Constanze hat hier ein Buch gewonnen und sich bereit erklärt, eine Gastrezension zu schreiben.
Nun ist sie fertig mit Lesen und Schreiben, und hier darf ich Euch ihre Rezension vorstellen:

„Am Ende eines Sommers“ lässt zwei Erzähler zu Wort kommen, die dem Leser einen sehr intimen Einblick in die Zeit ihres Aufwachsens gewähren. Zum einen ist da Mary, die den Leser in großen Sprüngen von ihrer behüteten Kindheit mit ihrer geliebten Schwester Rachel bis in die Gegenwart führt, von ihrer ersten Begegnung mit dem verwegenen Billy erzählt, ihren Schwangerschaften, von der Krise, die sich in ihrer Ehe schleicht und immer wieder von ihrer permanenten Traurigkeit.
Der zweite Erzähler ist Jake, Marys Sohn. Er begleitet den Erzähler durch einen kürzeren Zeitraum seiner Teenagerjahre, die bestimmt werden von Marys depressiven Stimmungsschwankungen. Jake erscheint zuerst mal als ganz normaler Junge, der ein bisschen in seine Lehrerin verliebt ist, einen Freizeitjob annimmt, um sich den großen Traum einer Musikanlage verwirklichen zu können und an seinem kleinen Hund die höchste Freude hat. So gar nicht zu der Vorstellung eines kleinen Jungen passt aber die Verantwortung, die er zu tragen hat. Wenn seine Mutter wieder mal tagelang das Bett nicht verlässt oder das Essen knapp wird, ist er es, der sich um sie und seinen kleinen Bruder Andy kümmert. Er wird in die Rolle eines Erwachsenen gezwängt, die ihn immer wieder aus seiner sorglosen Kindheit reißt und sein kindliches Verhalten mehr und mehr zu verdrängen scheint.
Durch die parallelen Erzählungen der Hauptfiguren wird das Buch sehr schnelllebig und niemals langweilig. Man hofft ständig auf Überschneidungspunkte, einen Moment, in dem Marys Erzählung die ihres Sohnes einholt und sie ineinander übergehen. Von diesem Moment erwartet man Erklärungen und etwas mehr Durchblick.
Während des ganzen Romans ist Jake aber der einzige, dessen Handlungen immer nachvollziehbar bleiben. Wo liegt die Ursache für Marys Traurigkeit? Was hat es mit Rachels Sohn und der Ähnlichkeit zwischen beiden Jungs auf sich?
So sehr man Jake ein Happy End wünscht, so sicher ist man sich doch während der ganzen Geschichte, dass eine Katastrophe unausweichlich sein wird. Die Idylle, die sich im Laufe der Geschichte unverhofft wieder über das Familienleben legt, wirkt brüchig und instabil, sogar ein wenig aufgesetzt. Ganz misstrauisch mag man sich nicht auf sie verlassen, es scheint nur wenig zu brauchen, um dieses zerbrechliche Glück wieder einstürzen zu lassen. Und so kommt es auch.
Die Autorin Isabel Ashdown lässt vieles nur angedeutet, einige Erklärungen bleiben dem Leser verwehrt. Man fühlt immer mehr mit Jake, hofft auf ein versöhnliches Ende für ihn, wie er es verdient hätte, und will für die Katastrophe, die die Familie letztendlich ereilt, zumindest Erklärungen bekommen. Zwischen den Zeilen reimt man sich eine Geschichte zusammen, die von Mary und Jake unerzählt bleibt, da sie sie selbst nicht kennen und bestenfalls ahnen können. Obwohl sie sehr tiefen Einblick in ihre Leben und ihre Ängste gewähren, haben sie eines gemeinsam: die Unwissenheit darüber, was hinter ihrem Rücken irgendwann in der Vergangenheit geschehen sein muss. Vieles bleibt unausgesprochen in Isabel Ashdowns Geschichte, nur eines kann man immer fühlen: diese schwere Melancholie, die sich durch die ganze Erzählung zieht und die Familie belastet.
Wie ein Sog hat mich die Geschichte in sich hineingezogen und dieses düstere Gefühl, vielleicht auch eine Vorahnung, wollte mich während des Lesens nicht verlassen. Dabei wünscht man sich so sehr, dass sie sich vielleicht als falsch herausstellen könnte.
Während des Lesens hat mich zumindest die Stimmung im Buch sehr an „Die Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides erinnert. Auch wenn die Handlungen einander nicht gleichen, so sind beide unwahrscheinlich traurige Familiengeschichten, in denen ein Happy End dem Leser schon sehr bald unmöglich scheint.
Ich habe das Buch sehr gern gelesen und mich erstaunlich stark von der Geschichte von Mary und Jake berühren lassen. Der Hauch von Enttäuschung, der sich nach dem letzten Umblättern eingeschlichen hat, hat also nichts mit Isabel Ashdowns Geschichte zu tun, sondern mit einem Gefühl von Ungerechtigkeit, die insbesondere Jake in dem Roman widerfahren ist.
Liebe Constanze, vielen Dank!