachtsgeheimnis“ von Jostein Gaarder und es war sehr schön, jeden Tag sich ein bisschen Zeit zu nehmen, um gemeinsam zu lesen, vorzulesen, ein bisschen nachdenken, sich in Ruhe hinsetzen oder hinlegen, abschalten und den Alltag vergessen. Auch dieses Jahr möchte ich gerne diese Zeit mit meinem Mann genießen, wenn unsere Tochter im Bett ist. Die freie Zeit, die uns nach einem anstrengenden Tag zur Verfügung steht, ist knapp bemessen, deswegen dürfen die Geschichten, die wir uns vorlesen wollen, nicht zu lang sein. Es darf dieses Jahr aber auch nicht zu spirituell sein. Am liebsten wäre uns etwas, wobei wir lachen können. Was eignet sich besser also als eine satirische Geschichte von Robert Gernhardt? Nichts.

An dieser Stelle möchte ich mich bei der edition Büchergilde bedanken, dass der Verlag „Die Falle“ von Robert Gernhardt in der fantastischen “Collection Büchergilde” herausgebracht hatte. Denn Ihr wisst, dass ich schöne Bücher gerne in Hand nehme. Ich freue mich am meisten, wenn ein Buch nicht nur meine literarischen Ansprüche befriedigt, sondern auch mein Auge.

Die Geschichte ist in der japanischen Bindung erschienen. Dank dieser Bindung lässt sich „Die Falle“ wie ein Adventskalenderbuch lesen.

+20€Jeden Tag trennt man zwei Seiten auf, um zu erfahren, was die Geschichte für den Leser bereit hält. Heute empfehle ich Euch ein Buch, das ich noch gar nicht gelesen habe, obwohl ich gestehe, dass ich bereits das erste Türchen aufgemacht habe – die ersten Seiten aufgetrennt habe. Ich wollte unbedingt reinschnuppern. Dafür schaute ich mir ausgiebig die aussagekräftigen Illustrationen von Cynthia Kittler an, die wunderbare Unterhaltung versprechen.

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© Cynthia Kittler/Edition Büchergilde

Ich freue mich schon sehr, ab dem 1. Dezember jeden Tag mit meinem Mann das Buch in die Hand zu nehmen und in diese Weihnachtsgeschichte einzutauchen. Ich habe schon oft dank der Illustrationen lachen können und freue mich sehr auf weitere entspannte Momente.

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© Cynthia Kittler/Edition Büchergilde

Wenn Ihr ebenfalls nach einer schönen Alternative zu einem Schokoladen- oder Teekalender sucht, schaut Euch unbedingt „Die Falle“ von Robert Gernhardt an. Das Buch eignet sich außerdem wunderbar zu verschenken ;-)

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“Die Falle” von Robert Gernhardt, edition Büchergilde, ISBN: 978-3-86406-043-4 

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Habt Ihr auch Adventskalender? Wie sehen Sie aus?

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[Gastrezension: Susanne] Wolfgang Herrndorf “Arbeit und Struktur”

Arbeit und StrukturIm Grunde genommen würde ein Wort genügen: Lesen. Um sicher zu gehen, könnte man noch ein Satzzeichen anfügen: Lesen! Und dann gäbe es da noch die Möglichkeit, Versalien einzusetzen: L E S E N ! Unterstreichen könnte man es, signalrot einfärben, Endlosschleife – wenn es nützen würde, ich würde alles das tun. Wenn ich hoffen könnte, auf diese Weise nur einen, oder zwei, drei… Leser für dieses Buch zu gewinnen, ich würde eine Werbekampagne starten mit allen fairen und auch den weniger fairen Mitteln, um dich, ja DICH, dazu zu bewegen, dieses Buch in die Hand zu nehmen. Denn hättest du es erst einmal in der Hand – großes Indianerehrenwort – du würdest es nicht mehr weglegen. Ehrlich gesagt, das einzige, wirklich das allerallereinzige, was mich an diesem Buch stört, das ist sein Titel. “Arbeit und Struktur”. Nicht eben sexy, nicht wahr? Inhaltlich zwar korrekt, hat er leider so etwas fürchterlich dröges. Wer springt schon im Viereck und schreit: “Juhu, endlich mal was über Arbeit, endlich mal was über Struktur!” Hinzukommt, dass der Autor des Buches vermutlich immer und für alle Zeiten, sehr zu seinem eigenen Verdruss, nicht gedacht werden kann ohne “Gehirntumor” und “Selbstmord”. Und ja, dieser zum Buch gewordene Blog dieses sehr kranken, mittlerweile seit einem Jahr toten Mannes, handelt natürlich auch von eben diesen Dingen. Die Sache ist aber die, dass das derart intelligent, originell, humorvoll und unaufgeregt geschieht (Herrndorf selbst würde mich steinigen für diesen Tsunami an Adjektiven), dass es eben eine Wucht ist. Nennt mich pietätlos, schimpft mich unsensibel, aber ich kann nicht anders, ich muss gestehen, dass Hermsdorfs Auseinandersetzung mit diesen wenig schönen Vorkommnissen seines Lebens, mich auch sehr gut unterhalten hat. Lakonie, dein Name ist WH. Für mich ist er ein ganz Großer seit ich die knapp 450 Seiten, die er während seiner Krankheit geschrieben hat, gelesen habe. Vorbild ist so ein dickes, pathostriefendes Wort, das ich lieber nicht benutze. Deswegen eine Liga darunter: Gern würde ich mir von diesem Mann ein, zwei, drei Scheiben abschneiden, wenn es darum geht, ein Todesurteil nicht zu bejammern, sondern daraus Kraft zu schöpfen, die noch verbleibende Zeit, sinnvoll zu nutzen. In Herrndorfs Fall war die Antwort glasklar: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Man kann ihm und seiner Power nicht genug danken, denn die Produkte diese Arbeit (“Tschik”, “Sand” , “Arbeit und Struktur” und das eben erschienene “Bilder deiner großen Liebe”) sind Abschiedsgeschenke von großem Wert.
Übrigens erzählt  Herrndorf in seinem Buch auch noch vieles andere aus seinem Leben, lässt den Leser teilhaben an seinen Gedanken zu Themen wie Freundschaft, Literatur und sein schwieriges Verhältnis zu Staubflusen und seinem Nachbarn. Das Buch liest sich beinahe so, als würde man neben ihm in seiner Lieblingskneipe Prassnik sitzen und sich seinen großen und kleinen Alltag schildern lassen. Er muss ein wunderbarer Erzähler gewesen sein, auch jenseits der literarischen Form.
Der Worte sind genug geschrieben, denn eigentlich reicht ein einziges: Lesen.

Wolfgang Herrndorf, “Arbeit und Struktur”, Rowohlt-Verlag, ISBN 3871347817

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„Ach, du Schreck, mein Name ist weg“

Ach, du Schreck, mein Name ist wegSeitdem ich Mama bin, weckt alles was bunt, illustriert und wie ein Bilderbuch aussieht meine Aufmerksamkeit. Ich will ja meinem Kind was bieten, was gut ist, schön gestaltet, aber auch spannend. Es soll mir im besten Fall wunderbare Kuschelstunden mit meinem Mädchen bescheren.
Glücklicherweise habe ich dank meines Berufs als Buchhändlerin Zugang zu vielen Kinderbüchern und ich kann vor Ort die Spreu vom Weizen trennen. Meistens sind es Bücher aus großen Verlagen, die in der Buchhandlung zu finden sind. Umso mehr freut es mich, wenn ich auf ein Buch aufmerksam gemacht werde, das alles das beinhaltet, was ich mir von einem Bilderbuch wünsche.

„Ach, du Schreck, mein Name ist weg“ ist in erster Linie ganz toll illustriert. Ich mag die Bilder des Portugiesischen Künstlers Pedro Serapicos sehr. Und meine Tochter auch. Aber auch die Idee mag ich sehr. Das personalisierte Bilderbuch handelt von – in unserem Fall – einem Mädchen, das nach dem Aufwachen feststellt, dass sein Name verschwunden ist. Es merkt, dass etwas fehlt und begibt sich auf eine Reise, während der es die einzelnen Buchstaben des eigenen Namens wieder findet. Es begegnet Phantasiefiguren, Tieren, einem Ritter oder einer Meerjungfrau. Jeder von ihnen schenkt dem Mädchen einen Buchstaben, die am Ende des Buches den Namen des Kindes ergeben. Auf diese Weise entsteht ein besonderes Bilderbuch, mit dem sich jedes Kind identifizieren kann, egal ob Mädchen oder Junge.
Da es sich in unserem Fall um ein Rezensionsexemplar handelt, heißt das Mädchen im Buch Marie und trägt nicht den Namen meiner Tochter, dennoch lesen wir die Geschichte gerne, tauchen in die phantasievolle Welt ein und erleben viele schöne Momente mit dem mutigen und abenteuerlustigen Mädchen.

„Ach, du Schreck, mein Name ist weg“ eignet sich sehr gut als Geschenk für die Kleinen. Bald ist Weihnachten, auch der Advent und Nikolaus stehen vor der Tür. David Cadji-Newby, der die Originalgeschichte geschrieben hat, und im deutschsprachigen Raum die Berliner Kinderbuchautorin Susanne Weber bieten allen Eltern, Tanten, Großeltern und Freunden auf www.lostmy.name die Möglichkeit, ein schönes personalisiertes Buch zu verschenken.

Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es sich bei „Ach, du Schreck, mein Name ist weg“ um eine schöne Geburtstagsgeschenk-Idee für die Erwachsenen handelt. Oft überlegt man, was man einem Freud oder einer Freundin schenken kann, die schon „eh alles haben und nichts brauchen“. Ich bin mir sicher, dass auch ihnen das Buch gefallen wird.

Und wie entstand die Idee?
„Drei britische Väter und ein Onkel waren auf der Suche nach einem hochwertigen Tech-Produkt für ihre Kinder, Nichten und Neffen. Da sie nichts Passendes gefunden hatten, schrieben sie einfach selbst Geschichten, nämlich jeweils für den Namen des Kindes eine personalisierte. So wurde die Idee zu Lost My Name, einem personalisierten Kinderbuch geboren. Um es zu ermöglichen, dass aus allen Namen individuelle Geschichten entstehen können, wurden über 250 Geschichten geschrieben sowie Illustrationen gezeichnet.
Kurze Zeit nachdem Lost My Name als Startup gegründet wurde, waren in Österreich die zwei Brüder Paul und Lukas Cerny auf der Suche nach einem individuellen Geschenk für die Tochter ihrer Cousine. Bei der Suche nach einem geeigneten Geschenk stießen sie auf Lost My Name. Die Idee gefiel ihnen so gut, dass sie nicht nur ein Buch bestellten, sie schlugen den Urvätern von Lost My Name vor, das personalisierte Kinderbuch in den deutschsprachigen Raum einzuführen und somit maßgeblich zur Globalisierung von Lost My Name beizutragen.“

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Joshua Ferris „Mein fremdes Leben“

Mein fremdes Leben von Joshua Ferris„Die meisten Menschen verbringen ihr Leben unentschlossen zwischen Hoffnung und Angst. […] Sie hoffen einerseits auf einen Himmel, ängstigen sich anderseits vor dem Nichts.“ (377)

Joshua Ferris hat mich mit seinem Roman „Mein fremdes Leben“ auf eine Achterbahnfahrt mitgenommen. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Als ich den ersten Satz las, den ersten Absatz, die erste Seite, fühlte ich mich auf Anhieb wohl in seiner Sprache. Im Hinterkopf behielt ich stets seinen Roman „Ins Freie“, der zu den besten und beeindruckendsten Büchern gehört, die ich in meinem Leben gelesen hatte. Das war mein Fehler. Ich hatte von diesem, für den Man Booker Prize 2014 nominierten, Roman viel zu viel erwartet. Ich wollte einen ebenfalls so grandiosen Roman wie “Ins Freie” lesen. Ich hatte mich drauf eingestellt, dass mich „Mein fremdes Leben“ begeistern wird, dass ich es lieben werde. Und ich hatte mich von dem Klappentext und der Inhaltsangabe täuschen lassen.

Mein fremdes Leben_BuchManche Stellen, ja ganze Abschnitte, waren so langsam, fad und zögerlich, wie die Fahrt mit dem Achterbahn-Wagen zu einem Hügel. Man wartet ständig, dass gleich etwas passiert, die Zeit scheint still zu stehen, man hat das Gefühl nicht voran zu kommen und dabei will man nur den Looping erleben. Plötzlich erreicht man einen Punkt, ab dem die Züge rasen, die Seiten fliegen dahin, man blättert atemlos um, freut sich, genießt, Adrenalin rauscht durch die Adern. Ein wunderbarer Zustand, in dem man auch erkennt, was der Autor einem erzählen will und merkt, dass er schreiben kann, ist dankbar für alle schönen Sätze, Gedanken, für seinen Humor und Erkenntnisse. Dieser Rausch bleibt jedoch nicht auf Dauer erhalten. Plötzlich ist man wieder im Warten gefangen, blättert mutlos weiter und will wieder den literarischen Höhepunkt erleben. Der lässt aber auf sich warten. Bis man wieder von Gefühlen überrollt wird und abwechselnd dem Ende entgegen kriecht und rast.

„Es musste auch noch Hoffnung geben, egal, wie hoffnungslos sie war.“ (374)

- Joshua Ferris hat einen Roman über einen Mann geschrieben, der nach dem Sinn des Lebens sucht und der sich ebenfalls nach einer Gemeinschaft sehnt.
- Es ist ein Buch über den Glauben und über sein Fehlen.

Mein fremdes Leben_Gott- “Mein fremdes Leben” erzählt darüber, wie die Online-Welt unser Leben beeinflusst.
- Es ist ein Buch, das uns zeigt, dass das Geld nicht glücklich macht und große Verzweiflung und viele Enttäuschungen zum Selbstmord führen können.
- Ja, ich habe Teile von „Mein fremdes Leben“ gemocht.
- Ja, ich habe mich sehr oft gewundert, warum ich das Buch überhaupt lese.
- Ja, ich fand die zahnärztlichen Aspekte sehr interessant und informativ, so dass ich das letzte Mal meinen Zahnarzt mit anderen Augen sah.
- Ja, ich mag den Humor von Ferris und viele seiner Dialoge.
- Nein, ich mag Paul O´Rourke nicht.
- Nein, ich kann keine definitive Leseempfehlung aussprechen.
- Ja, ich empfehle es, versucht es mit dem Buch! Es stand ja auf der Shortlist zum Man Booker Prize. Schlecht kann es also nicht sein.
- Und wer sich für die Geschichte der Juden interessiert, sollte das Buch auf jeden Fall in die Hand nehmen.
- Und derjenige, der ein Ulm ist. Der auf jeden Fall!

„Und am Ende sind wir alle tot.“ (144)

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