Elena: “Ich will trotz allem leben.”
6. Juni 2010 von Bibliophilin
“Elena weiß Bescheid” von Claudia Piñeiro
Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-00404-7
Argentinien ist dieses Jahr Gastland an der Frankfurter Buchmesse. Deswegen werden diesen Herbst viele Bücher argentinischer Schriftsteller erscheinen. Man darf aber nicht die Bücher vergessen, die bereits erschienen sind. Zum Beispiel “Elena weiß Bescheid” von Claudia Piñeiro, das einen Mutter-Tochter-Konflikt beschreibt und zugleich einen kleinen Einblick in das argentinische Leben gibt. Da sagt der Taxifahrer zu Elena: “In diesem Land kann man einfach nicht mehr leben, Señora. Kaum geht man raus auf die Straße, bringt einen der Nächstbeste um, so ist es doch” (S.120)
Elena weiß über ziemlich viel Bescheid. Was sie aber nicht weiß, ist, wer ihre Tochter Rita umgebracht hat. Denn Rita hat keinen Selbstmord begangen. Das weiß Elena ganz bestimmt. Und es war auch kein Unfall. Das ist unmöglich, denn an diesem Tag hat es geregnet, Rita hatte Angst vor Blitzen, und ihre Leiche wurde in der Kirche gefunden, wo der Turm als Blitzableiter dient. Bis Elena nicht herausgefunden hat, wer ihre Tochter umgebracht hat, kann sie auch nicht um sie trauern. Deswegen sucht sie ganz verzweifelt nach einem Schuldigen, nach dem Mörder. Und ist sie überhaupt noch Mutter, wenn sie kein lebendes Kind mehr hat? Denn wer kann sie jetzt noch umarmen? Und wann hat sie mal jemanden umarmt?
Rita hat keine eigene Familie und ist laut Elena schon zu alt um einen Freund zu haben (den sie aber dennoch hat). Sie arbeitet als Kathechistin und pflegt ihre an Parkinson leidende Mutter. Es ist allerdings kein einfaches Parkinson sondern Parkinson Plus – eine erschwerte Form der Krankheit. Mit minutiöser Präzision beschreibt Piñeiro die Krankheit, so dass man sich die Leiden der noch nicht so alten Dame (sie ist noch nicht mal 65) vorstellen kann. Elena kann sich nicht mehr selbst pflegen, nicht mehr selbst auf die Toilette gehen, riecht ständig nach Urin. Auch die Gefühle von Rita beschreibt die Autorin unglaublich lebendig und so, dass man plötzlich versteht, warum Rita so war, wie sie war. Denn Elena und Rita hatten kein angenehmes Leben zusammen. Sie stritten selbst im gemeinsamen Urlaub die meiste Zeit und Rita litt unter ihren zahllosen Ängsten.
“Jetzt sind wir dran, jetzt müssen wir ihnen zurückgeben, was sie uns früher gegeben haben. Sie braucht Sie jetzt, so wie Sie früher Ihre Mutter gebraucht haben. Sie werden für Ihre Mutter die Mutter sein müssen, Rita. Die Elena, die wir bis jetzt gekannt haben, wird wie ein kleines Kind sein.
(…)
Nein, Doktor, meine Mutter wird kein kleines Kind sein, und ich werde nicht ihr Mutter sein. (…) das kann ich nicht.” (S.177/178)
“Elena weiß Bescheid” hat mich tief beeindruckt und alleine schon wegen dem Grundthema sehr mitgenommen. Dazu ist das Buch noch sehr gut und spannend geschrieben. Und obwohl mich Piñeiros “Ganz die Deine” nicht sehr angesprochen hat, freue ich mich schon auf ihr im Juli erscheinendes Buch “Donnerstagswitwen”.
Über die Autorin:
Claudia Piñeiro, Shootingstar der argentinischen Literatur, wurde 1960 in Buenos Aires geboren. Nach dem Wirtschaftsstudium wandte sie sich dem Schreiben zu, arbeitete als Journalistin, schrieb Theaterstücke, Kinder- und Jugendbücher und führte Regie fürs Fernsehen. Ihr Debütroman »Ganz die Deine« kam 2003 in die Endauswahl für den Premio Planeta, und für ihren zweiten Roman »Die Donnerstagswitwen« erhielt sie 2005 den Premio Clarín.




